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Interview Admont-Wirtschaftsdirektor Neuner: "Es geht auch anders"

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Mühsam klingt’s schon. Wie führen Sie Ihre weltlichen Mitarbeiter?

Kollegial und konsequent. Wenn nötig, können die Kollegen zum Beispiel auch von daheim aus arbeiten. Umgekehrt erwarte ich, dass wir dringende Probleme auch am Wochenende klären können.

Keine christliche Nachsicht?

Wir sind Profitcenter. Ich überzeuge über die ethischen Vorstellungen des » Stifts, sie geben mir Stärke und Sicherheit. Ich brauche auch nicht ständig Koalitionen schmieden, stattdessen treffe ich mich ein Mal im Monat mit meinen engsten Mitarbeitern bei mir daheim in der Sauna. Sieben Zehntel des Abends lösen wir Probleme, den Rest der Zeit schwitzen wir oder trinken Bier.

Können Sie Menschen über Geld motivieren?

Nein, weil wir nicht übermäßig viel zu verteilen haben. Und reich werden wollen wir hier alle nicht. Ich kann nur den Kopf schütteln über die Unmoral bei den Bankern, die sich Boni gönnen, nachdem sie ihr Unternehmen in den Sand gesetzt haben. Wir bieten eine andere Perspektive: Wer eine leitende Funktion übernimmt, wird unter der Prämisse angestellt, das wir bis zur Pensionierung mit ihm arbeiten wollen. Das erschwert die Auswahl, aber verbessert den Zusammenhalt und das Klima erheblich.

Wie legen Sie liquides Vermögen an?

Vernünftig und nachhaltig. Benediktiner haben ein pragmatisches Verhältnis zum Gewinn. Die Lösung ist ja nicht, alles an die Armen zu verschenken, sondern wir mehren unsere Erträge und lassen andere daran teilhaben, etwa über soziales oder kulturelles Engagement.

Und wie mehren Sie das Geld?

Nach schlichten Grundsätzen: Wir investieren nur in Unternehmen, die wir kennen, verstehen und für unterstützenswert halten, davon gibt es in Österreich und Deutschland genug. Währungsgeschäfte oder Derivate haben uns nicht interessiert. Auch die Internet-Blase ist so komplett an uns vorbeigegangen. Aber Immobilien und Forst sind uns lieber.

Dem Vernehmen nach ist der Admonter Bürgermeister nicht immer begeistert vom mächtigen Stift in seinem Städtchen.

Nun, was das Nutzen der Chancen für die Region angeht, sind wir wohl unterschiedlicher Meinung. Oder über die Frage, ob man wegen drei Eichen ein nötiges Pflegeheim nicht bauen darf.

Da kann man auf den Gedanken kommen, dass Abt und Wirtschaftsdirektor die weltliche Rollenverteilung Good Guy und Bad Guy praktizieren...

(lacht) Genau, und wenn nötig bin ich der Bad Guy. Dann zankt sich der Wirtschaftsdirektor mit dem Bürgermeister und der Abt betreibt den Friedensschluss. Und wissen Sie was? Das funktioniert und ist sogar im Einklang mit den Benediktiner-Regeln.

Laut Benedikt soll auch der Chef auf seine Seele achten. Klappt im Kloster die Vereinbarkeit von Familie und Beruf also besser als in der Allerwelts-AG?

Nun ja. Sagen wir: manchmal. Meinen Jahresurlaub nehme ich nicht komplett, dafür ist zu viel zu tun.

Das klingt ja doch eher nach Allerwelts-AG.

Der Beruf hat oft höhere Dringlichkeit.

Würde Ihre Frau jetzt nicken?

Na gut, vielleicht verkauft sich die Arbeit auch manchmal nur als dringlicher.

Herr Neuner, das ist ja wie im wahren Leben.

So ist das im Kloster und wissen Sie, was das Beste ist? Auch nach 27 Jahren hier gibt es nichts, um das ich meine Studienfreunde, die in weltliche Betriebe gegangen sind, beneide.

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