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Apple verkauft einen Stift Was interessiert mich mein „Igitt“ von gestern

Steve Jobs lästerte über Eingabestifte – nun bringt Apple sein neues iPad Pro selbst mit so einem Zubehör heraus. Das kann man lachhaft finden, aber auch ziemlich geschickt. Ein Kommentar.

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Ein kleines Element, um das Tablet produktiver zu machen. Quelle: AFP

„Igitt“, spottete Steve Jobs 2007, als er das erste iPhone vorstellte. „Niemand will einen Stift.“ Die neue Generation von Smartphones, das war für den Apple-Gründer klar, wird mit dem Finger bedient. Gut acht Jahre später - der legendäre Gründer lebt inzwischen nicht mehr - bringt der iKonzern mit dem „Pencil“ selbst so ein Zubehör auf den Markt, mit dem man das neue, extragroße Tablet aufrüsten kann. Selbst in dem mit vielen Apple-Mitarbeitern gefüllten Auditorium in San Francisco konnten sich viele das Lachen nicht verkneifen.

Doch Spott ist nicht angebracht. Denn das Unternehmen beweist erstens, dass es ein Gespür dafür hat, wann die Zeit für eine Technologie gekommen ist. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Und zweitens, dass es zwar wichtig ist, Überzeugungen zu haben, ebenso aber, diese immer wieder zu überprüfen. Steve Jobs selbst war dafür berüchtigt, seine Meinung zu ändern – und dann so zu tun, als habe er schon immer so gedacht.

Dass der Apple-Gründer damals über die Stifteingabe lästerte, war geschicktes Marketing. Vor acht Jahren gab es keine massentauglichen Bildschirme, die sich bequem mit Gesten bedienen ließen. Deswegen hatten Taschencomputer wie der Palm Pilot einen Stylus, mit dem man herumdrückte und -kritzelte – es ging eben nicht anders. Der Finger als Stift, das war ein Verkaufsargument.

Die Technik hat sich in den letzten Jahren indes rasant weiterentwickelt. Das erste iPhone war schick, aber für heutige Verhältnisse technisch antiquiert. Zudem war der Bildschirm mit 3,5 Zoll im Vergleich zu herkömmlichen Handys groß, aber immer noch so klein, dass man darauf kaum Arbeit erledigen konnte.

Doch in den letzten Jahren ist die Leistung der Smartphones und Tablets so sehr gewachsen, dass sie sich als Arbeitsmaschinen eignen. Microsoft macht das mit dem Surface vor, das als Mischung aus Tablet und Notebook Arbeit und Freizeit verbinden soll; auch das reguläre iPad wird häufig mit einer Tastatur aufgerüstet.

Die Bildschirme sind in den letzten Jahren mitgewachsen. Kaum ein Smartphone misst heute weniger als fünf Zoll, Samsung vermarktet seine Note-Reihe erfolgreich als Arbeitshelfer samt Eingabestift. Überdies haben Zubehörhersteller den Stylus weiterentwickelt. Heute lässt sich mit den Geräten tatsächlich filigran schreiben, zeichnen und navigieren.


Great artists steal

Über das Bohei, das Apple um seinen „Pencil“ macht, darf man ruhig spotten. Neu erfunden hat der Konzern den Stift gewiss nicht, er ist im Gegenteil damit sogar spät dran. Ob er in Sachen Funktionalität mit der Konkurrenz mithalten kann, muss sich noch zeigen – Samsung & Co. beschäftigen sich schon länger mit dem Thema.

Sinnvoll ist der „Pencil“ trotzdem: Apple will sein iPad verstärkt an Geschäftskunden verkaufen, die für Skizzen oder Excel-Tabellen durchaus ein filigranes Werkzeug gebrauchen können. Auch der heftige Preis von 100 Dollar machen ihnen vermutlich nicht so viel aus. Es ist nur ein kleines Element, um das Tablet produktiver zu machen, aber immerhin.

Wie sagte Steve Jobs bei anderer Gelegenheit: Great artists steal – große Künstler bedienen sich schon mal bei anderen.

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