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Amazon und Autobauer im Visier Anspruch auf die Weltherrschaft

Der E-Commerce-Gigant Alibaba ist nicht der einzige Konzern aus dem Reich der Mitte, der an die Weltspitze will. Samsung, Amazon und Microsoft, aber auch deutsche Autobauer müssen sich hüten vor den Angreifern.

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Das Internet-Unternehmen Alibaba will vielen IT-Riesen Konkurrenz machen Quelle: dpa

Sie zählen 49 Jahre, sind Charismatiker und haben Aufregendes mitzuteilen. YY nennt sich der eine, für Yang Yuanqing. Er hat den chinesischen Konzern Lenovo zum größten PC-Hersteller der Welt gemacht. Sein Pendant heißt Jack Ma und regiert Alibaba.

Ma, aufgestiegen vom Englisch-Lehrer zum Internet-Star, will den chinesischen E-Commerce-Giganten in der zweiten Septemberhälfte an die Börse bringen. Das dürfte dem Unternehmen nach Schätzungen von Analysten einen Börsenwert von 200 Milliarden US-Dollar bescheren. Prompt haute er vorige Woche auf die Pauke und verkündete zwei Milliarden US-Dollar Gewinn im ersten Quartal des Geschäftsjahrs bei 2,5 Milliarden Umsatz – glatt die doppelte Marge von Apple.

Yang dagegen ließ am vorigen Donnerstag in Chicago einen Schleier lüften – für eine neue Generation Smartphones der Marke Motorola, die Lenovo von Google übernahm, sowie für ein neues digitales Armbandgerät namens Moto 360 Smartwatch – alles gezielt ein paar Tage bevor Apple das neue iPhone vorstellt.

Alibaba mit Weltherrschaftsanspruch

„Unsere Philosophie ist“, tönt Lenovo-Chef Yang im Interview mit der WirtschaftsWoche: „ Wenn man nicht die Nummer eins werden will, braucht man gar nicht erst antreten.“ Und zuvor hatte Börsenaspirant Ma geprustet: „Wenn Alibaba nicht so wichtig wird wie Microsoft oder Wal-Mart, werde ich das für den Rest meines Lebens bedauern.“

Auf dem Weg zur Weltspitze
LenovoProdukte: Smartphones, PCs, Tablets Umsatz/Gewinn: 34 Mrd. $/1 Mrd. $ Marktanteile weltweit/China: 18,6 %/40 % Umsatz in China: 70 %, mit Motorola stark in den USA Markkapitalisierung: 11,4 Mrd. $ Story: setzt auf Masse und versucht, nach den PCs nun auch bei Smartphones die Nr. 1 zu werden Konkurrenz:Samsung Umsatz: 327 Mrd. Dollar Gewinn: 20 Mrd. Dollar Apple Umsatz: 178,1 Mrd. Dollar Gewinn: 38,5 Mrd. Dollar HP Umsatz: 81,7 Mrd. Dollar Gewinn: 5.1 Mrd. Dollar Umsatz und Gewinn beziehen sich, wenn nicht anders erwähnt auf 2013 Quellen: Unternehmensangaben Quelle: AP
AlibabaProdukt: Online-Handel Umsatz/Gewinn: 8 Mrd. $/3,6 Mrd. $ Position in China: Nr.1|Warenumsatz: 248 Mrd. $ Marktkapitalisierung: Schätzungen bis zu 200 Mrd. $ Story: geht demnächst an die Börse, expandiert mit seinem Flaggschiff Taobao in Südostasien, übernimmt in den USA Wettbewerber Konkurrenz:Ebay Umsatz: 16 Mrd. Dollar Gewinn: 2,8 Mrd. Dollar Amazon Umsatz: 81,7 Mrd. Dollar Gewinn: 2,8 Mrd. Dollar Quelle: REUTERS
QorosProdukt: Autos Umsatz/Gewinn: k. A./255 Mio. $ Verlust Marktanteile/Marktkapitalisierung: vernachlässigbar/nicht börsennotiert Position in China: erste weltmarktfähige Limousine Story: Produktion läuft an, 2015 rund 300 000 Fahrzeuge geplant, Expansion in Schwellenländer und Osteuropa, gegen Premiumhersteller Konkurrenz:Fernziel ist der Wettbewerb mit den weltweiten Premiumanbietern aus Europa, Asien und den USA. Dadurch gerät zum Beispiel VW ins Visier. Quelle: AP/dpa
UnionpayProdukt: bargeldlose Zahlung Umsatz/Gewinn(2011): 1 Mrd. $/k.A. Marktanteile: 3,5 Mrd. Kreditkarten in China Marktkapitalisierung: k. A. Position in China: Nr. 1, nur fünf Prozent Story: zweitgrößtes Bezahlnetzwerk nach Visa Auslandsumsatz Konkurrent:Visa Umsatz: 11,8 Mrd. Dollar Gewinn: 4,9 Mrd. Dollar
TencentUmsatz/ Gewinn: 10 Mrd. Dollar/ 2,5 Mrd. Dollar Produkt: Soziale Netzwerke Position in China: Messenger WeChat 400 Mio. Nutzer; Marktführer in China, 100 Millionen außerhalb Marktkapitalisierung: 150 Mrd. Story: weltweite Expansion, Übernahme von US Computerspieleherstellern Konkurrenz:Facebook Umsatz. 7,9 Mrd. Dollar Gewinn 1,5 Mrd. Dollar Quelle: REUTERS
XaomiProdukt: Smartphones Umsatz/Gewinn (1. Hj. 2014): 5,3 Mrd. $/k. A. Marktanteile: 14 % in China Position in China: Senkrechtstarter, 26 Mio. verkaufte Handys 1. Hj. 2014 Story: Handys kosten nur 100 $, aktiv in Südostasien, Expansion nach Russland und in andere Schwellenländer, fast nur Online-Verkäufe, hauchdünne Margen Konkurrenz:Samsung Umsatz: 327 Mrd. Dollar Gewinn: 20 Mrd. Dollar Apple Umsatz: 178,1 Mrd. Dollar Gewinn. 38,5 Mrd. Dollar Quelle: REUTERS
BaiduProdukt: Internet-Suchmaschine Umsatz/Gewinn: 5,2 Mrd. $/1,7 Mrd. $ Marktanteile: ca. 65 % in China Marktkapitalisierung: 74 Mrd. $ Position in China: Marktführer Story: Größter Auslandsmarkt Brasilien, Expansion im arabischen Raum, zensiert Inhalte in China Konkurrenz: Google Umsatz: 59,8 Mrd. Dollar Gewinn: 12,9 Mrd. Dollar Quelle: dpa

Mit ihrem Weltherrschaftsanspruch sind Yang und Ma in China nicht mehr allein. Auch andere Konzernlenker im Reich der Mitte, deren Unternehmen in den vergangenen Jahren dank des bevölkerungsreichsten Binnenmarktes der Welt erstarkt sind, starten zum Angriff auf derzeit globale Champions im Ausland.

Die Schar der Angreifer ist bunt. Sie reichen vom Messaging-Dienst und sozialen Netzwerk Tencent über die Internet-Suchmaschine Baidu bis zum Kreditkarten- und Bezahlkonzern Unionpay. Mit Qoros hat sich sogar ein Autobauer aufgemacht, um die Konkurrenz aus den reifen Industrieländern einmal mit Qualitätsautos made in China anzugreifen. Deutschlands Anbieter etwa aus dem VW-Konzern sind genauso gewarnt wie Kreditkartengesellschaften vom Typ Visa oder der Handybauer Samsung, aber auch IT- und Internet-Stars aus den USA von Google über Facebook bis zu Microsoft.

Unterstützung von der Regierung

Die Gründe, sich über die Landesgrenzen hinaus auszudehnen, sind vielfältig. Kein Zweifel, wichtige Schützenhilfe erhielten die chinesischen Konzerne von ihrer Regierung. Besonders deutlich zeigt sich das im Internet. Facebook, Google, YouTube, Twitter – die westlichen Erfolgsunternehmen des Web 2.0 sind in China gesperrt. Denn sie beugen sich nicht der staatlichen Zensur. Google verließ den Riesenmarkt deshalb 2010. Facebook und Twitter durften gar nicht erst antreten.

Wie Alibaba die Welt erobert

So konnte etwa der chinesische Internet-Suchmaschinenanbieter Baidu in China groß werden. Heute kontrolliert Baidu 65 Prozent des Marktes. Der börsennotierte Konzern kommt den chinesischen Zensurvorgaben mit vorauseilendem Gehorsam entgegen: Web-Sites, die den Vorgaben der Regierung widersprechen, tauchen bei Baidu gar nicht erst auf.

Der chinesische Konzern Tencent wiederum hat davon profitiert, dass die Web-Seiten Facebook und Twitter in China gesperrt sind. WeChat, auf Chinesisch Weixin, ein Klon der Facebook-Tochter WhatsApp, ist heute das beliebteste Kommunikationsmedium der Chinesen. 400 Millionen User schicken sich damit Nachrichten. Der Instant-Messenger QQ hat gar 800 Millionen Nutzer. Videos schauen Chinesen nicht auf YouTube sondern auf Youku.

Das Web ist nicht das einzige Feld der digitalen Welt, in dem Chinas Unternehmen aktiver und aggressiver gegen westliche Konkurrenten auftreten. Der Senkrechtstarter der vergangenen Monate heißt Xiaomi, was so viel wie „kleiner Reis“ bedeutet. Auch Xiaomi folgt dem Modell: kopieren und verbessern. Zwar kann der Handyhersteller etwa Apple nicht das Wasser reichen, doch mit umgerechnet 100 US-Dollar sind die Telefone im Preis unschlagbar.

Schutzpatron Staat

Der chinesische Staat hilft, wo er kann, den eigenen Unternehmen, im Kampf gegen Platzhirsche jenseits der Grenzen anzugreifen. So hat die Regierung in Peking vor wenigen Tagen angekündigt, das Betriebssystem Windows des US-Softwarekonzerns Microsoft auf den Computern im Reich der Mitte durch eine eigene Kreation zu ersetzen. Schon im Herbst soll das ambitionierte Vorhaben starten.

Und das ist erst der Anfang. Da immer mehr Menschen Smartphones und Tablets nutzen, auf denen Windows unter „ferner liefen“ rangiert, will die Regierung auch ein chinesisches Betriebssystem für drahtlose Geräte in Auftrag geben. „In drei bis fünf Jahren“, so die Ankündigung, soll es eine chinesische Alternative zu Android von Google und iOS von Apple geben, komplett mit der nötigen Infrastruktur für Smartphone-Apps und Web-Dienste.

Taktische Drohgebärden

Größenwahn? Reaktion auf US-Cyber-Schnüffeleien? Taktische Drohgebärde? Gegen Microsoft läuft derzeit in China eine Untersuchung wegen Machtmissbrauchs. Windows 8 auf den Computern chinesischer Behörden ist seit Mai untersagt. Microsoft ist alarmiert. Offiziell will sich der Konzern wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern. Der neue Microsoft-Chef Satya Nadella plant eine Reise nach China noch in diesem Monat, um sich persönlich vor Ort über die Lage zu informieren.

Dass einige Chinesen, die nun Amazon, Samsung und Co. angreifen, enge Beziehungen zur Kommunistischen Partei pflegen oder selbst Mitglieder sind, ist ein offenes Geheimnis. Sie haben den Staat als Schutzpatron hinter sich. „Von westlichen Konkurrenten kopieren und sie dann an der Expansion in China zu hindern oder wie bei Facebook oder Twitter ihnen dies gleich ganz zu verwehren“, sagt der US-Technologiestratege Mark Anderson, das sei das „chinesische Geschäftsmodell“.

In wen Alibaba investiert

Vor allem der Telekommunikationsausrüster Huawei sieht sich immer wieder Spionage-Vorwürfen ausgesetzt. Dessen Gründer Ren Zhengfei, ein ehemaliger Soldat der Volksbefreiungsarmee, werden enge Kontakte zum chinesischen Militär nachgesagt. Doch seit dem NSA-Skandal haben die Vorwürfe von US-Seite an Überzeugungskraft verloren. Huawei bezieht demnächst in Düsseldorf seine neue Europa-Zentrale. Der Bürokomplex namens Silizium im Stadtteil Oberkassel soll 900 Mitarbeiter beherbergen. Zu den Kunden zählen die Deutsche Telekom und Vodafone.

Gefüllte Kriegskassen

Gleichwohl ist es den Angreifern in den vergangenen Jahren auffällig gelungen, sich zu professionalisieren und zu internationalisieren. Die Produkte haben sich verbessert. Lenovo mit zugekauften Marken wie Medion in Deutschland, Huawei oder der Haushaltsgerätehersteller Haier sind im Westen bekannte Marken.

Mit ihren gefüllten Kriegskassen stoßen die Angreifer bevorzugt in Schwellenländer vor. Brasilien etwa ist für Baidu schon der zweitwichtigste Markt. Die Internet-Suchmaschine will bis Ende der Dekade die Hälfte ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaften. 300 Millionen Dollar lässt das Unternehmen für den Aufbau eines Forschungszentrums im Silicon Valley springen. Amazon-Konkurrent Alibaba kauft sich derweil mit dreistelligen Millionensummen in US-Internet-Unternehmen wie Tango, Lyft, Fanatics oder Shoprunner ein. Facebook-Wettbewerber Tencent übernahm an der US-Westküste Spielehersteller wie Riot Games und ist bereits in 140 Ländern aktiv.

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Ganz am Anfang steht der Autohersteller Qoros, dem es als erstem chinesischen Unternehmen gelang, eine international wettbewerbsfähige Limousine zu bauen. Schon bald soll die Produktion auf 300 000 Fahrzeuge im Jahr steigen.

Alibaba soll mit dem Börsengang eine Art Startschuss setzen für die forcierte weltweite Expansion chinesischer Konzerne, wie dies im 20. Jahrhundert die USA, Japan und Westeuropa vorgemacht haben – und wie dies Lenovo-Chef Yang nun mit den Smartphones wiederholen will.

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