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Interview: "Glanz verloren" Michel Albert zur Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells

Der Erfinder des Begriffs „Rheinischer Kapitalismus“, Michel Albert, im WirtschaftsWoche-Interview über die Zukunft des deutschen Wirtschaftsmodells.

Michel Albert, 76, war zwischen 1982 und 1994 Chef des französischen Versicherers AGF, danach bis 2003 Mitglied des Rates für Geldpolitik der Banque de France. Heute ist Albert Sekretär auf Lebenszeit der renommierten Académie des Sciences Morales et Politiques. WirtschaftsWoche-Redakteur Lothar Schnitzler hat mit ihm gesprochen. WirtschaftsWoche: Signalisiert die geplatzte Übernahme der Londoner Börse durch die Deutsche Börse den endgültigen Sieg des angelsächsischen Turbo-Kapitalismus über den rheinischen Kapitalismus? Albert: Viele Deutsche mögen es so empfinden, weil die Rücktritte von Börsenchef Werner Seifert und der geplante Rücktritt von Aufsichtsratschef Rolf Breuer diesen Schluss nahe legen. Doch ich darf daran erinnern, dass der Versuch der Übernahme der Londoner Börse im Grunde nach bester angelsächsischer Tradition ablief. Die Deutschen haben versucht, sich wie die Amerikaner oder Engländer zu gebärden und die Aktionäre haben nicht mitgespielt. Das ist aber nicht Ende des rheinischen Kapitalismus, sondern hier wurde nur eine Schlacht verloren. Im übrigen wende ich mich gegen das gängige Schreckbild des angelsächsischen Kapitalismus. Nirgendwo auf der Welt engagieren sich Unternehmen so stark für nachhaltiges Wachstum und karitative Initiativen wie in England oder den USA. Warum funktioniert das rheinische Modell nicht mehr? Es funktioniert. Sogar sehr gut. Aber nicht mehr in seinem Ursprungsland, sondern in Nordeuropa. Allerdings haben die Skandinavier in den vergangenen Jahren etliche Korrekturen vorgenommen. In fast allen Ländern Skandinaviens ist der Arbeitsmarkt flexibilisiert worden – am stärksten in Dänemark. Das war oft sehr hart. Aber die Erfolge können sich sehen lassen. Ist der Niedergang Deutschlands nicht auch Folge rheinischen Modells? Nein. Aber es müssen Korrekturen vorgenommen werden. Das deutsche Finanzsystem mit den Verflechtungen zwischen Banken und Unternehmen, also die Deutschland AG, hat sich überlebt. Das System ist zu starr und deshalb der angelsächsischen Unternehmensfinanzierung unterlegen. Droht Deutschland jetzt ein Niedergang wie in England zwischen 1960 und 1980? Die Situation in Großbritannien war viel schlimmer. Das Land war verarmt und durch die radikalen Gewerkschaften ausgepowert. Englische Produkte waren wegen jahrelang vernachlässigter Innovationen auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Deutschland dagegen ist noch immer Exportweltmeister. Die Produktivität in Deutschland ist beneidenswert hoch. Und die Menschen in Deutschland streiken nicht sofort, wenn ihnen eine Reform nicht passt. Reichen die gemachten Reformen? Einige Schritte waren durchaus mutig. Aber es müssen weitere Reformen folgen. Vor allem die Liberalisierung des Arbeitsmarktes muss angegangen werden. Sie haben den Begriff „Rheinischer Kapitalismus“ geprägt. Stimmt es Sie traurig, dass das Mutterland des rheinischen Modells zurückfällt? Deutschland hat nach dem Krieg gezeigt, dass Kapitalismus, Massenwohlstand und ein friedlicher Interessensausgleich zwischen Kapital und Arbeit möglich ist. Das hat mich wie viele andere in Frankreich sehr beeindruckt. Die soziale Marktwirtschaft ist ein deutscher Exportartikel. Inzwischen hat der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ Eingang in französische Verfassungstexte gefunden. Zu sehen, dass dieses Modell an Glanz verliert, stimmt mich nachdenklich, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Deutschland wieder Tritt fasst. Der Kapitalismus war früher in Deutschland sehr populär. Heute finden die antikapitalistischen Äußerungen des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering in weiten Kreisen Zustimmung. Was ist falsch gelaufen? Die Bürger sehen, dass von ihnen Opfer verlangt werden, während einzelne Manager sich schamlos bedienen. Das hat es früher so nicht gegeben. Der rheinische Kapitalismus war populär, weil er als gerecht empfunden wurde. Dämpft die wirtschaftliche Schwäche Deutschland nicht die Angst in den Nachbarländern vor dem deutschen Riesen? Das ist seit der Kanzlerschaft von Helmut Kohl kein Thema mehr. Kohl verstand es wie keiner zuvor, die Menschen in Europa davon zu überzeugen, dass der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands keine Bedrohung für die Nachbarländer ist. Er hat die Deutsche Mark dem Euro geopfert und die Einheit Deutschlands mit der Integration Europas verknüpft. Das hat die Angst vertrieben.

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