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Interview Admont-Wirtschaftsdirektor Neuner: "Es geht auch anders"

Helmuth Neuner, Wirtschaftsdirektor des Stift Admont, über benediktinisches Kündigen und den Wert der Regionen.

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Helmuth Neuner, Wirtschaftsdirektor des Stift Admont

WirtschaftsWoche: Herr Neuner, die Welt der Wirtschaft ist schon kompliziert genug. Warum arbeiten Sie für ein Kloster, in dem für Ihr Tagesgeschäft Regeln aus dem 6. Jahrhundert nach Christus gelten?

Hellmuth Neuner: Meine Arbeit hier dient keinem Shareholdervalue, sondern Zwecken, für die das Kloster und auch ich geradestehen. Ich bin als Bauernkind meilenweit gelaufen, um in die Schule zu können – umso wichtiger ist mir unser Stiftsgymnasium, die einzige Möglichkeit, hier die mittlere Reife zu bekommen. Oder unser Pflegeheim: Wir haben gerade drei Millionen Euro für 35 Pflegeplätze investiert. Das Geld bekommen wir nie mehr zurück, aber das macht nichts. Ich bin wie die Benediktiner davon überzeugt, dass man ein Unternehmen menschlich und nachhaltig erfolgreich führen kann.

Die Benediktiner-Regeln erwarten eine hohe Wertschätzung der Mitmenschen. Sie haben 500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, da bleiben Ihnen Kündigungen nicht erspart. Kann man Menschen wertschätzend entlassen?

Wir bemühen uns lange, den Kollegen bei individuellen Schwierigkeiten zu helfen und ihre Not ernst zu nehmen. Doch ist eine klare Entscheidung fällig, dann treffe ich sie. Konsequenz gehört auch zu den Benediktiner-Regeln. Das gilt auch bei Entlassungen im größeren Stil, falls ein Betrieb anders nicht mehr lebensfähig wäre. Aber wenn ich sehe, wie manche Controller ihr Unternehmen per Laptop dirigieren und die Leute zack, zack rauswerfen – das ist menschenverschleißend, ich würde mich schämen.

Ihre Vorgänger haben das Kloster erfolgreich durch das vergangene Jahrtausend geführt. Wie trägt sich so viel Verantwortung?

Die Länge meines Wirkens hier ist im Vergleich dazu eigentlich nur eine Skontofrist. Deshalb bereitet mir die Verantwortung keine schlaflosen Nächte.

Aber auch das Kloster wird von Globalisierung und Finanzkrise heimgesucht.

Ja, natürlich. Zum Beispiel droht bei unserem Parkettbetrieb, der STIA GmbH, wegen Auftragseinbruchs Kurzarbeit. Das machen wir erst, wenn wir alle Möglichkeiten von vorgezogenem Ruhestand oder Überstundenabbau ausgeschöpft haben. Aber jedes Tochterunternehmen des Klosters ist operativ ein Profitcenter und muss auf eigenen Beinen stehen.

Raue Sitten im katholischen Kloster.

Wir können keine Probleme barmherzig zudecken, sonst gefährden wir auf Dauer die wirtschaftliche Basis des Klosters. Eines hilft uns in der Krise: Alle Betriebe sind mit hohem Eigenkapital aus den selbst verdienten Mitteln und denen des Klosters ausgestattet. Wenn es trotzdem klemmt, dann ist Kurzarbeit humaner als Kündigung. Es geht eben auch anders.

Alle Welt glaubt, Unternehmen müssen sich globalisieren, wenn sie Bestand haben wollen. Die Frage hat Benedikt von Nursia vor 1500 Jahren vermutlich nicht behandelt.

Unser Anspruch ist, die Region um das Kloster herum zu entwickeln, seit fast tausend Jahren. Wir haben deshalb unser Türenwerk an ein amerikanisches Unternehmen verkauft. Es war zu groß geworden und musste international werden. Den Weg wollen wir als Stift nicht gehen. Die Globalisierung hat uns in die Irre geführt, denn wir haben darüber die Anliegen vor der Haustür aus den Augen verloren. Nur wenn die Region funktioniert, bleiben Bildung, Arbeitsplätze oder regionale Energieversorgung erhalten. Die Finanzkrise wird den Blick wieder auf die Entwicklung der Regionen richten.

Manche Chefs schlagen sich mit Aktionären herum, andere mit Eigentümerfamilien. Wer redet Ihnen im Kloster alles rein?

Das ist viel harmloser als Sie denken. Das Kapitel – die Versammlung aller Mönche, die die ewige Profess abgelegt haben – entscheidet nach dem Mehrheitsprinzip. Ich trage dort meine Anliegen samt Budgetplanung vor.

Und vorher haben Sie das mit dem Abt strategisch klug eingetütet?

Sagen wir es so: Unsere Büros im Kloster liegen vis-à-vis, und wir arbeiten nicht auf Basis reiner Zahlen zusammen, sondern weil wir uns vertrauen und eine Wellenlänge haben. Es ist nicht leichter im Kloster, sondern anders.

Die Mönche vertreten mit Inbrunst geistige Interessen und Sie vermutlich mit Hingabe wirtschaftliche Notwendigkeiten. Prallen da nicht zwei Welten aufeinander?

Manchmal schon, die Priester sind selbstbewusst und hinterfragen, wie viel Macht der Wirtschaftsdirektor haben sollte. Aber wir alle suchen aus Überzeugung so lange den Konsens, bis wir ihn gefunden haben. Zur Not vertagen wir uns noch einmal. Sich durchsetzen ist bei uns kein Wert an sich. Entscheidungen müssen mit absoluter Mehrheit, also einer mehr als die Hälfte, getroffen werden und auch der Abt hat nur eine Stimme. Dafür tragen alle die Entscheidungen mit, statt sie zu unterlaufen.

Mühsam klingt’s schon. Wie führen Sie Ihre weltlichen Mitarbeiter?

Kollegial und konsequent. Wenn nötig, können die Kollegen zum Beispiel auch von daheim aus arbeiten. Umgekehrt erwarte ich, dass wir dringende Probleme auch am Wochenende klären können.

Keine christliche Nachsicht?

Wir sind Profitcenter. Ich überzeuge über die ethischen Vorstellungen des » Stifts, sie geben mir Stärke und Sicherheit. Ich brauche auch nicht ständig Koalitionen schmieden, stattdessen treffe ich mich ein Mal im Monat mit meinen engsten Mitarbeitern bei mir daheim in der Sauna. Sieben Zehntel des Abends lösen wir Probleme, den Rest der Zeit schwitzen wir oder trinken Bier.

Können Sie Menschen über Geld motivieren?

Nein, weil wir nicht übermäßig viel zu verteilen haben. Und reich werden wollen wir hier alle nicht. Ich kann nur den Kopf schütteln über die Unmoral bei den Bankern, die sich Boni gönnen, nachdem sie ihr Unternehmen in den Sand gesetzt haben. Wir bieten eine andere Perspektive: Wer eine leitende Funktion übernimmt, wird unter der Prämisse angestellt, das wir bis zur Pensionierung mit ihm arbeiten wollen. Das erschwert die Auswahl, aber verbessert den Zusammenhalt und das Klima erheblich.

Wie legen Sie liquides Vermögen an?

Vernünftig und nachhaltig. Benediktiner haben ein pragmatisches Verhältnis zum Gewinn. Die Lösung ist ja nicht, alles an die Armen zu verschenken, sondern wir mehren unsere Erträge und lassen andere daran teilhaben, etwa über soziales oder kulturelles Engagement.

Und wie mehren Sie das Geld?

Nach schlichten Grundsätzen: Wir investieren nur in Unternehmen, die wir kennen, verstehen und für unterstützenswert halten, davon gibt es in Österreich und Deutschland genug. Währungsgeschäfte oder Derivate haben uns nicht interessiert. Auch die Internet-Blase ist so komplett an uns vorbeigegangen. Aber Immobilien und Forst sind uns lieber.

Dem Vernehmen nach ist der Admonter Bürgermeister nicht immer begeistert vom mächtigen Stift in seinem Städtchen.

Nun, was das Nutzen der Chancen für die Region angeht, sind wir wohl unterschiedlicher Meinung. Oder über die Frage, ob man wegen drei Eichen ein nötiges Pflegeheim nicht bauen darf.

Da kann man auf den Gedanken kommen, dass Abt und Wirtschaftsdirektor die weltliche Rollenverteilung Good Guy und Bad Guy praktizieren...

(lacht) Genau, und wenn nötig bin ich der Bad Guy. Dann zankt sich der Wirtschaftsdirektor mit dem Bürgermeister und der Abt betreibt den Friedensschluss. Und wissen Sie was? Das funktioniert und ist sogar im Einklang mit den Benediktiner-Regeln.

Laut Benedikt soll auch der Chef auf seine Seele achten. Klappt im Kloster die Vereinbarkeit von Familie und Beruf also besser als in der Allerwelts-AG?

Nun ja. Sagen wir: manchmal. Meinen Jahresurlaub nehme ich nicht komplett, dafür ist zu viel zu tun.

Das klingt ja doch eher nach Allerwelts-AG.

Der Beruf hat oft höhere Dringlichkeit.

Würde Ihre Frau jetzt nicken?

Na gut, vielleicht verkauft sich die Arbeit auch manchmal nur als dringlicher.

Herr Neuner, das ist ja wie im wahren Leben.

So ist das im Kloster und wissen Sie, was das Beste ist? Auch nach 27 Jahren hier gibt es nichts, um das ich meine Studienfreunde, die in weltliche Betriebe gegangen sind, beneide.

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