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Investoren Warum Russen in die deutsche Touristikbranche einsteigen

Hauptaktionär bei der TUI, Mehrheitsgesellschafter bei Öger – warum Investoren aus Russland bei deutschen Touristikanbietern einsteigen.

Der russische Milliardär und Quelle: dpa

"Schade, schon wieder vorbei.“ 14 Tage war Nadine Nakhle mit Eltern und kleiner Schwester in der Türkei – im Fünf-Sterne-Plus-Hotel Susesi mit All-Inclusive-Service im beliebten Badeort Belek östlich von Antalya. „Das Wetter war super, die Zimmer toll und das Essen lecker“, schwärmt die 18-jährige Düsseldorferin. „Nur die vielen russischen Gäste haben genervt, an den Büfetts haben sie sich vorgedrängelt und wenn wir zum Strand gingen, hingen die schon mit der Bierflasche in der Hand im Pool rum.“

Die Russen kommen. Die Schreckensvision, mit der die CDU hierzulande in den Fünfzigerjahren noch Bundestagswahlen gewinnen konnte, ist vor allem in der Türkei längst Realität. Und auch wenn viele Pauschaltouristen aus Deutschland oder Großbritannien sich nicht viel besser benehmen als die Badegäste aus Moskau oder Petersburg – ihre Anwesenheit erregt immer noch Aufsehen. Nicht nur im Pool, am Büfett oder an der Bar. Auch das verstärkte Engagement russischer Investoren in die deutsche Tourismuswirtschaft – beim hannoverschen Reise- und Schifffahrtskonzern TUI ist der Stahlmagnat Alexej Mordaschow inzwischen Hauptaktionär, sein Landsmann Alexander Lebedew übernimmt den Hamburger Türkei-Veranstalter Öger – sorgt für großes Aufsehen und Emotionen in der Öffentlichkeit: „Wer ist der Russe, der Öger kauft?“, fragt „Bild“ argwöhnisch, „Russen drängen in deutsche Touristik“, kommentiert die „Financial Times Deutschland“, „KGB-Lebedew will SPD-Öger kaufen“, ätzt die linke „TAZ“.

Was vermutlich eher an den zum Teil schillernden Persönlichkeiten liegt – denn nüchtern betrachtet geht es ums Geschäft und das bietet durchaus gute Perspektiven für beide Seiten: „Die russischen Geldgeber erlangen so das nötige Know-how, um ihren Heimatmarkt mit seinem Riesenpotenzial entwickeln zu können, und die deutschen Partner haben die Möglichkeit, an diesem Wachstumssegment teilzuhaben“, sagt Ferdinand Salehi, Tourismusexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney.

Noch ist Russland touristisches Entwicklungsland

Noch ist Russland touristisches Entwicklungsland – aber kaum irgendwo gibt es in Zukunft so viel Geld zu verdienen wie hier, prognostizieren auch die Berater von Roland Berger: Die Touristik gehört zu den dynamischsten Wirtschaftszweigen, im weltweiten Vergleich ist Russland einer der am schnellsten wachsenden Quellmärkte überhaupt. Bislang sind gerade mal 20 Prozent der Bevölkerung schon im Ausland gewesen, nur 6,5 Prozent können sich einen Auslandsurlaub leisten. Doch seit 2001 steigen die Ausgaben für Urlaubsreisen jährlich um durchschnittlich acht Prozent – in der größer werdenden Mittelschicht wächst mit den höheren verfügbaren Einkommen auch die Reiselust.

Was die Russen von den schönsten Wochen des Jahres erwarten, unterscheidet sich kaum von dem, was Touristen aus Deutschland wollen: Sonne, Meer und Strand, komfortable Hotels mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis, reichhaltige Büfetts und immer einen süffigen Cocktail in Reichweite. Die Türkei mit ihren vielen neuen All-Inclusive-Hotels erfreut sich bei Russen wie Deutschen darum besonders großer Beliebtheit, „und es werden von Jahr zu Jahr mehr“, sagt ein türkischer Hotelier. Von den knapp 9,4 Millionen russischen Auslandstouristen entscheidet sich fast ein Drittel für einen Türkei-Urlaub oder eine Reise nach Ägypten: Damit brutzeln an den Stränden von Marmaris, Bodrum, Antalya oder Alanya schon heute fast genauso viele Russen wie Deutsche, die mit rund 3,2 Millionen pro Jahr die größte Urlauber-gruppe in der Türkei stellen.

Die Entscheidung des russischen Oligarchen Lebedew, sich mit 76 Prozent beim deutschen Türkei-Veranstalter Öger einzukaufen, ist für Vural Öger ein gutes Geschäft. Der Gründer und Namensgeber sichert damit die langfristige Entwicklung des Unternehmens und die Arbeitsplätze für seine rund 3100 Mitarbeiter.

Und auch für Lebedew sind die 125 Millionen, die er für die Beteiligung zahlt, aller Voraussicht nach eine gute Investition – sie garantiert ihm die Teilhabe an der wachsenden Reiselust seiner Landsleute. Kein Reiseveranstalter ist in der türkischen Tourismuswirtschaft und der Politik so gut verdrahtet wie Öger, seine Geschäftsbeziehungen, sein Know-how und die bestehende Infrastruktur des Unternehmens sind Gold wert.

Gründer Vural Öger: Quelle: dpa-dpaweb

Öger, 66 Jahre alt, seit 1990 deutscher Staatsbürger und seit 2004 SPD-Europa-Abgeordneter, hat mit 1,25 Millionen Gästen und 722 Millionen Euro Umsatz den größten und erfahrensten Türkei-Reiseveranstalter Europas aufgebaut. Er deckt zudem fast alle Glieder der touristischen Wertschöpfungskette ab: mit den Veranstaltern Öger Tours und ATT, dem Fluganbieter Öger Türk Tur, einem eigenen Internet-Flugportal, einer Incoming-Agentur in den türkischen Urlaubsgebieten und der über langjährige Managementverträge an die Gruppe gebundenen Hotelkette Majesty Hotels & Resorts – mit 8400 Betten und sieben Häusern eine der größten türkischen Hotelgruppen.

Was Öger fehlt, sind eigene Flugkapazitäten – und die hat Lebedew zu bieten. Über seine Finanzholding National Reserve Corporation (NRC) ist er vor allem im Fluggeschäft aktiv: Am früheren Staatscarrier Aeroflot hält er einen Anteil von 30 Prozent, an der deutschen Ferienfluggesellschaft Blue Wings – mit der Öger schon heute einen Teil seiner Gäste in die Ferien befördert – ist er mit 48 Prozent beteiligt, von deren russischer-Kopie Red Wings gehören ihm 30 Prozent, dazu 27 Prozent des Flugzeugfinanzierers Iljuschin Finance.

Zwar gilt der 48 Jahre alte Oligarch als bunter Hund: Mit einem geschätzten Vermögen von 3,1 Milliarden Dollar steht er laut „Forbes“ auf Platz 39 der reichsten Russen. Er saß als Abgeordneter in der Staatsduma und unterlag 2003 bei der Bürgermeisterwahl in Moskau seinem Kontrahenten Luschkow. Zusammen mit Ex-Präsident Michail Gorbatschow besitzt er zwei Kreml-kritische Zeitungen. Kapitalismus, westliche Lebensart und fließend Englisch lernte er als KGB-Agent an der russischen Botschaft in London.

Doch als Unternehmer ist er ein verlässlicher Partner: „Wir arbeiten seit drei Jahren mit NRC zusammen und sind sehr zufrieden“, sagt Blue-Wings-Gründer Jörn Hellwig. Was offenbar auch umgekehrt gilt: Lebedew finanziert Hellwig für rund 1,4 Milliarden Dollar 20 neue Airbus-Flugzeuge, mit denen dann auch verstärkt Flüge von russischen Flughäfen in die Türkei und zu westeuropäischen Zielen angeboten werden sollen.

Auch TUI wittert große Chancen auf russischen Markt

Auch die TUI wittert große Chancen auf dem russischen Markt. Schon seit 2004 ist der größte europäische Reisekonzern 34-Prozent-Partner in einem Joint Venture mit dem russischen Veranstalter Mostravel, der wie Öger in Deutschland vor allem auf Reisen in die Türkei und nach Ägypten spezialisiert ist. Über 400.000 Russen buchen ihren Urlaub jährlich bei dem Veranstalter. Für die TUI hat sich die Zusammenarbeit bewährt: In Schwellenländern bestünden die besten Chancen, wenn man sich mit einem lokalen Partner zusammentut, das „erleichtert das Verständnis für die Bedürfnisse des Marktes und damit die strategische Positionierung“, sagt TUI-Travel-Chef Peter Long.

Zweiter Partner in Russland, und mittlerweile noch wichtiger für die TUI, ist seit vergangenem Herbst Alexej Mordaschow. Auch für den Stahlmagnaten geht es vor allem um Know-how-Transfer. Das Joint Venture mit ihm umfasst mehrere große Hotel- und Tourismusprojekte in Russland, darunter die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi. Das Ziel der langfristig angelegten Zusammenarbeit ist ehrgeizig: „Wir wollen zusammen touristischer Marktführer in Russland und den GUS-Staaten werden“, heißt es bei der TUI. Der russische Markt biete „hervorragende Möglichkeiten“, sagt Mordaschow, und „ein riesiges Wachstumspotenzial“, assistiert Long.

Eng verbandelt ist die TUI mit ihrem russischen Investor aber nicht nur über zukünftige Geschäfte in dessen Heimatland. Mordaschow ist auch der wichtigste Verbündete von Konzern-Chef Michael Frenzel in dessen seit Monaten tobendem Machtkampf mit dem norwegischen Großreeder John Fredriksen. Der will nicht nur den von Frenzel forcierten Verkauf der TUI-Schifffahrts- und Logistik-Tochter Hapag-Lloyd stoppen, sondern vor allem den seit Jahren glücklos agierenden Konzernchef aus dem Amt kippen.

Wochenlang standen die Chancen ziemlich gut – Fredriksen war mit 15 Prozent Hauptaktionär der TUI. Inzwischen hat Mordaschow ihn überholt: Er hält mittlerweile 15,3 Prozent. Frenzel wird sicher der Letzte sein, der nach seinem nächsten Urlaub über russische Nachbarn lästert.

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