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Internetphänomen Twitter Vom Wahn im Web zum Wirtschaftsfaktor

Der Internet-Kurznachrichtendienst Twitter spaltet die Wirtschaft: Fressen die Info-Fetzen nur Zeit oder revolutionieren sie langfristig das Internet? Ein exklusiver Einblick in die derzeit umstrittenste Internet-Firma der Welt.

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San Francisco, 539 Bryant Street. Hier, südlich der Einkaufsmeile Market Street, lebten bis Mitte der Neunzigerjahre die Ärmsten der Armen der US-Metropole. Heute residieren in den umgebauten Mietskasernen Internet-Unternehmen, Beratungs- und Designfirmen. Der Suchmaschinenriese Google hat hier ein Büro, ebenso Konkurrent Yahoo und das soziale Online-Netzwerk MySpace. Mittendrin, in einer alten Fabrik mit hohen Fenstern und einem Tequila-Werbeschild auf dem Dach, sitzt Twitter, der Kurznachrichtendienst im Internet – so klein wie verschlossen, so umstritten wie umjubelt, so unnahbar wie unbekannt.

In kaum zweieinhalb Jahren hat das Startup sechs Millionen Nutzer weltweit gewonnen, die sich rund um die Uhr mit Nachrichten aus allen Lebenslagen, maximal 140 Zeichen lang, bombardieren. Twittern – zu deutsch: zwitschern – ist wie googeln zur Vokabel geworden.

„Was machst du gerade?“, fragt Twitter seine Nutzer. Die Antworten reichen von „Esse gerade Eis in San Gimignano“ bis zu „Kernfusion ist die Zukunft der Energie“, versandt an Freunde und Feinde, an Voyeure, an echte und potenzielle Kunden. Die Mischung aus elektronischer Dauerklatschspalte und persönlicher Nachrichtenagentur ist zum Volkssport und Freizeitvergnügen für Millionen geworden. Bei dem Amoklauf im schwäbischen Winnenden wurde sogar die Polizei von Twitter-Nutzern einer Falschmeldung überführt.

Nur: So simpel das Gezwitscher funktioniert, so schwierig scheint die Antwort auf die Fragen aller Fragen: Was bringt das alles in Euro, Dollar und Cent? Endet das elektronische Geschnatter für Twitter im wirtschaftlichen Desaster, weil letztlich niemand dafür genügend bezahlt? Oder brütet Twitter einen weiteren Star wie Google aus, der irgendwann das Internet revolutioniert und selbst zur Geldmaschine wird?

Google-Chef Schmidt: „Twitter ist die E-Mail des armen Mannes“

Solche Fragen liegen wie eine Dunstglocke über 539 Bryant Street, San Francisco. 35 Mitarbeiter arbeiten hier. Twitter-Mitgründer und Kreativdirektor Biz Stone, 34, mit Hornbrille und normalerweise stoischer Gelassenheit, reagiert genervt auf die Frage, ob sein Startup je Geld verdienen wird. Er rückt seine Brille zurecht und sagt: „Wir haben heute sechs Millionen Nutzer. Wir haben ein großartiges Produkt. Damit lässt sich immer Geld verdienen. Unsere Investoren sehen das auch so.“

Doch außer seinen Geldgebern, darunter Amazon-Gründer Jeff Bezos und Netscape-Schöpfer Marc Andreesen, will ihm das kaum jemand so richtig glauben. 55 Millionen Dollar haben die Wagnisfinanzierer bisher für Twitter lockergemacht.

Ob der Kurznachrichtendienst irgendwann in ein nachhaltiges, gewinnträchtiges Geschäftsmodell mündet, ist offen. Google-Chef Eric Schmidt jedenfalls fürchtet keine Konkurrenz für seinen Suchmaschinenriesen. „Twitter ist die E-Mail des armen Mannes“, höhnte er jüngst auf einer Technologiekonferenz über den Schmalspur-Kurzticker mit seinen maximal 140 Zeichen.

Auch wie andere Unternehmen oder Privatpersonen mithilfe von Twitter Geschäfte machen könnten, zeichnet sich derzeit allenfalls schemenhaft ab.

Verschiedene Geschäftsmodelle vorstellbar

- Twitter könnte Unternehmen helfen, Personal zu rekrutieren. Eine wachsende Zahl von Firmen beginnt, per Mini-Nachricht auf freie Stellen hinzuweisen, zum Beispiel die US-Telefongesellschaft AT&T. Das britische Startup Workhound testet gerade einen Service, der Twitter automatisch nach Jobangeboten durchforstet und diese übersichtlich auflistet. Erste Nutzer haben durch Twitter einen Job gefunden. „Hallo, ich suche einen Social Media Job in Boston. Haben Sie einen Job für Einsteiger?“, twitterte eine Absolventin in den USA – kurz darauf wurde sie von einem Medienunternehmen eingestellt.

- Twitter hat vielleicht einmal das Zeug dazu, den Verkauf von Gütern und Dienstleistungen anzukurbeln. Der Computerhersteller Dell zum Beispiel informiert bereits potenzielle Kunden per Twitter über neue Angebote im Online-Shop – mehr als 180.000 Menschen folgen den Mini-Nachrichten von Dell. Auch der Online-Händler Amazon nutzt Twitter, um Kunden für seinen Online-Musik-Store zu gewinnen. Und nun beginnen auch in Deutschland erste Unternehmer, ihr Geschäft über Twitter anzukurbeln. So berät der Winzer Dirk Würtz aus Gau-Odernheim nicht nur Kunden über Twitter, er nimmt per Kurzmitteilung auch Bestellungen entgegen.

- Twitter könnte der massenhaften Verbreitung von Nachrichten, Pressemeldungen, Werbung und Mitteilungen der Unternehmen dienen. Das ist vermutlich die häufigste Anwendung, die allerdings auch das Potenzial für große Enttäuschungen birgt. Denn allein Presseinformationen zu verschicken, reicht nicht. Die Twitter-Accounts der Kaffeebarkette Starbucks, des Autobauers General Motors und anderer großer Unternehmen zeigen: Das PR-Gezwitscher kommt nur an, wenn die Twitterer nicht nur senden, sondern auch auf Kritik oder Anregungen reagieren.

- Twitter könnte zunehmend zu einem Instrument für Freiberufler werden, um sich selbst zu vermarkten. Sie können alle Welt über die eigene Arbeit informieren und etwa auf Artikel verweisen, die sie in Blogs veröffentlicht haben. Viele Freelancer schreiben über Twitter auch von Projekten, an denen sie gerade arbeiten. Dadurch machen sie potenzielle Kunden auf ihre Fähigkeiten aufmerksam, was zu neuen Aufträgen führen kann.

- Twitter eignet sich möglicherweise auch zur Kundenpflege. Die US-Telefongesellschaft Comcast widmet sich per Twitter bereits den Sorgen von Klienten. Auf die Idee kam das Unternehmen per Zufall. Bei einer Google-Recherche fand Service-Manager Frank Eliason heraus, dass sich unzufriedene Kunden via Twitter bei Freunden über die Telefongesellschaft beklagten. Er startete selbst einen Twitter-Account und diskutiert nun in der Öffentlichkeit die Probleme seiner Kunden mit ihrem Telefonanschluss. „Wir treffen die Menschen dort, wo sie sind“, sagt Eliason.

Twitter stellt Unternehmen „vor große Herausforderungen“, sagt Nicole Simon, Buchautorin und Twitter-Expertin. Viele Unternehmen haben sich noch nicht einmal ansatzweise mit dieser neuen Welt beschäftigt und sind „oft entsetzt, wenn man ihnen zeigt, was bei Twitter bereits ohne ihre Kenntnis passiert“, sagt Simon.

Dass Twitter-Experimente auch schiefgehen können, musste jüngst der Süßwarenhersteller Mars erfahren. Das Unternehmen hatte seine Werbeseite für die Fruchtdrops-Marke Skittles mit Live-Kommentaren aus Twitter verziert. Doch es regnete nicht nur Lob. Einige, die sich auf der Twitter-Seite bei Mars als Follower angemeldet haben, überzogen die Bonbons mit Spott und Beleidigungen. Rasch verbannten die Mars-Web-Strategen die Kommentare von der Startseite.

Für die Unternehmen, die mit den Kurzmeldungen arbeiten, könnte sich dies langfristig jedoch auszahlen. Benedikt Köhler vom Hamburger Internet-Marktforschungsunternehmen Ethority hat herausgefunden, dass Firmen, die Kunden über Twitter betreuen, seltener auf Hotlines angerufen werden. Denn viele Probleme werden schon online geklärt. Noch wichtiger: Andere Kunden mit ähnlichen Problemen lesen bei Twitter mit oder finden ihr Thema später über Google. Denn alles, was bei Twitter geschieht, ist öffentlich und kann über Suchmaschinen gefunden werden.

Twitter-Mitbegründer Stone setzt – ähnlich wie Google – auf die Prinzipien Einfachheit und Masse. Wer will, kann sich in wenigen Minuten ein Twitter-Profil einrichten und Nachrichten schreiben, die für jeden Internet-Nutzer der Welt binnen Sekunden sichtbar werden. Twitter-Nutzer können zugleich Nachrichten anderer Mitglieder abonnieren und werden damit zu deren sogenannten Followern.

Firmenchefs, Politiker und Hollywood-Stars nutzen Twitter

Damit ist jeder bei Twitter zugleich Autor und Leser – und alles ohne Zeitverzögerung. Politiker sind diesem Reiz erlegen, ebenso Hollywood-Stars und Firmenchefs. So diskutierte Lars Hinrichs, der Gründer des sozialen Online-Netzwerks Xing, über Twitter angebliche Falschmeldungen der Presse über sein Unternehmen. Auch seinen Rücktritt vom Chefposten dementierte er noch über den Kanal – der Abgang stellte sich dann doch als wahr heraus.

Doch je bekannter Twitter von Woche zu Woche wird, desto verborgener werkeln die Macher in der Zentrale in San Francisco, 539 Bryant Street, vor sich hin. Der Sitz des Unternehmens erinnert eher an eine Studentenbude als an einen aufstrebenden Internet-Star. Ein Fahrstuhl, in den höchstens drei schlanke Menschen passen, führt in den vierten Stock des Fabrikgebäudes mit der Tequila-Werbung.

Am Ende eines schlauchartigen Gangs eine Tür mit Sehschlitz, Klingel und Schild: Suite 402, Twitter. Es ist ruhig, gespenstisch fast. Das Büro ist wie eine Wohnung eingerichtet, eine Sofaecke mit Couchtisch, ein Flachbildschirm, auf dem ständig Text flackert: Tweets – kurze Nachrichten, die gerade in Rio de Janeiro, Miami oder Buxtehude in Computer oder Mobiltelefone getippt werden – laufen hier über den Schirm.

Auf dem Tisch am Fenster, mit dem atemberaubenden Blick über die Skyline von San Francisco, stehen in Aluminiumschalen noch die Reste vom Mittagessen, es gab Thai-Nudeln. In der Küche lagern Müsliboxen und einige leere Flaschen Jim-Beam-Whiskey. In der Sofaecke sitzt ein hagerer Mann, 36 Jahre alt, mit kurz geschnittenen schwarzen Haaren. Es ist Evan Williams, der Chef von Twitter. Er tuschelt gerade mit jemandem, der sich auf eine Stelle bewirbt.

Williams wirkt müde, seine dunklen Augen sind gerötet. Gestern war er in Washington, hat vor dem Weißen Haus mit Blondine Ivanka Trump posiert, der Tochter des Immobilienmoguls Donald Trump. Williams und Ivanka gehören zu einer Gruppe junger Prominenter, die US-Präsident Barack Obama eingeladen hatte. Natürlich weiß längst alle Welt davon, Williams hat sofort alles getwittert. 288.000 Nutzer folgen Williams Worten ständig, das sind schon mehr als halb so viele wie bei Obama, der fast eine halbe Million Dauer-Twitter-Fans besitzt.

Dem US-Präsidenten verdanken Williams und Twitter letztlich ihren Aufstieg. Im Rennen um das Weiße Haus versuchte der Star der Demokraten, junge Wähler über kurze Botschaften zu erreichen. Vielleicht hat nur ein Assistent die Textchen verfasst, vielleicht aber auch Amerikas Hoffnungsträger höchstpersönlich. Das ist der Reiz von Twitter. Die maximal 140 Zeichen suggerieren Nähe und bedienen die Lust am Privaten. Was denken und machen gerade der Ex-Schauspieler und Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, Facebook-Chef Mark Zuckerberg, Hollywood-Star Ashton Kutcher, seine Ehefrau Demi Moore oder die Sängerin Britney Spears? Sie alle twittern, damit sich eine noch größere Fangemeinde um sie schart.

Bei Twitter selbst ist die große Welt noch nicht eingezogen. „Ich bin gerade gefragt worden, wo sich unser Londoner Büro befindet“, sagt Pressesprecherin Maggie Utgoff. Doch Twitter hat kein weiteres Büro, weder in London noch sonst wo. Der wohnzimmerartige Loft, in dessen Badezimmer große Becher mit Zahnbürsten, Zahncreme und Zahnseide stehen, ist das einzige Domizil.

„Wahrscheinlich müssen wir aus Platzgründen bald umziehen“, sagt Mitgründer Stone, „schade.“ Denn für ihn liegt die Twitter-Zentrale günstig. Stone lebt in der Uni-Stadt Berkeley, östlich von San Francisco. Jeden Morgen schwingt er sich um sechs Uhr ins Auto, sammelt Kollegen ein und fährt über die Bay Bridge ins Büro. Doch die vielen neuen Mitarbeiter, die das Startup demnächst einstellen will, passen nicht mehr in das alte Loft.

Vier Millionen Besucher in den USA

Die Zahl der Twitter-Nutzer wächst so stark wie nie, im Februar besuchten alleine in den USA rund vier Millionen Menschen die Seite Twitter.com – 55 Prozent mehr als im Monat zuvor. Fakt ist aber auch: Das millionenschwer finanzierte Startup Twitter verbrennt derzeit nur Geld und ist damit in bester Gesellschaft mit vielen jüngeren Web-2.0-Phänomenen, wie etwa den sozialen Netzwerken.

Auf den ersten Blick erscheint Twitter wirtschaftlich eher nutzlos. Die meisten Menschen ertrinken ohnehin in Informationen. „Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden“, spottet etwa „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein.

Wer Twitter dennoch etwas abgewinnen kann, scheint nicht nur dem Rausch der Zeichen und der betörenden Wirkung der Selbstdarstellung zu erliegen. Die einen nutzen Twitter als eine Art Dauerkontakt zu Freunden, als mosaikartige Plauderei mit Kollegen oder als vermeintliches Guckloch ins Leben Prominenter.

Wieder andere tauschen sich per Kurznachricht über neue Produkte aus und beraten sich gegenseitig beim Autokauf. Nebenbei pflanzen sich unter den Twitter-Nutzern medienwirksame Ereignisse so schnell fort wie nirgendwo sonst auf der Welt. Insbesondere die Medien haben Twitter entdeckt: „CNN“ verschickt, ebenso wie die „New York Times“ und die WirtschaftsWoche, über Twitter Schlagzeilen und Neuigkeiten aus der Redaktion.

Besonders viel Zulauf hat Twitter momentan in Japan. Warum? „Ich habe keine Ahnung“, sagt Twitter-Mitbegründer Stone und zuckt mit den Achseln. Wahrscheinlich hat ein japanischer Showstar öffentlich Twitter gelobt und dem Dienst damit Heerscharen von Fans zugetrieben. So ist das oft im Internet: Plötzlich entstehen wie aus dem Nichts neue Angebote wie MySpace, Youtube, Facebook – und nun Twitter.

Das Argument von Stone und Williams, am Anfang komme es nicht so sehr auf das Geldverdienen an, ist deshalb nicht neu im Silicon Valley. Google-Gründer Sergey Brin hat es populär gemacht und muss nun als Hoffnungsträger für alle herhalten, die es ihm gleichtun wollen. Vor zehn Jahren hatte Google ungefähr so viele Mitarbeiter wie Twitter heute, residierte in einem kleinen Büro auf Palo Altos Einkaufsmeile University Street. Wie Twitter wurde die Google-Suchmaschine von Millionen Menschen genutzt. Wie Twitter war Google gratis.

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Auch Twitter experimentiert mit Werbung

Den Ausweg aus der Verlust-Falle fand Google, indem die Gründer das Geschäftsmodell des Internet-Unternehmers Bill Gross perfektionierten, der Kleinanzeigen am Rand von Suchergebnissen anbot, die zu den Suchbegriffen passten. Die Idee zündete. Dank der Größe und der beinahe monopolähnlichen Stellung lockt Google inzwischen so viel Werbung an, dass daraus im vergangenen Jahr 21,8 Milliarden Dollar Umsatz wurden.

Auch Twitter experimentiert mit Werbung auf seiner Seite, in Japan zum Beispiel. Zudem gibt es immer wieder Gerüchte, Twitter werde für Unternehmensaccounts kostenpflichtig. Tatsächlich bestätigen die Gründer, über bezahlte Nutzer-Profile nachzudenken. Die könnten dann zum Beispiel zusätzliche Funktionen haben wie eine bessere Verwaltung mehrerer Twitter-Namen oder Statistiken, um die Besucherzahlen zu überwachen. Zudem empfiehlt Twitter neuen Nutzern schon heute Top-Twitterer, denen sie folgen können. Für einen Platz auf dieser Liste könnte das Startup künftig Geld nehmen.

In Deutschland steht das Zeichenwunder aus den USA erst ganz am Anfang: Die Twitter-Experten des deutschen Netzwerks Web Evangelisten schätzen, dass hierzu- lande zurzeit erst 30.000 Personen oder Unternehmen den Kurznachrichtendienst regelmäßig nutzen. Rund 10.000 weitere Twitter-Nutzer verfolgen die Botschaften anderer passiv, ohne selbst zu schreiben. Inzwischen melden sich jede Woche 4000 Menschen neu an – immer noch zu wenige, als dass Unternehmen außerhalb der Medienbranche auf breiter Front darauf anspringen

Facebook soll für Twitter eine halbe Milliarde Dollar geboten haben

Erste Versuche startete der Mobilfunkanbieter O2, der ein neues Internet-Angebot auch über Twitter bekannt machen wollte. Auch die GLS Gemeinschaftsbank, ein Institut für ethisch-ökologische Geldanlagen, nutzt Twitter, um bei jüngeren Kunden bekannter zu werden. Immerhin sind die deutschen Twitter-Nutzer relativ jung, verdienen gut und sind offen für technische Neuerungen, sagen Experten wie Köhler. Der Soziologe hält es durchaus für möglich, dass Twitter schon bald eine normale Art der Kommunikation sein könnte: „Es ist heute auch nicht mehr avantgardistisch, ein Blog zu schreiben oder eine SMS zu verschicken.“

In der Finanzbranche, vor allem im Silicon Valley, haben solche Fantasien bereits Blüten getrieben. So sickerte durch, dass das soziale Online-Netzwerk Facebook Ende Oktober eine halbe Milliarde Dollar für Twitter geboten haben soll, in Aktien. In Zeiten der Finanzkrise ist das immens viel.

Twitter-Mitgründer Stone schweigt zu Facebook und den Gesprächen. „Wir stehen mit Twitter doch erst am Anfang. Ein Verkauf wird derzeit nicht diskutiert“, sagt er. Bestätigt hat die Facebook-Verhandlungen jedoch Peter Thiel, der deutschstämmige Hedgefonds-Manager und Investor, der als einer der Ersten Geld in Facebook investierte.

Dass Facebook und Twitter nicht zusammenkamen, hat zwei Gründe. Erstens wollte Facebook den Kaufpreis von einer halben Milliarde Dollar hauptsächlich mit eigenen Aktien bezahlen. Deren Bewertung hielten die Twitter-Gründer und ihre Geldgeber jedoch für viel zu hoch. Zweitens hatte Facebook behauptet, dass Twitter noch nicht erprobt genug sei, und beklagte die hohen Kosten durch die Weiterleitung von Twitter-Nachrichten auf Mobiltelefone. In den USA hat Twitter diese Ausgaben mittlerweile durch günstigere Verträge mit US-Mobiltelefongesellschaften reduziert.

Die Verhandlungen haben Twitter offenbar nur noch interessanter gemacht. Das Startup kann sich vor potenziellen Investoren kaum retten: „Ich kriege jeden Tag Angebote“, sagt Stone.

Und das, obwohl sich das junge Unternehmen bereits mächtiger Angreifer erwehren muss. Facebook-Chef Zuckerberg etwa hat erkannt, dass Twitter seinem Unternehmen gefährlich werden könnte. Denn bei Facebook können nur Bekannte, die eine sogenannte Freundschaftsanfrage bestätigt haben, Informationen austauschen. Bei Twitter hingegen kann jeder Nachrichten abonnieren, ohne die Genehmigung des Absenders einholen zu müssen. Zuckerberg hat bereits reagiert: Über eine neue sogenannte Fanseite können Facebook-Nutzer – ähnlich wie bei Twitter – der Welt mitteilen, was sie gerade machen. Dabei können sie in die Nachrichten auch Fotos einklinken, was bei Twitter nicht geht.

Auch von anderer Seite wird Twitter angegriffen, zum Beispiel von Yammer. Der amerikanische Dienst funktioniert wie Twitter mit einem Unterschied: Die Nutzer können in geschlossenen Gruppen kommunizieren. So können Teams, die an verschiedenen Orten arbeiten, sich gegenseitig über den Stand ihrer Projekte informieren, Ideen sammeln oder Veranstaltungen vorbereiten. Twitter selbst erlaubt keine geschlossenen Benutzergruppen und ist deswegen für die Kommunikation in Unternehmen ungeeignet. Denn viele der ausgetauschten Informationen sind geheim und haben auf der offenen Twitter-Plattform nichts zu suchen. Yammer verdient, zumindest nach eigenen Angaben, mit dem Dienst bereits Geld.

Eigentlich war Twitter nur ein Zeitvertreib

Das Geldverdienen ist allerdings nicht die Berufung von Ober-Twitterer Stone. Er sieht sich als Künstler, ist Grafiker und Programmierer. Zwei Bücher hat er übers Bloggen verfasst, das Tagebuch-Schreiben im Internet. Deshalb machte Stone begeistert mit, als der preisgekrönte Programmierer Jack Dorsey 2006 auf die Idee kam, einen Mitteilungsdienst zu schaffen, dessen Nachrichten jeder Interessent empfangen kann, ohne sich vorher beim Absender registrieren zu müssen.

In knapp zwei Wochen entwickelten Stone und Dorsey einen Prototypen. Eigentlich war Twitter nur ein Zeitvertreib, weil ihr Startup Odeo, eine Video- und Audiosuchmaschine, nicht vom Fleck kam. Twitter hingegen verbreitete sich wie ein Virus. Zunächst testeten Freunde die Erfindung, dann deren Bekannte, Kollegen, Familien, Studienfreunde und Bekannte im Ausland – und schon war der Geist aus der Flasche und raste um den Erdball.

Längst können die Magier aus San Francisco nicht mehr kontrollieren, was sie vor gut zwei Jahren schufen. Wenn der US-Präsident vereidigt wird, ein Unfall passiert, Britney Spears gesichtet wird oder ein Amokläufer durchdreht, irgendjemand ist immer mit Handy oder Notebook in der Nähe, zwitschert seine Eindrücke in die Welt hinaus und animiert andere zum Weiterzwitschern.

Nur die Technik, so scheint es, kann das Wachstum der Twitter-Gemeinde in den kommenden Monaten bremsen. Vor allem in Stoßzeiten bricht die Twitter-Plattform immer wieder zusammen. Die Server sind zu klein, um den explodierenden Andrang zu bewältigen.

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