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Internetphänomen Twitter Vom Wahn im Web zum Wirtschaftsfaktor

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Besonders viel Zulauf hat Twitter momentan in Japan. Warum? „Ich habe keine Ahnung“, sagt Twitter-Mitbegründer Stone und zuckt mit den Achseln. Wahrscheinlich hat ein japanischer Showstar öffentlich Twitter gelobt und dem Dienst damit Heerscharen von Fans zugetrieben. So ist das oft im Internet: Plötzlich entstehen wie aus dem Nichts neue Angebote wie MySpace, Youtube, Facebook – und nun Twitter.

Das Argument von Stone und Williams, am Anfang komme es nicht so sehr auf das Geldverdienen an, ist deshalb nicht neu im Silicon Valley. Google-Gründer Sergey Brin hat es populär gemacht und muss nun als Hoffnungsträger für alle herhalten, die es ihm gleichtun wollen. Vor zehn Jahren hatte Google ungefähr so viele Mitarbeiter wie Twitter heute, residierte in einem kleinen Büro auf Palo Altos Einkaufsmeile University Street. Wie Twitter wurde die Google-Suchmaschine von Millionen Menschen genutzt. Wie Twitter war Google gratis.

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Auch Twitter experimentiert mit Werbung

Den Ausweg aus der Verlust-Falle fand Google, indem die Gründer das Geschäftsmodell des Internet-Unternehmers Bill Gross perfektionierten, der Kleinanzeigen am Rand von Suchergebnissen anbot, die zu den Suchbegriffen passten. Die Idee zündete. Dank der Größe und der beinahe monopolähnlichen Stellung lockt Google inzwischen so viel Werbung an, dass daraus im vergangenen Jahr 21,8 Milliarden Dollar Umsatz wurden.

Auch Twitter experimentiert mit Werbung auf seiner Seite, in Japan zum Beispiel. Zudem gibt es immer wieder Gerüchte, Twitter werde für Unternehmensaccounts kostenpflichtig. Tatsächlich bestätigen die Gründer, über bezahlte Nutzer-Profile nachzudenken. Die könnten dann zum Beispiel zusätzliche Funktionen haben wie eine bessere Verwaltung mehrerer Twitter-Namen oder Statistiken, um die Besucherzahlen zu überwachen. Zudem empfiehlt Twitter neuen Nutzern schon heute Top-Twitterer, denen sie folgen können. Für einen Platz auf dieser Liste könnte das Startup künftig Geld nehmen.

In Deutschland steht das Zeichenwunder aus den USA erst ganz am Anfang: Die Twitter-Experten des deutschen Netzwerks Web Evangelisten schätzen, dass hierzu- lande zurzeit erst 30.000 Personen oder Unternehmen den Kurznachrichtendienst regelmäßig nutzen. Rund 10.000 weitere Twitter-Nutzer verfolgen die Botschaften anderer passiv, ohne selbst zu schreiben. Inzwischen melden sich jede Woche 4000 Menschen neu an – immer noch zu wenige, als dass Unternehmen außerhalb der Medienbranche auf breiter Front darauf anspringen

Facebook soll für Twitter eine halbe Milliarde Dollar geboten haben

Erste Versuche startete der Mobilfunkanbieter O2, der ein neues Internet-Angebot auch über Twitter bekannt machen wollte. Auch die GLS Gemeinschaftsbank, ein Institut für ethisch-ökologische Geldanlagen, nutzt Twitter, um bei jüngeren Kunden bekannter zu werden. Immerhin sind die deutschen Twitter-Nutzer relativ jung, verdienen gut und sind offen für technische Neuerungen, sagen Experten wie Köhler. Der Soziologe hält es durchaus für möglich, dass Twitter schon bald eine normale Art der Kommunikation sein könnte: „Es ist heute auch nicht mehr avantgardistisch, ein Blog zu schreiben oder eine SMS zu verschicken.“

In der Finanzbranche, vor allem im Silicon Valley, haben solche Fantasien bereits Blüten getrieben. So sickerte durch, dass das soziale Online-Netzwerk Facebook Ende Oktober eine halbe Milliarde Dollar für Twitter geboten haben soll, in Aktien. In Zeiten der Finanzkrise ist das immens viel.

Twitter-Mitgründer Stone schweigt zu Facebook und den Gesprächen. „Wir stehen mit Twitter doch erst am Anfang. Ein Verkauf wird derzeit nicht diskutiert“, sagt er. Bestätigt hat die Facebook-Verhandlungen jedoch Peter Thiel, der deutschstämmige Hedgefonds-Manager und Investor, der als einer der Ersten Geld in Facebook investierte.

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