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Wie die Krise ihren Schrecken verliert So trotzen BMW & Co. mit Flexibilisierung der Flaute

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Vorbild BMW

Kai Acheler Quelle: Martin Hangen für WirtschaftsWoche

Infineon etwa konnte in der Krise 2008/09 mithilfe der Arbeitsflexibilisierung weit über 1000 Mitarbeiter an Bord halten, statt zuerst Leute zu entlassen und ein Jahr später mühsam neue Kräfte anzuheuern. Auf diese Weise konnte das Unternehmen in Teilbereichen Umsatzeinbrüche von bis zu 50 Prozent kostengünstig abfedern. „Der schnelle Aufschwung nach der Krise 2009 war in Deutschland nur möglich, weil die Mitarbeiter noch an Bord waren“, sagt die US-Arbeitsmarktspezialistin Hunt.

Grafik Entwicklung der Arbeitszeitkonten und der Kurzarbeit in Deutschland

Als deutschlandweites Vorbild für Arbeitszeitflexibilisierung gilt BMW. Der Konzern hat einen Flexibilisierungsbaukasten, mit dem er einen 30-prozentigen Absatzrückgang mehr als vier Jahre ohne Personalabbau durchstehen kann. „Wir haben mit dem Konzept einen großen Sprung gemacht“, sagt der oberste BMW-Personalstratege Hubert Schurkus. So theoretisch ein Horrorszenario von 30 Prozent Umsatzeinbruch auch sein mag und so wundersam seine Bewältigung klingt: Die Instrumente dafür liegen bei BMW bereit. Im Sommer handelten Vorstand und Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung mit dem Titel „Strategische Flexibilität der BMW AG“ aus.

Schrittweises Zurückfahren

Die Vereinbarung sieht acht Maßnahmen vor, je nach Ausmaß des Rückgangs. In den ersten Stufen des Krisen-Eskalationsplans lässt BMW an Brückentagen die Bänder ruhen und verkürzt Schichten. Geht der Absatz um mehr als zehn Prozent zurück, werden Schichten gestrichen. Reicht das nicht, wird die Produktion eine Zeit lang angehalten.

Wie BMW 30 Prozent Absatzrückgang überbrücken kann

Möglich wird dies durch Arbeitszeitkonten, auf denen die Mitarbeiter in guten Zeiten bis zu 300 Überstunden ansparen und in schlechten Zeiten bis zu 300 Stunden ins Minus gehen können. Wird die Produktion unterbrochen, schmilzt das Zeitkonto entsprechend. Genügt das nicht, müssen die Mitarbeiter auch Urlaub nehmen, wobei ihnen mindestens drei Wochen bleiben müssen.

Wenn Produktionsunterbrechungen nicht mehr ausreichen, weil der Absatz dauerhaft um über 20 Prozent zurückgeht, wird die Arbeitszeit, wie im Manteltarifvertrag der IG Metall vorgesehen, verkürzt. Nur wenn alle Reserven aufgebraucht sind, die Arbeitszeitverkürzung nicht mehr reicht und der Absatz dauerhaft um 30 Prozent einbricht, meldet BMW Kurzarbeit an.

Sonderschichten für den 3er

Davon ist der Konzern derzeit allerdings weit entfernt. Trotz Flaute in der Autobranche füllen sich bei BMW die Zeitkonten: „Im ersten Halbjahr 2013 wird BMW zwölf Sonderschichten im Werk München fahren, wo der 3er gebaut wird“, sagt Betriebsratschef Manfred Schoch. „Es werden dadurch rund 6000 BMW 3er zusätzlich gebaut, weil sich das Modell so gut verkauft.“

Vorreiter bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit in Deutschland ist allerdings der Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen bei Stuttgart. Die Schwaben haben schon nach der großen Branchenkrise vor gut eineinhalb Jahrzehnten ein sogenanntes Regelarbeitszeit-, Mehrarbeitszeit- und Gleitarbeitszeitkonto einrichtet, intern Raz-Maz-Glaz-System genannt.

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