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Internetphänomen Twitter Vom Wahn im Web zum Wirtschaftsfaktor

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Twitter stellt Unternehmen „vor große Herausforderungen“, sagt Nicole Simon, Buchautorin und Twitter-Expertin. Viele Unternehmen haben sich noch nicht einmal ansatzweise mit dieser neuen Welt beschäftigt und sind „oft entsetzt, wenn man ihnen zeigt, was bei Twitter bereits ohne ihre Kenntnis passiert“, sagt Simon.

Dass Twitter-Experimente auch schiefgehen können, musste jüngst der Süßwarenhersteller Mars erfahren. Das Unternehmen hatte seine Werbeseite für die Fruchtdrops-Marke Skittles mit Live-Kommentaren aus Twitter verziert. Doch es regnete nicht nur Lob. Einige, die sich auf der Twitter-Seite bei Mars als Follower angemeldet haben, überzogen die Bonbons mit Spott und Beleidigungen. Rasch verbannten die Mars-Web-Strategen die Kommentare von der Startseite.

Für die Unternehmen, die mit den Kurzmeldungen arbeiten, könnte sich dies langfristig jedoch auszahlen. Benedikt Köhler vom Hamburger Internet-Marktforschungsunternehmen Ethority hat herausgefunden, dass Firmen, die Kunden über Twitter betreuen, seltener auf Hotlines angerufen werden. Denn viele Probleme werden schon online geklärt. Noch wichtiger: Andere Kunden mit ähnlichen Problemen lesen bei Twitter mit oder finden ihr Thema später über Google. Denn alles, was bei Twitter geschieht, ist öffentlich und kann über Suchmaschinen gefunden werden.

Twitter-Mitbegründer Stone setzt – ähnlich wie Google – auf die Prinzipien Einfachheit und Masse. Wer will, kann sich in wenigen Minuten ein Twitter-Profil einrichten und Nachrichten schreiben, die für jeden Internet-Nutzer der Welt binnen Sekunden sichtbar werden. Twitter-Nutzer können zugleich Nachrichten anderer Mitglieder abonnieren und werden damit zu deren sogenannten Followern.

Firmenchefs, Politiker und Hollywood-Stars nutzen Twitter

Damit ist jeder bei Twitter zugleich Autor und Leser – und alles ohne Zeitverzögerung. Politiker sind diesem Reiz erlegen, ebenso Hollywood-Stars und Firmenchefs. So diskutierte Lars Hinrichs, der Gründer des sozialen Online-Netzwerks Xing, über Twitter angebliche Falschmeldungen der Presse über sein Unternehmen. Auch seinen Rücktritt vom Chefposten dementierte er noch über den Kanal – der Abgang stellte sich dann doch als wahr heraus.

Doch je bekannter Twitter von Woche zu Woche wird, desto verborgener werkeln die Macher in der Zentrale in San Francisco, 539 Bryant Street, vor sich hin. Der Sitz des Unternehmens erinnert eher an eine Studentenbude als an einen aufstrebenden Internet-Star. Ein Fahrstuhl, in den höchstens drei schlanke Menschen passen, führt in den vierten Stock des Fabrikgebäudes mit der Tequila-Werbung.

Am Ende eines schlauchartigen Gangs eine Tür mit Sehschlitz, Klingel und Schild: Suite 402, Twitter. Es ist ruhig, gespenstisch fast. Das Büro ist wie eine Wohnung eingerichtet, eine Sofaecke mit Couchtisch, ein Flachbildschirm, auf dem ständig Text flackert: Tweets – kurze Nachrichten, die gerade in Rio de Janeiro, Miami oder Buxtehude in Computer oder Mobiltelefone getippt werden – laufen hier über den Schirm.

Auf dem Tisch am Fenster, mit dem atemberaubenden Blick über die Skyline von San Francisco, stehen in Aluminiumschalen noch die Reste vom Mittagessen, es gab Thai-Nudeln. In der Küche lagern Müsliboxen und einige leere Flaschen Jim-Beam-Whiskey. In der Sofaecke sitzt ein hagerer Mann, 36 Jahre alt, mit kurz geschnittenen schwarzen Haaren. Es ist Evan Williams, der Chef von Twitter. Er tuschelt gerade mit jemandem, der sich auf eine Stelle bewirbt.

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