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Internet/Telekommunikation Europas IT-Branche wird abgehängt

Europas Informations- und Kommunikationsindustrie fürchtet die Zweitklassigkeit. Deshalb sollen die Regierungen mit wohlwollenden Regelungen den Bau schneller Internet-Verbindungen beflügeln. Bezahlen müssten die Verbraucher mit höheren Gebühren.

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IT Quelle: Getty Images

Es war eine ungewöhnliche Elefantenhochzeit. Gemeinsam führten Klaus Kleinfeld und Olli-Pekka Kallasvuo ihre Unternehmenssparten, die Netzwerke für die Telekommunikation bauten, zum Traualtar und verknüpften ihr „Ja“-Wort mit einer Kampfansage. „Hier entsteht ein neuer europäischer Titan in der Telekommunikationsindustrie“, schrieb Kleinfeld seiner Tochter ins Stammbuch. Das neue Unternehmen mit dem langen Namen NokiaSiemensNetworks sei „bestens positioniert, die Profitabilität zu steigern“. In der Weltliga der Telekommunikation werde der neue Player ganz vorne mitspielen.

Die Eheschließung datiert vom 20. Juni 2006, die Trauzeugen waren der damalige Siemens-Chef Kleinfeld und sein Nokia-Kollege Kallasvuo. Heute, nach fünf Jahren trister Zweisamkeit, ist an die Stelle der Euphorie tiefe Enttäuschung getreten. Der Kampf um die Marktführerschaft im Netzinfrastrukturgeschäft ist verloren. Aus dem vermeintlichen Titanen NokiaSiemensNetworks ist ein wankender Riese geworden, den die Preisschlachten mit dem chinesischen Billiganbieter Huawei zeitweise in die roten Zahlen trieben.

Tatsächliche und voraussichtliche Umsätze der deutschen Telekommunikationsbranche bis 2020 gegenüber 2006

Schon suchen die heutigen Chefs von Nokia und Siemens, Stephen Elop und Peter Löscher, nach attraktiveren Partnern. US-amerikanische Finanzinvestorengruppen, darunter die Texas Pacific Group (TPG), Kohlberg Kravis & Roberts (KKR), die Platinum Equity und die Gores Group, legen in Kürze ein Übernahmeangebot vor. Insider erwarten, dass NokiaSiemensNetworks nicht mehr allzu lange die Namen seiner prominenten europäischen Mütter tragen wird.

Das Gebilde von 2006 ist nicht das einzige europäische Unternehmen aus der IT- und der Telekommunikationsbranche, kurz: ITK, das in Schwierigkeiten steckt. Das Internet erobert die Welt und schwingt sich zu einem der größten Wachstumsmärkte mit einem Volumen von derzeit rund 2,3 Billionen Euro auf. Nur: Vom Siegeszug profitieren vor allem Unternehmen aus den USA und Südostasien. Ob internetfähige Handys, die Smartphones, der Ausbau der Datennetze, die Dienste im Web, Computerprogramme oder IT-Services – immer weniger Unternehmen aus Europa und insbesondere aus Deutschland spielen in der ersten Liga.

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    Branche hofft auf die Politik

    Einer Schlüsselindustrie in Europa, der Telekommunikation, droht sogar der Absturz. Bis 2020 erwartet die Unternehmensberatung McKinsey allein in Deutschland einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent. Statt 52 Milliarden Euro wie 2010 flössen dann nur noch 36 Milliarden Euro in die Unternehmenskassen (siehe Grafik). Die Ursache sei, dass Deutschland die Wachstumschancen eines beschleunigten Ausbaus superschneller Glasfaseranschlüsse verpasst, ermittelte McKinsey in einer Exklusiv-Studie für die WirtschaftsWoche. Ausgerechnet die Branche, die bis 2006 mit überdurchschnittlichen Zuwachsraten glänzte, verlöre damit ganz schnell an Bedeutung. 100.000 Arbeitsplätze seien dadurch akut gefährdet.

    Und schon fordern die Unternehmen, der Staat möge sie kräftig unterstützen. „Wir müssen den Telekommunikationsunternehmen die Kapitalkraft lassen und Investitionen in Infrastruktur anreizen“, fordert der scheidende Verbandspräsident August-Wilhelm Scheer. Das neue Telekommunikationsgesetz, das der Bundestag noch vor der Sommerpause verabschieden will, solle „erste industriepolitische Signale“ setzen und alle Hindernisse beim Glasfaserausbau aus dem Weg räumen. Dies sei „eine epochale Herausforderung, die Wirtschaft und Staat nur gemeinsam stemmen können“.

    Konzerne straucheln

    Haushalte mit Glasfaseranschluss in ausgewählten Industrieländern

    Die Unternehmen stehen zweifellos vor einem der größten Umbrüche ihrer Geschichte, weil Informationstechnik und Telekommunikation immer mehr zu einer Riesenbranche verschmelzen. Einst getrennte Geschäfte, bilden Hardware, Software und Netze zunehmend eine feste Einheit. Alles, Menschen und Maschinen, ist künftig rund um die Uhr miteinander vernetzt. Komplexe Prozesse wie Verkehrslenkung, Energieversorgung oder Produktionsabläufe werden in absehbarer Zeit vollautomatisch über das Internet ausgesteuert.

    In diesem Megamarkt wollen alle ITK-Konzerne ganze vorne mitspielen. Doch ausgerechnet jetzt straucheln einige führende Unternehmen in Europa:

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      In der Telekommunikation, also dem Geschäft mit der Datenübertragung, bringen exorbitant steigende Infrastrukturinvestitionen die Konzerne in die Bredouille. Die Deutsche Telekom musste deswegen ihre amerikanische Mobilfunktochter und damit auch ihre globalen Ambitionen verkaufen. In wichtigen Wachstumsmärkten wie den Web-Services und den IT-Dienstleistungen spielen europäische Anbieter schon länger keine Rolle mehr. Lediglich SAP aus dem badischen Walldorf bricht in die Phalanx der US-Giganten im Softwaregeschäft ein und verteidigt beharrlich seine Position als viertgrößter Anbieter von Unternehmenssoftware gegen starke Konkurrenten wie Microsoft, IBM und Oracle.

      Dramatisch verschieben sich die Kräfteverhältnisse bei den Smartphones. Vier von fünf Handykäufern greifen inzwischen zu den schicken Alleskönnern. Doch Geräte von Nokia und anderen europäischen Herstellern stehen ganz unten in der Gunst der Kunden. Apple (beim Umsatz mit iPhones) und Google (mit dem Betriebssystem Android) aus der amerikanischen IT-Hochburg Silicon Valley zogen im ersten Quartal 2011 bei Smartphones erstmals an dem einstigen Branchenprimus Nokia vorbei. „In den USA schlägt das Herz der Smartphones“, gab kürzlich sogar Jo Harlow zu, die im Nokia-Vorstand den Geschäftsbereich Smartphones leitet. Es sei ein Fehler gewesen, dass Nokia die strategischen und technischen Entwicklungsarbeiten nicht früher nach Kalifornien ins Silicon Valley verlagert habe. Dort sei das neue Zentrum des Handyuniversums.

      Krieg zwischen Ost und West

      In der Brüsseler EU-Kommission klingeln bei dieser Entwicklung die Alarmglocken. „Auf allen Ebenen stehen wir vor einem Krieg zwischen Ost und West“, räumte kürzlich die für ITK zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes ein. Europa laufe Gefahr, zwischen diesen beiden Fronten „zerdrückt zu werden“. Die USA, traditionell stark bei Web-Inhalten und -Services, bauen ihre Positionen weiter aus. Und Unternehmen aus Südostasien schrauben nicht mehr nur Computer, Smart-phones oder Notebooks preiswert zusammen, sondern würden die ITK-Branche auch mit Innovationen überschütten, die früher aus Europa gekommen seien, warnt Kroes.

      Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom wundern sich über die neuen Töne aus Brüssel. Denn bisher erregte die EU-Kommission vor allem mit Beschlüssen Aufmerksamkeit, die den Verbrauchern halfen, etwa durch das Absenken der Gebühren beim grenzüberschreitenden mobilen Telefonieren. Damit sorgte Brüssel jedoch gleichzeitig dafür, dass trotz des Smartphone-Booms und der intensiveren Nutzung des mobilen Internets die Umsätze bei den meisten Netzbetreibern stagnieren oder sogar fallen. „Milliarden wurden aus dem Markt genommen, die jetzt beim Glasfaserausbau fehlen“, schimpfen unisono die Netzbetreiber. Neue Web-Angebote wie Internet-TV oder das Herunterladen von Videos benötigen deutlich höhere Bandbreiten.

      Insbesondere Deutschland fällt im Internet zurück. Mit einem Anteil von gerade mal 3,2 Prozent trägt das Web deutlich weniger zum Bruttoinlandsprodukt bei als in anderen Industrienationen, stellt die Unternehmensberatung McKinsey in einer Vergleichsstudie fest. An der Spitze stehen Länder wie Schweden, Südkorea und Japan, die die Verbreitung des Internets gezielt staatlich fördern und auch beim Glasfaserausbau das Tempo vorgeben. Deutschland hat erst 1,6 Prozent aller Privathaushalte mit superschnellen Glasfaseranschlüssen ausgerüstet und gehört damit zu den Schlusslichtern, zeigt ein Ländervergleich (siehe Grafik).

      Rückstand im Internet

      Ein Bündel Glasfaserkabel Quelle: PR Deutsche Telekom

      Der Rückstand verhindert künftiges Wachstum. Die Unternehmensberatung McKinsey sieht erste Anzeichen für eine Abwärtsspirale, die zu einem „Kollaps“ führen könnte, heißt es in der Exklusiv-Studie im Auftrag der WirtschaftsWoche. Ausgerechnet die Telekommunikation, die Wachstumsimpulse durch den Bau superschneller Glasfaseranschlüsse geben könnte, zählt mit drastischen Einbußen zu den größten Verlierern in den nächsten zehn Jahren, wenn die Bundesnetzagentur und die EU-Kommission an ihrer auf Preissenkungen zielenden Regulierungspolitik festhalten.

      Fast die Hälfte des Wachstums aus den Boomjahren nach dem Fall des Telekom-Monopols am 1. Januar 1998 geht der Branche in den nächsten Jahren wieder verloren. Bis 2020, prophezeit McKinsey, bricht der Gesamtumsatz um knapp ein Drittel ein. Statt 52 Milliarden Euro wie im vergangenen Jahr bringen Festnetz, Mobilfunk und Internet den Unternehmen dann nur noch 36 Milliarden Euro ein. Pro Jahr wäre das ein Minus von 3,8 Prozent. „Niedrige Konsumentenpreise sind immer noch wichtiger als ein zügiger Infrastrukturausbau“, resümiert Alexander Dahlke, Telekommunikationsexperte bei McKinsey. „In solch einem Umfeld lohnen sich keine flächendeckenden Investitionen in moderne Glasfasernetze.“

      Prognose korrigiert

      Der Absturz der Telekommunikationsbranche hat sich in den vergangenen vier Jahren sogar noch beschleunigt. In Modellrechnungen war McKinsey bereits im Jahr 2007 zu dem Ergebnis gekommen, dass im schlimmsten Fall ein Rückgang auf 40 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 drohe. Wegen deutlich höherer Einbußen im Mobilfunk- und Festnetzgeschäft korrigierten jetzt die Berater ihre düsteren Prognosen um weitere vier Milliarden nach unten. Statt mit 40 Milliarden Euro können die Telkos 2020 nur noch mit 36 Milliarden rechnen.

      Für den IT-Standort Deutschland hat das dramatische Folgen: In wichtigen Innovationsfeldern, die unmittelbar von einer leistungsfähigen Infrastruktur abhängen, würde Deutschland den Anschluss verlieren. Gleichzeitig drohen der gesamten deutschen Industrie erhebliche Wettbewerbsnachteile. Denn die Entwicklung des Telekommunikationssektors hat großen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft, meint McKinsey. „Produktivitätsverbesserungen aufgrund von Informations- und Kommunikationstechnologien werden nicht im gleichen Ausmaß möglich sein wie in anderen Industrienationen.“

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        Eine grundlegend erneuerte Glasfaserinfrastruktur würde dagegen außergewöhnlich hohe Wachstumschancen eröffnen. Statt eines Absturzes auf 36 Milliarden Euro würde in Deutschland eine neue Boombranche mit einem Marktvolumen von 93 Milliarden Euro entstehen. Gegenüber 2010 wäre das ein Plus von 36 Prozent, gegenüber dem Absturzszenario würde sich das Umsatzpotenzial sogar mehr als verdoppeln.

        Bislang vertraute die Bundesregierung darauf, dass intensiver Infrastrukturwettbewerb den Glasfaserausbau beschleunigt. Doch jetzt fordern Experten wie Bitkom-Präsident Scheer einen Politikwechsel, damit „Staat und Wirtschaft die Aufgabe gemeinsam stemmen“. Auch die Deutsche Telekom drängt die Bundesregierung, ihre auf Wettbewerb fokussierte Politik umzubiegen auf die Förderung von Rahmenbedingungen, die vor allem der Modernisierung der Infrastruktur dienen. Im Klartext: Die Bundesnetzagentur soll sich bei der Preisregulierung zurücknehmen. Denn die für den Ausbau erforderlichen 30 bis 40 Milliarden Euro wollen Telekom & Co. nur investieren, wenn sie Gewinn erwarten können. Eine so gelockerte Regulierung müsste am Ende der Verbraucher bezahlen – mit höheren Gebühren.

        Vorbild Südkorea

        In Südkorea hat der Staat gleich ganz das Kommando im Telekomsektor übernommen. Gezielt hat die Regierung in Seoul eine neue Glasfaserinfrastruktur im gesamten Land ausgerollt, um die Unternehmen auf das Internet-Zeitalter einzustimmen und andere Industrienationen zu überholen.

        Mit Samsung entstand zumindest ein Weltkonzern, der die Konkurrenz heute in vielen Bereichen düpiert. Ob Chips, Displays, Smartphones oder hochauflösendes Fernsehen – überall spielt der IT-Mischkonzern an vorderster Front mit. 

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