"Beasts of No Nation" Warum Netflix auf ein Drama über Kindersoldaten setzt

Mit „Beasts of No Nation“ feiert ein Film bei Netflix Premiere, der so auch für das Kino getaugt hätte. Das ist nicht nur ein weiterer Schritt im Wandel der Sehgewohnheiten, sondern auch für die Strategie des Streamingdienstes zentral.

Beast of no Nation Quelle: dpa

Es wird geschrien, geschossen, gemordet. „Beasts of No Nation“ hat es in sich. Das Drama über einen jungen Kindersoldaten in Westafrika ist schmutzig, brutal und hoffnungslos. Kritiker loben den Film über die Maße. Schauspieler Idris Elba, der einen westafrikanischen Kommandanten gibt, der die Kindersoldaten drillt, gilt als Oscar-Anwärter.

Früher wäre das Stück auf der großen Leinwand gelaufen, Freitag feierte es seine Premiere auf Netflix – nahezu exklusiv. Nur in den USA und Großbritannien ist der Streifen überhaupt in einigen wenigen, kleinen Kinos zu sehen.

Die Veröffentlichung des Kriegs-Dramas gilt als ein weiterer Schritt im Wandel des Filmgeschäfts. Lange wurden die großen Filme erst im Kino, Monate später auf Video und dann im Fernsehen gezeigt. Der Zeitraum zwischen den einzelnen Verwertungen schrumpft schon seit Jahren. Bei „Beasts of No Nation“ ist der Kinobonus nun ganz abgeschafft, der Start erfolgt parallel. Auch deshalb wollen die großen Ketten in den USA ihn gar nicht zeigen.

Regisseur Cary Joji Fukunaga, der zuvor die gesamte erste Staffel der HBO-Serie „True Detective“ inszenierte, hatte gezögert, den Netflix-Deal einzugehen. „Ich wollte wirklich einen Film machen, der im Kino erlebt wird. Obwohl vermutlich alle meine Filme häufiger zu Hause gesehen werden als auf der großen Leinwand“, sagte Fukunaga im Interview mit "Vanity Fair". Die Gefahr, dass bei Netflix eine besondere Kino-Erfahrung verloren geht, schien ihm groß. Doch der Dienst habe ein Angebot gemacht, dass er nicht ausschlagen konnte.

Damit dürfte zum einen die Summe von zwölf Millionen Dollar gemeint sein, die Netflix laut Gerüchten für die Verleihrechte der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Uzodinma Iwealas gezahlt hat. Zum anderen aber auch das Versprechen, den Film zumindest in kleineren Kinos auf die Leinwand zu bringen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Netflix-Start

Wichtig war Fukunaga auch die künstlerische Freiheit, die der Dienst ihm beim „final cut“, also der fertigen Fassung, gelassen habe. Er musste keine Kompromisse bei der Darstellung oder Dauer eingehen. So ist „Beasts of No Nation“ denn auch ein 137-Minuten-Film geworden, der viele Zuschauer abschrecken, andere aber umso mehr faszinieren wird.

Genau das ist es, was Netflix braucht. Denn der Wettbewerb im Streaming-Segment wird härter. „In dem Markt sind mit Größen wie Netflix, Amazon Prime, iTunes, Google, Sky oder Maxdome sehr viele 500-Pfund-Gorillas unterwegs“, sagt Klaus Goldhammer, Medienexperte und Gründer des Beratungsunternehmens Goldmedia in Berlin der WirtschaftsWoche, „wir befinden uns mitten in einer ziemlich heftigen Schlacht um Marktanteile. Nur wenn sich Netflix Alleinstellungsmerkmale schafft, hat das Unternehmen die Chance auf lange Sicht zu wachsen. Dazu setzte der Dienst bislang auf Eigenproduktionen von Serien – "Orange Is the New Black"  und "Narcos" zum Beispiel – und Exklusivrechte an Dokuserien.

Deshalb verzichtet Netflix künftig auch auf teure Verleihverträge mit dem Blockbuster-Verleih Epix. Filme wie "Die Tribute von Panem" und "World War Z" lassen sich schließlich auch bei Amazon sehen – und bringen deshalb nicht genug neue Kunden, glauben die Netflix-Macher.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Der Start von „Beasts of No Nation“ kommt zur rechten Zeit. Netflix braucht die Aufmerksamkeit. Zwar steigen die Nutzerzahlen weiter: Mehr als 69 Millionen Kunden hat der Dienst mittlerweile weltweit, von Juli bis September allein stieg die Zahl um 3,62 Millionen. Anleger und Analysten hatten sich jedoch noch mehr versprochen.

Im Heimatmarkt USA schwächt sich der Anstieg bereits deutlich ab. Und die Expansion in weitere Länder kostet, ebenso die aufwendigen Eigenproduktionen: Der Gewinn des Unternehmens fiel zuletzt von 59 Millionen Dollar im Vorjahresquartal auf 29 Millionen Dollar (25,4 Millionen Euro). Der Umsatz wuchs um 23 Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar. An der Börse verlor Netflix nach Bekanntwerden der Quartalszahlen am Donnerstag mehr als acht Prozent.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%