WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Internet/Telekommunikation Europas IT-Branche wird abgehängt

Seite 2/3

Konzerne straucheln

Haushalte mit Glasfaseranschluss in ausgewählten Industrieländern

Die Unternehmen stehen zweifellos vor einem der größten Umbrüche ihrer Geschichte, weil Informationstechnik und Telekommunikation immer mehr zu einer Riesenbranche verschmelzen. Einst getrennte Geschäfte, bilden Hardware, Software und Netze zunehmend eine feste Einheit. Alles, Menschen und Maschinen, ist künftig rund um die Uhr miteinander vernetzt. Komplexe Prozesse wie Verkehrslenkung, Energieversorgung oder Produktionsabläufe werden in absehbarer Zeit vollautomatisch über das Internet ausgesteuert.

In diesem Megamarkt wollen alle ITK-Konzerne ganze vorne mitspielen. Doch ausgerechnet jetzt straucheln einige führende Unternehmen in Europa:

In der Telekommunikation, also dem Geschäft mit der Datenübertragung, bringen exorbitant steigende Infrastrukturinvestitionen die Konzerne in die Bredouille. Die Deutsche Telekom musste deswegen ihre amerikanische Mobilfunktochter und damit auch ihre globalen Ambitionen verkaufen. In wichtigen Wachstumsmärkten wie den Web-Services und den IT-Dienstleistungen spielen europäische Anbieter schon länger keine Rolle mehr. Lediglich SAP aus dem badischen Walldorf bricht in die Phalanx der US-Giganten im Softwaregeschäft ein und verteidigt beharrlich seine Position als viertgrößter Anbieter von Unternehmenssoftware gegen starke Konkurrenten wie Microsoft, IBM und Oracle.

Dramatisch verschieben sich die Kräfteverhältnisse bei den Smartphones. Vier von fünf Handykäufern greifen inzwischen zu den schicken Alleskönnern. Doch Geräte von Nokia und anderen europäischen Herstellern stehen ganz unten in der Gunst der Kunden. Apple (beim Umsatz mit iPhones) und Google (mit dem Betriebssystem Android) aus der amerikanischen IT-Hochburg Silicon Valley zogen im ersten Quartal 2011 bei Smartphones erstmals an dem einstigen Branchenprimus Nokia vorbei. „In den USA schlägt das Herz der Smartphones“, gab kürzlich sogar Jo Harlow zu, die im Nokia-Vorstand den Geschäftsbereich Smartphones leitet. Es sei ein Fehler gewesen, dass Nokia die strategischen und technischen Entwicklungsarbeiten nicht früher nach Kalifornien ins Silicon Valley verlagert habe. Dort sei das neue Zentrum des Handyuniversums.

Krieg zwischen Ost und West

In der Brüsseler EU-Kommission klingeln bei dieser Entwicklung die Alarmglocken. „Auf allen Ebenen stehen wir vor einem Krieg zwischen Ost und West“, räumte kürzlich die für ITK zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes ein. Europa laufe Gefahr, zwischen diesen beiden Fronten „zerdrückt zu werden“. Die USA, traditionell stark bei Web-Inhalten und -Services, bauen ihre Positionen weiter aus. Und Unternehmen aus Südostasien schrauben nicht mehr nur Computer, Smart-phones oder Notebooks preiswert zusammen, sondern würden die ITK-Branche auch mit Innovationen überschütten, die früher aus Europa gekommen seien, warnt Kroes.

Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom wundern sich über die neuen Töne aus Brüssel. Denn bisher erregte die EU-Kommission vor allem mit Beschlüssen Aufmerksamkeit, die den Verbrauchern halfen, etwa durch das Absenken der Gebühren beim grenzüberschreitenden mobilen Telefonieren. Damit sorgte Brüssel jedoch gleichzeitig dafür, dass trotz des Smartphone-Booms und der intensiveren Nutzung des mobilen Internets die Umsätze bei den meisten Netzbetreibern stagnieren oder sogar fallen. „Milliarden wurden aus dem Markt genommen, die jetzt beim Glasfaserausbau fehlen“, schimpfen unisono die Netzbetreiber. Neue Web-Angebote wie Internet-TV oder das Herunterladen von Videos benötigen deutlich höhere Bandbreiten.

Insbesondere Deutschland fällt im Internet zurück. Mit einem Anteil von gerade mal 3,2 Prozent trägt das Web deutlich weniger zum Bruttoinlandsprodukt bei als in anderen Industrienationen, stellt die Unternehmensberatung McKinsey in einer Vergleichsstudie fest. An der Spitze stehen Länder wie Schweden, Südkorea und Japan, die die Verbreitung des Internets gezielt staatlich fördern und auch beim Glasfaserausbau das Tempo vorgeben. Deutschland hat erst 1,6 Prozent aller Privathaushalte mit superschnellen Glasfaseranschlüssen ausgerüstet und gehört damit zu den Schlusslichtern, zeigt ein Ländervergleich (siehe Grafik).

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%