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Zukunftsbranchen Hier haben deutsche Unternehmen die Nase vorn

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Medizintechnik: Gut genug reicht

Davon träumen andere Branchen: 4,5 Prozent Wachstum pro Jahr bis 2018, dann wird der weltweite Umsatz für Medizintechnik bei 455 Milliarden Euro liegen, fast 80 Milliarden mehr als heute. Die Gesundheitswirtschaft gilt als einer der stärksten Treiber globalen Wachstums und made in Germany als perfektes Qualitätssiegel, um deutsche Medizintechnik zu vermarkten.

Doch vor allem Mittelständler unterhalb der Schlagkraft einer Siemens-Medizintechniksparte verpassen gerade den Einstieg in das aussichtsreichste Segment: Es ist die sogenannte Good-enough–Technik. Sie liefert abgespeckte Instrumente und Apparate, die aber passgenau die Konsumentenerwartungen erfüllen.

Denn Milliarden Menschen in Schwellenländern wollen gar nicht die traditionelle Spezialität deutscher Ingenieure: das Neuste vom Besten zum höchsten Preis. Mangels Geld genügen ihnen zuverlässige, transportable und leicht zu reparierende Produkte. Sie sind bei Bild- und Diagnosequalität ähnlich gut wie die High-Tech-Geräte, verzichten aber auf Extras wie externe Anschlüsse oder die Möglichkeiten, Untersuchungsergebnisse auszudrucken. So kostet eine tragbares, PC-basiertes Ultraschallgerät 15.000 Dollar, mit vielen Extras ausgestattete High-Tech-Geräte aber 100.000 Dollar.

Inzwischen steigt der Gut-genug-Absatz selbst in westlichen Staaten. Zum einen, weil dort die Gesundheitsausgaben aus dem Ruder laufen, und zum anderen, weil auch die Good-enough-Technik immer ausgereifter ist. Reverse Innovation nennt sich das: In Ländern wie China oder Indien zunächst für die Heimatmärkte entwickelte Good-enough-Technik erobert den Westen. Bei abgespeckten Produkten aus der Telekommunikationsindustrie – zum Beispiel Tablets – gibt es das längt.

Der Lübecker Medizintechniker Dräger nutzt den Trend in seinem Beritt längst. Der Mittelständler entwickelte dafür beispielsweise in Shanghai ein Narkosegerät.

Doch die Mehrheit ist spät dran. Gregor-Konstantin Elbel, Partner Health Care bei Deloitte in Düsseldorf, warnt: „Familienunternehmen haben diesen Trend zu lange nicht ernst genommen, und den Startups mangelt es anders als in den USA häufig an Kapitalgebern.“ Inzwischen gehe es um Preis- und Qualitäts- statt um Technikführerschaft: „Die Deutschen müssen Produkte auch mit einheimischen Mitarbeitern von Anfang an vor Ort entwickeln.“

Zudem hat sich Europas Medizintechniklobby gerade einen Bärendienst erwiesen, indem sie strengere Qualitätsstandards durch die EU verhinderte. Sie wären mit denen der US-Aufsichtsbehörde FDA vergleichbar gewesen und hätten die Europäer weltweit wettbewerbsfähiger gegenüber den erfolgreichen Medizintechnikern aus Amerika gemacht.

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