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Betrugs-Affäre „Spiegel“-Chefs lassen Verträge nach Relotius-Fälschungsfall ruhen

Der Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius hat nun auch für die Chefetage Konsequenzen. Die neuen Verträge von Ullrich Fichtner und Matthias Geyer werden vorerst stillgelegt.

HamburgIm Fälschungsskandal um einen ehemaligen „Spiegel“-Reporter werden die Verträge von zwei Führungskräften zunächst auf Eis gelegt. Das kündigte der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann in einem Schreiben an die Mitarbeiter an, wie eine „Spiegel"-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Freitagabend bestätigte. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet.

Klusmann schreibt in dem der dpa vorliegenden Brief, der Fall des Reporters Claas Relotius habe bei einigen die Frage aufgeworfen, ob Ullrich Fichtner als Chefredakteur und Matthias Geyer als Blattmacher nach einem solchen „Desaster“ eigentlich noch tragbar seien. „Der eine hat Claas Relotius für den Spiegel entdeckt, der andere hat ihn fest angestellt und bis zuletzt geführt.“

Er wolle den Fall Relotius hier nicht leichtfertig abtun, schreibt Klusmann. „Dafür ist er zu groß und zu gefährlich. Und er ist noch lange nicht ausgestanden. Ich habe daher mit Matthias und Ullrich verabredet, dass wir ihre neuen Verträge erstmal aussetzen und ruhen lassen, bis die Kommission den Fall abschließend untersucht hat.“

Das Nachrichtenmagazin hatte den Fälschungsskandal Mitte Dezember öffentlich gemacht und der Reporter seinen Vertrag beim „Spiegel“ gekündigt. Von ihm waren dem Magazin zufolge seit 2011 knapp 60 Texte im Heft und bei „Spiegel Online“ erschienen. Relotius war zunächst freier Mitarbeiter und wurde dann festangestellter Redakteur.

Am Donnerstag hatte sich der ehemalige Reporter über seine Anwaltskanzlei zu Wort gemeldet und dementiert, von ihm gesammelte Spenden für sich persönlich verwendet zu haben. Die syrischen Kinder, für die Leser der von ihm verfassten „Spiegel“-Reportage „Königskinder“ Geld gaben, existierten aber nicht. Beim E-Mail-Kontakt mit Lesern und in Mitteilungen zu den Spenden habe der Autor „die Illusion über die reale Existenz des geschilderten Geschwisterpaars aufrechterhalten“, teilte die Anwaltskanzlei Unverzagt von Have im Namen von Claas Relotius am Donnerstag in Hamburg mit.

Relotius hatte demnach nach diversen Zuschriften spendenbereiter Leser angeboten, Spendengelder über sein privates Konto zu sammeln und weiterzuleiten. „Zu keinem Zeitpunkt hat er jedoch beabsichtigt, Spenden selbst zu vereinnahmen. Eine solche Verwendung ist auch nie erfolgt“, so die Anwaltskanzlei weiter.

Tatsächlich habe ihr Mandant den bis dahin auf seinem Konto eingegangenen Spendenbetrag von insgesamt 7000 Euro aus eigenen Mitteln auf 9000 Euro aufgestockt und im Oktober 2016 an die Diakonie Katastrophenhilfe für ein Projekt zur Unterstützung von kriegsflüchtigen Kindern im Irak überwiesen.

„Unser Mandant entschuldigt sich hiermit ausdrücklich bei allen hilfsbereiten Spendern, die sich in ihrer Intention, an die von ihm geschilderten syrischen Geschwister zu spenden, getäuscht fühlen müssen“, teilte die Kanzlei mit. Er werde allen Spendern ihr Geld vollständig zurückerstatten. Die Diakonie Katastrophenhilfe bestätigte, 2016 das Geld von Relotius erhalten zu haben.

Der „Spiegel“ hatte am Wochenende berichtet, dass ihr damals noch freier Mitarbeiter 2016 nicht nur eine Geschichte über angebliche syrische Waisenkinder in der Türkei in großen Teilen erfunden, sondern auch privat Spendenaufrufe an Leser verschickt habe.

„Unser Mandant hat bereits eingeräumt, dass er bei seinen Reportagen - im Wesentlichen im Magazin „Der Spiegel“ - über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden hat“, teilte die Kanzlei am Donnerstag weiter mit. „Spiegel Online“ veröffentlichte die Mitteilung der Anwälte als Nachtrag in seinen Beitrag „Reporter täuschte Leser offenbar mit Spendenaufruf“.

Der Kanzlei zufolge ist Relotius bewusst geworden, dass er durch sein Verhalten dem Ansehen des „Spiegel“ und der Presse insgesamt schweren Schaden zugefügt habe. „Er bedauert dies zutiefst und wird sich bemühen, diesen Schaden soweit wie möglich zu begrenzen.“

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