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Internetphänomen Twitter Vom Wahn im Web zum Wirtschaftsfaktor

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Williams wirkt müde, seine dunklen Augen sind gerötet. Gestern war er in Washington, hat vor dem Weißen Haus mit Blondine Ivanka Trump posiert, der Tochter des Immobilienmoguls Donald Trump. Williams und Ivanka gehören zu einer Gruppe junger Prominenter, die US-Präsident Barack Obama eingeladen hatte. Natürlich weiß längst alle Welt davon, Williams hat sofort alles getwittert. 288.000 Nutzer folgen Williams Worten ständig, das sind schon mehr als halb so viele wie bei Obama, der fast eine halbe Million Dauer-Twitter-Fans besitzt.

Dem US-Präsidenten verdanken Williams und Twitter letztlich ihren Aufstieg. Im Rennen um das Weiße Haus versuchte der Star der Demokraten, junge Wähler über kurze Botschaften zu erreichen. Vielleicht hat nur ein Assistent die Textchen verfasst, vielleicht aber auch Amerikas Hoffnungsträger höchstpersönlich. Das ist der Reiz von Twitter. Die maximal 140 Zeichen suggerieren Nähe und bedienen die Lust am Privaten. Was denken und machen gerade der Ex-Schauspieler und Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, Facebook-Chef Mark Zuckerberg, Hollywood-Star Ashton Kutcher, seine Ehefrau Demi Moore oder die Sängerin Britney Spears? Sie alle twittern, damit sich eine noch größere Fangemeinde um sie schart.

Bei Twitter selbst ist die große Welt noch nicht eingezogen. „Ich bin gerade gefragt worden, wo sich unser Londoner Büro befindet“, sagt Pressesprecherin Maggie Utgoff. Doch Twitter hat kein weiteres Büro, weder in London noch sonst wo. Der wohnzimmerartige Loft, in dessen Badezimmer große Becher mit Zahnbürsten, Zahncreme und Zahnseide stehen, ist das einzige Domizil.

„Wahrscheinlich müssen wir aus Platzgründen bald umziehen“, sagt Mitgründer Stone, „schade.“ Denn für ihn liegt die Twitter-Zentrale günstig. Stone lebt in der Uni-Stadt Berkeley, östlich von San Francisco. Jeden Morgen schwingt er sich um sechs Uhr ins Auto, sammelt Kollegen ein und fährt über die Bay Bridge ins Büro. Doch die vielen neuen Mitarbeiter, die das Startup demnächst einstellen will, passen nicht mehr in das alte Loft.

Vier Millionen Besucher in den USA

Die Zahl der Twitter-Nutzer wächst so stark wie nie, im Februar besuchten alleine in den USA rund vier Millionen Menschen die Seite Twitter.com – 55 Prozent mehr als im Monat zuvor. Fakt ist aber auch: Das millionenschwer finanzierte Startup Twitter verbrennt derzeit nur Geld und ist damit in bester Gesellschaft mit vielen jüngeren Web-2.0-Phänomenen, wie etwa den sozialen Netzwerken.

Auf den ersten Blick erscheint Twitter wirtschaftlich eher nutzlos. Die meisten Menschen ertrinken ohnehin in Informationen. „Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden“, spottet etwa „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein.

Wer Twitter dennoch etwas abgewinnen kann, scheint nicht nur dem Rausch der Zeichen und der betörenden Wirkung der Selbstdarstellung zu erliegen. Die einen nutzen Twitter als eine Art Dauerkontakt zu Freunden, als mosaikartige Plauderei mit Kollegen oder als vermeintliches Guckloch ins Leben Prominenter.

Wieder andere tauschen sich per Kurznachricht über neue Produkte aus und beraten sich gegenseitig beim Autokauf. Nebenbei pflanzen sich unter den Twitter-Nutzern medienwirksame Ereignisse so schnell fort wie nirgendwo sonst auf der Welt. Insbesondere die Medien haben Twitter entdeckt: „CNN“ verschickt, ebenso wie die „New York Times“ und die WirtschaftsWoche, über Twitter Schlagzeilen und Neuigkeiten aus der Redaktion.

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