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Insolvenzen Bis zu 20 Prozent mehr Pleiten in 2010

Die Zahl der Unternehmenspleiten wird auch im neuen Jahr weiter zunehmen. Schuld daran sind Überkapazitäten und Kapitalengpässe. Aber nicht immer bedeutet die Insolvenz das endgültige Aus.

Ein Schild mit der Aufschrift Quelle: AP

Im neuen Jahr werde manches „erst noch schwieriger, bevor es wieder besser gehen kann“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache. Die Unternehmensberater von Roland Berger sehen das ähnlich: „Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland wird 2010 weiter steigen“, prophezeit Gerd Sievers, Partner bei Roland Berger und Spezialist für Unternehmens-Finanzierung und Restrukturierung. Die Berater hatten Insolvenzverwalter, Finanzinvestoren und Banker nach ihrer Einschätzung gefragt, die Ergebnisse der Studie liegen der WirtschaftsWoche jetzt exklusiv vor. Fast 40 Prozent der Befragten waren Finanzinvestoren, ein Drittel Insolvenzverwalter, der Rest sogenannte Workout-Banker – Finanzexperten, die auf die Finanzierung von Unternehmen in der Krise spezialisiert sind. Die Befragung wurde Ende des dritten Quartals vergangenen Jahres abgeschlossen.

Zunahme um 20 Prozent erwartet

Im vergangenen Jahr mussten nach Hochrechnung von Creditreform 34.300 Unternehmen Insolvenz anmelden – 16 Prozent mehr als 2008. Für dieses Jahr erwarten die von Berger befragten Experten noch einmal eine Zunahme um zehn, schlimmstenfalls sogar um bis zu 20 Prozent. Vor allem knappe Finanzmittel und Überkapazitäten in den jeweiligen Branchen sind die Hauptgründe für diese Entwicklung. Die meisten Befragten halten die Rezession für die Hauptursache der zu erwartenden Entwicklung. Daran ändern auch die durchweg positiven Wachstumserwartungen der Konjunkturforscher nichts: „Die Realwirtschaft läuft den Prognosen hinterher“, sagt Sievers, „die Konjunktur ist 2009 in einigen Branchen um bis zu 40 Prozent eingebrochen – in diesen Branchen wird es noch Jahre dauern, bis das Niveau von 2008 wieder erreicht ist.“

Bei Finanzdienstleistern herrschen wieder normale Verhältnisse

Die Finanzklemme hat nach Ansicht der von Berger befragten Experten besonders dramatische Auswirkungen für die durch die schlechte Auftragslage geschwächten Unternehmen: „Zunehmend werden auch im Kern gesunde Unternehmen durch Finanzierungsprobleme in Schwierigkeiten geraten“, befürchtet Berater Sievers, „staatliche Programme können die Engpässe nur teilweise kompensieren.“ Allerdings dürften die Einschläge nicht flächendeckend gleichermaßen schwer erfolgen: Von der neuen Pleitewelle bedroht sind insbesondere die Automobilbranche und der Anlagen- und Maschinenbau, ebenfalls betroffen ist die Logistik. Weniger gefährdet sind Einzelhandel, Konsumgüterhersteller, Finanzdienstleister sowie Unternehmen der Telekommunikationsbranche. Bei den Finanzdienstleistern herrschen als Folge des positiven Börsenverlaufs fast schon wieder normale Verhältnisse, die verbrauchernahen Unternehmen und die Telco-Branche profitieren vom bisher kaum eingetrübten privaten Konsumklima.

Völlig unterschiedlich schätzen die Experten das Insolvenzrisiko in Bezug auf die Unternehmensgröße ein. Während Großunternehmen und Konzerne nach Ansicht der Befragten wenig Grund zur Sorge haben, tragen mittelständische Unternehmen mit Umsätzen zwischen zehn und 500 Millionen Euro im Jahr ein besonders hohes Insolvenzrisiko. Die Gründe liegen zum einen im beschränkten Zugang zum Kapitalmarkt und zum anderen in der Gesellschafterstruktur. Allerdings muss eine Pleite nicht das endgültige Aus für ein Unternehmen bedeuten, zumal sich die Insolvenzverwalter mehr als noch vor ein paar Jahren um Rettung und Weiterführung bemühen. Damit kann der Gang zum Konkursverwalter auch der erste Schritt zum Neuanfang sein. „Die Insolvenz kann unter gewissen Umständen die Chance bieten, sich schneller als unter normalen Umständen von Altlasten zu befreien“, sagt Berger-Berater Sievers, „die operativen Kapazitäten lassen sich zum Beispiel oft wesentlich schneller und einfacher anpassen.“  

Insolvenz als Chance

Der Grund: Insolvenzverwalter haben ein außerordentliches Kündigungsrecht bei Miet- und Lieferverträgen, die Finanzstruktur lässt sich schneller anpassen und auch die Belegschaftsstärke kann kurzfristig verringert werden. Ein Bremsklotz kann allerdings die Gesellschafterstruktur sein. Sievers: „Bei Unternehmen mit privater Eigentümerstruktur versucht das Management oft so lange wie möglich, die Insolvenz zu vermeiden. Dadurch kann es im schlimmsten Fall passieren, dass das Unternehmen die Chance auf eine Sanierung verpasst.“ Der Vorteil schnellerer Kapazitätsanpassung kann auch für strategische Investoren interessant sein, zumal im Kern gesunde aber durch die Finanzkrise in Not geratene Unternehmen meist billig und unter Substanzwert zu haben sind. Allerdings müssen die Käufer insolventer Unternehmen heute mehr Geld mitbringen als früher: „Fremdfinanzierungen für den Kauf oder die Übernahme insolventer Unternehmen sind schwieriger zu bekommen als in den Vorjahren“, sagt Sievers. „Sehr häufig wird ohne eine Eigenkapitalquote von mindestens 60 Prozent nichts laufen.“ Finanzinvestoren spielen darum als Käufer kaum noch eine Rolle.

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