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Abwertung und EntlassungStart-up-Branche nach Krisenjahr unter Druck

Knausrige Investoren, sinkende Bewertungen, Tausende Entlassungen: Die Start-up-Branche hat schwierige Zeiten hinter sich. Dieses Jahr dürfte das Umfeld rau bleiben, heißt es in einer Branchenstudie. 06.06.2023 - 08:13 Uhr Quelle: dpa

Die europäische Start-up-Branche bleibt auch nach dem Krisenjahr 2022 unter Druck.

Foto: dpa

Die europäische Start-up-Branche bleibt auch nach dem Krisenjahr 2022 unter Druck. Die Investments in Tech-Firmen dürften dieses Jahr 51 Milliarden Dollar (47,4 Mrd Euro) erreichen, schätzt der Risikokapitalgeber Atomico. Das wäre weniger als die Hälfte als im Boomjahr 2021 mit 106 Mrd Dollar Wagniskapital und nochmals weniger als 2022 (83 Mrd).

Die deutsche Tech-Branche komme dabei relativ glimpflich davon. „Die neue Realität des Marktes wird anhalten“, heißt es in der Analyse, die am Dienstag auf der Branchenmesse Super Venture in Berlin vorgestellt werden soll.

Ukraine-Krieg, schwache Konjunktur, Zinsanstieg

„2021 war ein klarer Ausreißer, und die Investitionsvolumen sowie Bewertungen kehren nun zu den langfristigen Durchschnittswerten zurück“, sagte Atomico-Partner Tom Wehmeier. „Es wird weiterhin zu Abwertungen kommen, und es könnten weitere Entlassungen folgen.“ Blieben die Investitionen auf dem aktuellen Level, schneide 2023 aber ein Drittel über dem Wert von 2020 ab, so der Risikokapitalgeber, der auch in die deutschen Start-ups Lilium und Infarm investiert hat.

Warum in der Tech-Branche Zehntausende Jobs wegfallen
Die Corona-Pandemie mit geschlossenen Geschäften brachte dem Online-Händler einen enormen Geschäftsschub. Entsprechend brauchte er mehr Leute. Die Beschäftigtenzahl in Voll- und Teilzeit verdoppelte sich von 800.000 Ende 2019 auf mehr als 1,6 Millionen Ende 2021. Inzwischen bestellen die Menschen wieder weniger, auch weil das Geld in Zeiten hoher Preise nicht mehr so locker sitzt. Schon vergangenes Jahr fielen Stellen weg, im Januar kündigte Amazon nun den Abbau von 18.000 Jobs an. Stark betroffen davon sind Büro-Arbeitsplätze.
Auch der Google-Mutterkonzern verdient sein Geld fast nur mit Online-Werbung und bekommt die Abkühlung im digitalen Werbemarkt zu spüren. Und auch Alphabet baute in der Pandemie die Belegschaft aus: Von rund 119.000 Mitarbeitern Ende 2019 auf fast 187.000 im September 2022. Zugleich hat Alphabet ebenfalls hohe Ausgaben: Die Gewinne von Google finanzieren Zukunftsprojekte wie Robotaxis der Firma Waymo oder Lieferdrohnen mit, die Milliarden verschlingen. Die Kürzungen trafen auch solche Bereiche.
In der Pandemie griffen viele kleine Unternehmen zu Werbung bei Facebook, um ihr Geschäft anzukurbeln. Meta verdiente gut und stellte auch kräftig ein. Ende 2019 hatte der Konzern 45.000 Mitarbeiter, drei Jahre später waren es mehr als 87.000. Dann kam im November der Abbau von 11.000 Jobs. Meta spürt die Zurückhaltung von Werbekunden, die stärker auf ihr Geld achten. Auch ist die App Tiktok ein starker Rivale im Kampf um Werbe-Dollar - und Apples Maßnahmen zum Schutz der Privatsphäre auf dem iPhone machten Anzeigen bei Facebook weniger effizient. Zugleich steckt Gründer Mark Zuckerberg viele Milliarden in die Entwicklung virtueller „Metaverse“-Welten.
Der Windows-Riese richtete sich in den vergangenen Jahren stark auf das Cloud-Geschäft mit Online-Diensten aus dem Netz – genau richtig für das vernetzte Arbeiten in der Corona-Pandemie. Auch bei Microsoft wuchsen die Mitarbeiter-Zahlen durch Zukäufe schnell: Zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres Mitte 2022 hatte der Konzern rund 221.000 Beschäftigte nach 144.000 drei Jahre zuvor. Zuletzt bekam Microsoft Gegenwind in einem Traditions-Segment: Der Einbruch der PC-Verkäufe in einem gesättigten Markt ließ das Windows-Geschäft um 39 Prozent schrumpfen. Microsoft streicht 10.000 Jobs, will aber in Zukunftsbereichen mehr Leute einstellen.
Der drastische Aderlass beim Kurznachrichtendienst ist dabei ein Sonderfall. Tech-Milliardär Elon Musk behauptete als neuer Besitzer, dass Twitter zu viele Beschäftigte habe – und ließ kurzerhand die Hälfte der rund 7000 Mitarbeiter feuern. Unter Druck gingen auch weitere, so dass inzwischen laut Medienberichten nur noch etwa 1300 Beschäftigte übrig sein sollen. Musk muss Geld sparen: Er bürdete Twitter Milliardenschulden für die Übernahme auf, die nun bedient werden müssen – und die Werbeeinnahmen sollen wegen der Zurückhaltung von Anzeigenkunden um 40 Prozent eingebrochen sein.

In Europa halte sich Deutschland mit einem Rückgang um 44 Prozent im ersten Halbjahr 2023 besser als Großbritannien und Frankreich: Dort schrumpften die Gelder, die Start-ups für ihr Wachstum dringend brauchen, um 59 beziehungsweise 55 Prozent binnen Jahresfrist.

Nach einem Boomjahr 2021, als die Tech-Branche von einem Digitalisierungsschub in der Pandemie und risikofreudigen Investoren profitierte, hatte sich der Markt 2022 komplett gedreht. Angesichts von Ukraine-Krieg, schwacher Konjunktur und dem kräftigen Zinsanstieg hielten sich Investoren mit Geldspritzen zurück. Die Bewertungen großer Start-ups brachen ein. Viele Firmen strichen Jobs. Im ersten Quartal 2023 gab es laut Atomico in der Tech-Branche noch weltweit 185.000 Entlassungen, mehr als im Gesamtjahr 2022 mit 165.000.

Hoffnung auf Stabilisierung

In diesem Jahr setzten sich die widrigen Bedingungen fort, hieß es. Während es angesichts der Unsicherheit kaum Börsengänge von Tech-Firmen gebe, seien die Unternehmensbewertungen zu Jahresbeginn bereits in einem Fünftel der Finanzierungsrunden gesunken. Zugleich gebe es weniger Neugründungen, und es trauten sich zunehmend die erfahrenen Gründer an den Markt. Es gebe aber Hoffnung auf eine Stabilisierung gegen Jahresende mit mehr Börsengängen.

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dpa
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