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Infektionserreger Ehec Die Folgen für die Bauern

Schweinegrippe, Geflügelpest, Rinderwahnsinn - mit der Ehec-Seuche trifft es nun insbesondere Vegetarier, die nicht mehr wissen, was sie essen sollen. Die große Verunsicherung der Konsumenten hat enorme wirtschaftliche Folgen für den Handel und die Landwirtschaft, auch wenn deren Produkte gar nicht verunreinigt sind.

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Gemüsebauer Theo Germes Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Die Suche nach dem Infektionsherd für den gefährlichen Darmkeim Ehec geht weiter. Wirtschaftlich betrachtet, ist die Seuche wie die Schweinegrippe, Geflügelpest oder der Rinderwahnsinn vorher, eine Katastrophe für die Bauern und den Lebensmittelhandel. 300 Millionen Euro Umsatz pro Woche kostet Schätzungen zufolge Ehec den deutschen Handel und die hiesigen Bauern. Denn mehr als die Hälfte der Konsumenten hält sich beim Kauf von Gurken, Tomaten und Salat völlig zurück, berichtet der Deutsche Fruchthandelsverband. Auch das restliche Gemüse verkauft sich nicht. Dennoch haben viele Supermärkte bisher nur spanische Gurken aus ihrem Sortiment verbahnt, die unter dem Anfangverdacht standen, die Quelle für Ehec zu sein.

Auch wenn die Hamburger Gesundheitsbehörden nun zugeben, dass der Ehec-Keim auf den spanischen Gurken nicht derselbe gefährliche ist wie der der erkrankten Patienten: Spaniens Landwirtschaft ist bereits im Keller. Lidl, Aldi und Rewe haben kurzfristig komplett oder teilweise die Importe von spanischem Gemüse eingestellt. Hamburg hält zudem die Warnung aufrecht, keine Gurken und Tomaten zu essen, was die spanische Landwirtschaft, die 80 Prozent ihrer Bioware exportiert, weiter stark beeinträchtigt. Und auch Bundesinstitut für Risikobewertung empfahl, vorsorglich weiter auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate zu verzichten.

Spaniens Betriebe sind sauber

„Ein Domino-Effekt“, wie man bei Rewe zugibt, wo der Einfuhrstopp für spanische Tomaten und Gurken trotz der neuen Nachrichtenlage nicht aufgehoben wurde. Die Supermarktkette hat jedoch bisher gute Erfahrungen mit Spaniens Agrarprodukten gemacht und unterhält dort auch eine eigene Vertriebsgesellschaft: Campiña Verde in Cordoba, die mit dem bisher verdächtigten Betrieb Frunet zusammenarbeitet. Die Betriebe sind sauber, ergaben mehr als 200 Tests, trotzdem ist der Ärger auf die Deutschen dort groß: „Der Imageschaden ist gar nicht mehr gut zu machen“, heißt es bei Frunet. Der kleine Betrieb hatte sogar eine Kommunikationsagentur in Deutschland einschalten müssen, um der Flut von Medienanfragen Herr zu werden. Rechtsanwälte wurden engagiert, eine Entschädigungsklage wird in Betracht gezogen. „In Spanien gab es keinen Krankheitsfall und es hing alles an umgekippten Frunet-Paletten, die beim Umladen in Deutschland wahrscheinlich infiziert wurden“, sagt Martin Eimer, Qualitätsverantwortlicher bei Campiña Verde.

Auch die hiesigen 5000 Gemüsebauern und Erzeuger leiden, pflügen ihre nicht verkäufliche Ernte unter. 50 Prozent weniger Umsatz erzielt etwa der Anbieter von verpacktem Salat, Gartenfrisch Jung, seit dem Ausbruch von Ehec. Die abgepackte Ware unterliegt höheren Hygienestandards als unverpackte, dennoch untersucht das Unternehmen aus der Nähe von Heilbronn seine Ware auf Ehec-Keime. Auf das Ergebnis muss es jedoch länger warten, sind doch alle Labors überlaufen. Noch härter trifft es etwa Theo Germes aus Geldern bei Duisburg. Der Bauer verkauft zurzeit nur zehn Prozent seiner Tomaten, die er unter Glas auf drei Hektar anbaut. Sein Verlust pro Tag liegt bei 8000 bis 10.000 Euro. Am kommenden Freitag muss er beginnen, seine tägliche Ernte von 8000 Kilogramm Tomaten zu vernichten, sind doch dann seine Lager- und Kühlzellen prall gefüllt. Vielleicht nimmt sie ein benachbarter Landwirt, der eine Biogasanlage betreibt.

Der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse schätzt, dass die Kaufzurückhaltung - auch bei anderem Gemüse - täglich zu Umsatzeinbußen von rund vier Millionen Euro führt.

Tödlicher Keim im Ausland

Bundesweit wurden bisland 16 Totesfälle in Verbindung mit Ehec registriert, darunter 14 Frauen. Auch im Ausland breitet sich der tödliche Keim weiter aus: In Tschechien gibt es einen ersten nachgewiesenen Fall. Laut EU-Kommission gibt es zudem in Schweden, Dänemark, Frankreich, Österreich, Großbritannien und den Niederlanden Ehec-Fälle. Meistens seien die Erkrankten kurz zuvor in Deutschland gewesen.

Alle Aufmerksamkeit gilt im Moment der Suche nach dem Infektionsherd. Ist er gefunden, will der Deutsche Bauernverband über Schadenersatz nachdenken. Spaniens Bauern sind weiter: Sie fühlen sich zu unrecht beschuldigt und fordern eine Entschädigung. Denn bisher konnte der gefährliche Erreger nur in Stuhlproben von Infizierten, nicht aber auf Rohkost entdeckt werden.

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