WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Interview mit Rewe-Vorstandsmitglied Sanktjohanser "Gegessen wird immer"

Der Einzelhandels-Präsident Josef Sanktjohanser sieht seine Branche als Stimmungsaufheller mit klarer Botschaft.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Josef Sanktjohanser, Quelle: dpa/dpaweb

WirtschaftsWoche: Herr Sanktjohanser, in der vergangenen Woche hat der Handel die Preise von Milch und anderen Nahrungsmitteln drastisch gesenkt. Sind die Zeiten teurer Lebensmittel vorbei?

Josef Sanktjohanser: Zumindest werden die Lebensmittelpreise nicht mehr so stark steigen wie in den vergangenen Monaten. Getreide und andere Agrarrohstoffe sind wieder billiger geworden und auch die Energiekosten sinken. Ich sehe also keine Gründe dafür, warum die Hersteller mehr Geld verlangen sollten.

Die Nahrungsmittelindustrie sieht das anders. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner spricht nach dem Rückgang der Milchpreise sogar von „Erpressung“ und vergleicht die Händler mit „gewissenlosen Bankern“.

Der Einzelhandel ist nicht für die strukturellen Probleme seiner Vorstufen verantwortlich. Die Bauern müssen sich an die eigene Nase fassen. Sie produzieren zuviel Milch, während der Absatz angesichts der hohen Preise zurückgegangen war. Mit den Preissenkungen kurbelt der Handel die Nachfrage wieder an. Im Übrigen stöhnt die Industrie immer recht lautstark, wenn es um die Preisentwicklung geht.

Das Standardargument lautet dann, der Handel würde mit seiner Nachfragemacht die Hersteller auspressen. Aber das ist falsch. Unsere Unternehmen geben einen Großteil der Preisvorteile an die Endkunden weiter. Damit wird der Handel mehr denn je der Stimmungsaufheller in der Bevölkerung mit der klaren Botschaft: Wir lassen zu hohe Preise nicht zu.

Das Signal wird kaum ausreichen, um das wichtige Weihnachtsgeschäft zu retten. Die Finanzkrise und die Sorge um die Konjunktur dämpfen die Einkaufslust der Konsumenten.

Natürlich wird die Krise auch den Konsum treffen - die Frage ist nur wann. Für das Weihnachtsgeschäft bleiben wir noch relativ optimistisch. Die Arbeitslosenzahlen sind gesunken, dieses Jahr zahlen viele Arbeitgeber wieder Weihnachtsgeld, die Einkommen sind gestiegen und an den Tankstellen müssen die Leute weniger ausgeben. Das alles schafft Freiräume, um Weihnachten Geld auszugeben.

Karl-Erivan Haub, Chef der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann, sieht das anders. Er hat der Branche das schlimmste Weihnachtsgeschäft seit Jahren prophezeit. Hat Ihr Präsidiumsmitglied keine Ahnung oder verbreiten Sie nur Zweckoptimismus?

Herr Haub ist ein großer, international erfahrener Einzelhändler. Er gibt seine Sicht der Dinge wieder. Ich spreche für den gesamten deutschen Einzelhandel. Für Horrorszenarien sehe ich keinen Anlass. Der Einzelhandel ist ein Nachzügler im Konjunkturverlauf. Deshalb treffen uns die Auswirkungen der Finanzkrise später. Noch ist davon nicht viel zu spüren. Wir haben vom Aufschwung kaum profitiert, deshalb muss es jetzt auch nicht so stark nach unten gehen.

Haben Sie sich über die Aussage geärgert?

Jeder darf doch seine persönliche Meinung äußern. Beim Blick auf die gesamte Branche ergibt sich ein anderes Bild. Kassandrarufe sind da fehl am Platz. Es gibt schlicht keine Belege dafür, dass uns ein verheerendes Weihnachtsgeschäft bevorsteht.

Dafür dürfte es spätestens 2009 abwärts gehen.

Wir tragen die Daten für unsere Jahresprognose zwar gerade erst zusammen. Aber es ist kein Geheimnis: 2009 wird härter, wir erwarten insgesamt eher eine Stagnation, wobei man aber wirklich abwarten muss, wie sich die Stimmung der Konsumenten entwickelt.

Wen wird es am stärksten treffen?

Die Modeläden kämpfen schon jetzt – das ist unübersehbar. Auch für viele Warenhäuser und Fachgeschäfte werden die Zeiten nicht einfacher. Der Lebensmittelhandel ist dagegen nicht so anfällig. Da gilt der alte Spruch: Gegessen wird immer.

Kann das Milliardenpaket der Bundesregierung die Konjunktur retten?

Wir glauben, dass die Wirkung dieser Maßnahmen schnell verpuffen wird. Alle Mittel hätte man in die Senkung der Steuertarife setzen sollen. Da wären sie auf breiter Front angekommen und hätten das verfügbare Einkommen erhöht.

Das klingt so, als wären Sie nicht allzu erfreut darüber, dass Branchen wie die Autoindustrie mit Staatshilfen gepäppelt werden, während der Handel leer ausgeht.

Wir rufen nicht nach Staatshilfen.

Wenn die Bundeskanzlerin käme und Ihrer Branche zehn Milliarden Euro anbieten würde, dann würden Sie das Geld doch auch nicht ablehnen.

An Direkthilfen zur Absatzförderung hätten wir wirklich kein Interesse. Strukturell – also im Steuersystem – muss endlich etwas getan werden.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%