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Amazon Kleiner Gewinn führt zu großem Kurssprung

Amazon kann auch Geld verdienen. Ein völlig überraschender Gewinnausweis zusammen mit hohen Umsatzsteigerungen lässt die Wall Street verrückt spielen. Die Aktie schießt in die Höhe. Und das liegt auch an Deutschland.

Päckchen des Online-Versandhändlers Amazon liegen in einem Treppenhaus Quelle: dpa

Eigentlich ist es ein Witz: Ganze 92 Millionen Dollar Nettogewinn hat Amazon-CEO Jeff Bezos im zweiten Quartal 2015 aus 23 Milliarden Dollar Umsatz herausgequetscht. Zum Vergleich: Apple hat gerade unfassbare 10,7 Milliarden Dollar Reingewinn innerhalb von drei Monaten gemeldet - und muss sich Kursverluste gefallen lassen.

Doch der Unterschied ist: Bei Apple hatte jeder den Gewinn erwartet, Bezos hat die gesamte Börsenwelt überrascht, und schon dreht die Wall Street durch wie das Kaninchen mit der Karotte vor der Nase. Im Jahr zuvor hatte Amazon netto noch 126 Millionen Dollar verloren und für dieses Quartal hatten Analysten erneut ein Minus von im Schnitt 50 Millionen Dollar befürchtet. Bezos selbst hatte erklärt, sein Unternehmen sei weiter im „Investitionsmodus“, eine fröhliche Umschreibung für Ausgaben, die die Einnahmen bei weitem übersteigen. Und an Verluste sind Amazon-Aktionäre ohnehin gewöhnt.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Doch dem war diesmal nicht so. Er scheint also da zu sein, der geheime Schalter, den Bezos nur umzulegen braucht, und schon sprudeln die Gewinne. An der Wall Street gab es kein Halten mehr. Die Aktie, die ohnehin schon über 50 Prozent seit Jahresanfang zugelegt hatte und während des normalen Handels noch um 1,25 Prozent nachgegeben hatte, stieg raketenartig um weitere 18 Prozent im nachbörslichen Handel auf bis zu 563 Dollar. Das stellt nicht nur einen neuen Rekord dar, wenn die Ein-Tages-Hausse an der Wall Street am Freitag bestätigt wird. Damit wäre Amazon mit einer Marktkapitalisierung von über 263 Millionen Dollar wertvoller als Walmart, der größte Handelskonzern der Welt, der auf 234 Milliarden Dollar kommt. Nur Netflix ist an der Börse dieses Jahr noch stärker gestiegen als Amazon.

Der überraschende Gewinn stammt allerdings nicht vornehmlich aus dem Verkauf von DVDs, Gemüse, Computerkabeln oder Büchern. Besonders der Cloud-Service AWS, der Rechenleistung und Speicher im Internet für Unternehmen darstellt, entwickelt sich zur Umsatz- und Gewinnmaschine.

So können Sie Ihre Daten online abspeichern
DropboxEiner der bekanntesten Cloud-Speicher-Dienste ist Dropbox. Der US-Anbieter gewährt Nutzern vergleichsweise geringe zwei Gigabyte Gratisspeicher – wer die Dropbox anderen empfiehlt kann den Speicher auf bis zu 16 GB erweitern. Entweder über einen Browser oder über die Applikationen von Dropbox lassen sich Daten hoch- und herunterladen. Installiert man die Software, erscheint sowohl beim Windows- als auch beim Apple-Betriebssystem ein Ordner im Explorer, in dem einfach per kopieren und einfügen Daten in die Cloud und aus ihr herausgeholt werden können. Wer mehr Speicher benötigt, kann bis zu einen Terabyte für 9,99 Euro pro Monat erwerben oder für 99 Euro pro Jahr. Quelle: dpa
Microsoft OneDriveMit einem großen Gratisspeicher lockt Microsoft, das 2015 mit OneDrive den Nachfolger seines Cloud-Speichers SkyDrive präsentierte. 15 Gigabyte winken hier, die auf bis zu 20 Gigabyte erweiterbar sind, indem man etwa neue Kunden wirbt und die automatische Sicherung von Bildern aktiviert. Auch hier können Nutzer entweder über den Browser oder über eine Anwendung auf die Cloud zugreifen. Für 100 GB verlangt Microsoft 70 Cent pro Monat, ein Terabyte ist für günstige sieben Euro monatlich zu haben – inklusive dem Microsoft 365 Office-Paket. Nur die Anbieter Spideroak und Livedrive sind noch günstiger. Quelle: dpa
Spideroak Quelle: Screenshot
Google DriveWie auch Microsoft wartet Google Drive mit 15 Gigabyte Gratisspeicher auf. Neben dem Speicher bietet Google einige zusätzliche Cloud-Dienste wie ein Office-Programm, das mehrere Anwender gemeinsam und parallel bearbeiten können; die Versionskontrolle wird über die Cloud-Software synchronisiert. Wer mehr als die 15 Gigabyte Speicher benötigt, kann für 1,99 Dollar pro Monat 100 GB erwerben, ein Terabyte kostet 9,99 Dollar. Der Speicher ist auf bis zu 30 Terabyte erweiterbar – Kostenpunkt: 299,99 Dollar. Quelle: dpa
Amazon Cloud DriveDas Online-Kaufhaus Amazon bietet mit seinem Dienst „Cloud Drive“ fünf Gigabyte freien Speicherplatz für die ersten zwölf Monate. Bei Amazon erworbene MP3-Dateien werden direkt auf der Online-Festplatte abgelegt. 50 Gigabyte sind ab 20 Euro pro Jahr zu haben, ein Terabyte ab 400 Euro. Quelle: dpa
Apples iCloudApple-Nutzer erhalten fünf Gigabyte Cloud-Speicher gratis. Sofern ein iPhone-Nutzer keine anderen Einstellungen vornimmt, landen sämtliche Fotos, die er mit seinem Smartphone schießt, in der Cloud. Auch auf Kontakt-Daten, Termine und andere Anwendungen greift die Cloud zu. Solange man ausschließlich Apple-Geräte nutzt, ist die Synchronisation einer der Aspekte, mit denen Apple besonders punktet. Speichererweiterungen sind problemlos möglich: 50 Gigabyte sind für 99 Cent pro Monat erhältlich, ein Terabyte kostet 9,99 Euro – und damit das Doppelte des Dropbox-Preises. Quelle: dpa
ADrive Quelle: Screenshot

Es ist erst das zweite Mal, dass AWS gesondert Zahlen vorlegt, 20 Jahre lang war der Dienst verschämt unter „Sonstiges“ vergraben worden. Jetzt zeigt sich ein Umsatzplus von gnadenlosen 81 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahresquartal. Der Betriebsgewinn der Sparte vervierfachte sich sogar auf 371 Millionen Dollar. Damit kann man viele subventionierte Preise im Handelsgeschäft kompensieren und offenbar sogar noch etwas übrig behalten.

Der Trend zeigt zugleich, dass Cloud-Computing auch in Deutschland auf dem Vormarsch ist. Das erst im Oktober eröffnete Großrechenzentrum für Europa in Frankfurt ist der Cloud-Bereich mit den „größten Wachstumsraten“. AWS-Deutschlandchef Martin Geier erklärte gegenüber dem Handelsblatt, warum: „Wenn wir heute mit Unternehmen reden“, sagt er, „dann ist die Frage längst nicht mehr ob, sondern nur noch wie schnell wir sie in die Cloud bringen können.“

Der Cloudservice AWS des früheren Buchhändlers treibt mittlerweile Konkurrenten aus der High-Tech-Industrie wie IBM oder Microsoft vor sich her. Auch Google versucht seit langem verzweifelt ein Bein im Cloud-Computing auf den Boden zu bekommen, hat einen Preiskrieg nach dem anderen mit Amazon angezettelt, aber fällt immer weiter zurück.

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