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Investmentbanker Auf der Jagd nach dem nächsten Bonus

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Ehemaliger Londoner Staranalyst Geraint Anderson: die Banken haben nicht aus der Krise gelernt Quelle: Chris Gloag für WirtschaftsWoche

Auch wenn die Branche derzeit noch damit beschäftigt ist, die Milliardenabschreibungen zu verkraften, arbeitet sie fleißig am Neustart. Viel spricht dafür, dass der Motor bald wieder angeworfen wird. Kredite sind billig wie nie, die Leitzinsen haben historische Tiefstände erreicht. Analysten empfehlen die Aktien von Investmentbanken schon wieder zum Kauf.

Der Tenor: Von der Krise der Realwirtschaft seien sie weniger betroffen als traditionelle Banken, denen jetzt immer mehr Unternehmenskredite platzen. Investoren beklagen sich bereits über Banken, die ihr Risiko zu sehr reduziert und deshalb die – fast unverändert hohen – Gewinnerwartungen verfehlt haben. Denn nach wie vor gilt: Geschäfte mit hohen Risiken werfen die höchsten Gewinne ab.

Zwar hat der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, seine Branche jüngst zu „kollektiver Demut“ aufgerufen. Doch selbst im eigenen Haus gab es vor Kurzem noch andere Töne. „Wir werden nicht aufhören, das zu tun, was uns zu einem führenden Institut gemacht hat“, sagte Goldman-Weltchef Lloyd Blankfein trotzig schon im vergangenen November.

Die noch halbwegs intakten Häuser nutzen die Chancen, die sich in der Krise bieten. Sie werben Banker von der Konkurrenz ab, locken wieder mit hohen Boni. Sie entdecken Wege, aus der Not der Branche Profit zu schlagen, indem sie kriselnden Konkurrenten mit hohem Abschlag problematische Kredite abkaufen.

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    Investmentbanken sind das kalte Herz des Turbokapitalismus

    Die jüngsten Profite stammen zum Großteil aus dem Handel und der Emission von Anleihen. Darunter sind auch Staatsanleihen, die sie im Auftrag der US-Regierung auf den Markt gebracht haben und mit denen der Staat die Konjunkturpakete auffüllt, die durch den Crash des Finanzsystems erst notwendig wurden.

    So begann auch der vorige Boom. Glaubt man Aussteigern und Buchautoren wie dem ehemaligen Londoner Staranalysten Geraint Anderson („Cityboy“) oder der deutschen Börsenhändlerin Anne T. („Die Gier war grenzenlos“), sind Investmentbanken das kalte Herz des Turbokapitalismus. Die Insiderberichte schildern eine Welt, die ebenso zynisch wie infantil ist, so rücksichtslos wie wettbewerbswild. Ihre Protagonisten halten sich für Helden und sind doch Sklaven, gefangen in einer 80-, 90-, 100-Stunden-Woche, blind für die Außenwelt, immer auf der Jagd nach dem nächsten Bonus.

    So war es angeblich in den goldenen Jahren von 2002 bis 2007. Das von den großen Banken für das Investmentbanking eingesetzte Kapital wuchs in dieser Zeit jährlich im Durchschnitt um 16 Prozent. Zugleich kletterte die Eigenkapitalrendite von fünf Prozent 2002 auf 27 Prozent 2007. 2006 schütteten allein die großen Wall-Street-Banken Boni von umgerechnet rund 25 Milliarden Euro aus, jeder Beschäftigte erhielt durchschnittlich eine Prämie von umgerechnet 140.000 Euro.

    Spirale der Gier

    Doch der Boom stand auf wackeligen Füßen. „Die Superprofite konnten nur durch hohe Risiken im Eigenhandel, bei Verbriefungen und exotischen Produkten erreicht werden“, resümiert eine Studie der Investmentbank JP Morgan, die es relativ gut durch die Krise geschafft hat. Die wundersamen Ertragsbringer funktionierten nur, solange die Banken günstig an Fremdkapital kamen. Mit dem konnten sie ihr eigenes Handelsvolumen aufblähen und damit auch die Rendite auf das von ihnen eingesetzte Kapital hoch treiben.

    Das Spiel nahm gigantische Ausmaße an. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Banken weltweit 1,2 Billionen Euro zusätzliches Kapital bräuchten, um die Verschuldung auf das Niveau der Neunzigerjahre zu reduzieren.

    „Es war eine Spirale der Gier“, sagt Christoph Plummerer*, der in der Kreditabteilung einer Investmentbank in London arbeitet. Sie fing an bei den Entwicklern der Produkte, die auf einen hohen Bonus aus waren. Sie ging weiter bei den Ratingagenturen, die umso mehr verdienten, je mehr Papiere sie mit einer möglichst hohen Bonitätsnote ausstatteten. Sie erreichte dann die Händler, die ihren Kunden die vermeintlich sicheren Produkte unterschoben. Dabei hatten sie Helfer im eigenen Haus, die eigentlich auf sie aufpassen sollten. Doch „wenn du in der Produktkontrolle arbeitest“, sagt Plummerer, „willst du irgendwann selbst Händler werden. Da legst du dich nicht mit deinem künftigen Boss an“. Oft verstanden ohnehin nur noch die Entwickler selbst ihre Produkte.

    Von Lehrer bis Koch: Auf der nächsten Seite lesen Sie, welche Alternativen Branchenaussteiger wählen.

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