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Zug-Fusion von Siemens und Alstom Eine Hochzeit und viele Kritiker

ICE von Siemens und ein TGV von Alstom Quelle: REUTERS

Siemens und Alstom treiben den Zusammenschluss ihrer Zug-Sparten voran. Doch der Widerstand in Frankreich wächst: Beschäftigte, Politiker und Ökonomen fürchten die deutsche Vorherrschaft aus München.

Siemens-Chef Jo Kaeser hatte bereits vorige Woche gute Zahlen vorgelegt, nun war die Reihe an Henri Poupart-Lafarge. „Wir haben Glück. Der Transport per Bahn wird das Rückgrat der Mobilität der Zukunft sein. Da kann Siemens-Alstom eine enorm wichtige Rolle spielen,“ sagte der Alstom-Chef am Mittwoch bei der Ergebnis-Präsentation für das letzte komplette Geschäftsjahr vor der geplanten Fusion der Bahngeschäfte beider Unternehmen.

Mit einem Umsatzplus von neun Prozent auf acht Milliarden Euro und einem Nettogewinn von 475 Millionen Euro für das Ende März abgeschlossene Geschäftsjahr sieht auch der Franzose sein Unternehmen bestens vorbereitet für den Zusammenschluss. Er soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Doch nicht wenige Franzosen würden die Signale gerne auf Rot stellen.

Olivier Marleix zum Beispiel. „Die Staatsmacht kann noch eingreifen, um die Preisgabe einer industriellen Erfolgsgeschichte zu verhindern,“ appelliert der konservative Parlamentsabgeordnete. Er leitet in der Assemblée Nationale eine Untersuchungskommission über die Rolle des Staates bei den jüngsten Fusionen und Übernahmen französischer Unternehmen.

Eine weitere Kommission arbeitet derweil im Senat, der zweiten französischen Parlamentskammer, und kommt nach gut drei Dutzend Anhörungen und Besuchen französischer Alstom-Standorte zu einer vernichtenden Kritik: Es sei mehr als fragwürdig, dass die Münchner „Alstom kontrollieren werden, ohne einen Cent auszugeben, obwohl die Orderbücher voll sind und die Liquidität gesund ist“, schreibt der ebenfalls konservative Senator Alain Chatillon stellvertretend für die insgesamt 27 Gremiumsmitglieder in seinem Rapport.

Das Misstrauen überwiegt – wie auch bei PSA und Opel

Die Kritiker treibt um, dass Siemens eine Mehrheit von knapp über 50 Prozent halten wird. Sitz und Chefposten gehen aber nach Frankreich. Wenn der nach Plan läuft, die Alstom-Aktionäre im Juli und die Wettbewerbsbehörden bis Jahresende zustimmen, wird Poupart-Lafarge beim nächsten Mal die Zahlen für das fusionierte Unternehmen präsentieren. Nur unter der Bedingung einer „Fusion unter Gleichen“ hat Kaeser endlich Einfahrt in den großen Pariser Bahnhof erhalten. 2014 war er im Ringen um die Energiesparte von Alstom noch den Amerikanern von GE unterlegen.

Trotzdem: Von dem Anspruch, einen „Airbus der Schiene“ zu formieren, könne keine Rede sein, klagt Chatillon. „Wir bedauern, dass der Staat diese Bedingungen akzeptiert hat und nicht einmal ausreichende Garantien für den Erhalt der Standorte und der Expertise in Frankreich gemacht wurden.“ Die Standortgarantien gelten für vier Jahre nach Abschluss der Fusion.



Es erscheint paradox: Unzählige Ökonomen, Analysten, Politiker und Lobbyisten plädieren seit Jahren für eine engere Zusammenarbeit deutscher und französischer Unternehmen, um strategische Industrien und Know-how zu erhalten, die Entwicklung neuer Kompetenzen zu fördern und sich gemeinsam der neuen Konkurrenz vor allem aus Asien zu stellen. Doch wenn es dann soweit ist, überwiegt erst einmal das Misstrauen.

Es ist auch kein Zufall, dass die Furcht um französische Alstom-Standorte gerade sehr an die Diskussion um deutsche Opel-Werke nach der Übernahme durch den französischen Autobauer PSA erinnert. Da sitzen die als Widersacher ausgemachten Entscheider nur auf der anderen Seite des Rheins.

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