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Brand-Mail SAP-Vorstand kritisiert Cloud-Strategie

In einer internen Brand-Mail übt der neue SAP-Vorstand Lars Dalgaard deutliche Kritik - das Geschäft mit dem Cloud Computing ist offenbar schwerer als gedacht.

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Die wichtigsten Cloud-Computing-Anbieter
Logo von United Internet Quelle: Presse
Logo der Deutsche Telekom Quelle: AP
Logo von Salesforce
Logo von SAP Quelle: dpa
Logo vom Rackspace Hosting
Microsoft-Chef Steve Ballmer Quelle: AP
Diverse Google-Logos Quelle: rtr

Von diesem Montag an werden alle Augen der SAP-Welt nach Orlando blicken: Der Softwarekonzern aus Walldorf richtet die US-Ausgabe seiner alljährlichen Kundenmesse Sapphire Now mal wieder in der Stadt im Zentrum Floridas aus. Insbesondere der Dienstag verspricht Spannung, will SAP an jenem Tag doch seine Pläne für die Neuausrichtung des Geschäfts mit Internet-basierter Software präsentieren, Neudeutsch Cloud Computing genannt.

Der Schritt ist nötig, weil sich SAP im Frühjahr für 3,4 Milliarden Dollar den amerikanischen Cloud-Spezialisten SuccessFactors einverleibt hat. Deren Chef, Lars Dalgaard, ist Ende April in den SAP-Vorstand aufgerückt und übersieht dort als neuer „Mister Internet“ die gesamten Cloud-Aktivitäten der Walldorfer. Die Ziele der beiden SAP-Chefs Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott sind jedenfalls extrem ambitioniert. Bis 2015 will SAP der führende Cloud-Anbieter weltweit werden und in diesem Geschäft zwei Milliarden Euro Umsatz erzielen.

Dalgaard ist derjenige, der die Ziele von Snabe und McDermott in die Realität umsetzen soll. Eine wahre Herkulesaufgabe hat der 43-Jährige Däne da übernommen, das musste er bereits schmerzhaft lernen: So hat er in den vergangenen drei Monaten alle SAP-Teams rund um den Globus besucht, die an den neuen, Internet-basierten Lösungen werkeln. Sein bisheriges Fazit: „Kunden: Nicht genug. Umsatz: Nicht genug“, schreibt Dalgaard stakkatohaft in einer interne E-Mail, die der WirtschaftsWoche vorliegt.

Plattners provokanteste Sprüche
Hasso Plattner Quelle: REUTERS
Hasso Plattner Quelle: dpa
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Hasso Plattner Quelle: dpa
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Großer Verbesserungsbedarf im Cloud-Geschäft

Darin hat Dalgaard auch einige heikle Informationen parat, die ausweisen, wie schlecht es aktuell um das Cloud-Geschäft der SAP bestellt ist: So haben die Walldorfer seit vergangenem Jahr mehrere eigenständige Cloud-Lösungen im Angebot, etwa Sales On Demand für die Vertriebssteuerung oder Travel on Demand für die Reiseplanung. Diese sollen Unternehmen losgelöst von den großen SAP-Komplettpaketen auf Abteilungsebene einsetzen können. Keines jener On-Demand-Produkte liege aktuell „im Plan für das Jahr“, so Dalgaard.

Mehr noch: Die Ausgaben in den betreffenden Abteilungen lägen zu hoch. Laut Dalgaard betrage die operative Marge im SAP-On-Demand-Geschäft -64 Prozent, während sie bei SuccessFactors +83 Prozent betrügen. „Ja, das ist ein Minus (-) und ein Plus (+), und es liegt einige Arbeit vor uns, bis unsere Umsätze unsere Ausgaben abdecken“, schreibt Dalgaard weiter.

Eine neue Strategie

So nutzen Dax-Konzerne die Cloud
AdidasAdidas setzt nach eigenen Angaben zunehmend auf Cloud Computing und dabei verstärkt auf Software as a Service (SaaS) ein - also Anwendungen, die nicht lokal installiert sind, sondern über das Netzwerk ausgeführt werden. Die Rechenkraft kommt aber immer noch aus der eigenen IT-Abteilung: "Cloud-Infrastruktur-Dienste nutzen wir eher wenig - hier sehe ich für kleinere Firmen mehr Potential", so Jan Brecht, CIO der Adidas-Gruppe. Dabei setzt Adidas nicht auf einen bestimmten SaaS-Anbieter, sondern lässt sie in Ausschreibungen gegen traditionelle Formen der Applikationsbereitstellung antreten. "Zunehmend gewinnen die SaaS-Anbieter nicht nur in Randgebieten wie Mobiltelefonabrechnung, Tankkartenabrechnung und Reisekostenabrechnung, sondern auch in Kernprozessen wie Logistik-Portal und Fracht-Management", so der Chief Information Officer. Quelle: dpa
Allianz meidet die externe CloudAls Versicherer ist Allianz bei ihrer IT besonders vorsichtig. Trotz unbestrittener Vorteile setzt der Technik-Chef der Allianz-Gruppe, Ralf Schneider, in sensiblen Bereichen nicht auf externe Dienstleister. "Cloud Services an den richtigen Stellen bringen Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen mit sich. Das ist unbestritten. Aber als Versicherer geben wir die Hoheit über unsere Kundendaten nicht aus der Hand. Datensicherheit und Datenschutz haben oberste Priorität", so Schneider. Daten und Anwendungen blieben in der eigenen Verantwortung und unter eigener Kontrolle. Quelle: dpa
Interner Dienstleister baut an Privater CloudIntern setzt die Allianz-Gruppe allerdings auf Cloud-Technologien. Dafür ist der interne Dienstleister AMOS IT zuständig. Weltweit verlagert das Unternehmen derzeit die IT-Infrastruktur in zentral gesteuerte Rechenzentren der AMOS. "In einem nächsten Schritt sollen auch die Applikationen, die auf den Rechnern laufen, von der AMOS IT betrieben werden", so die Sprecherin. Cloud-Services würden erheblich zu Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen beitragen. Quelle: dpa
Thyssen-Krupp: Viele Wegen führen zur CloudBei Thyssen-Krupp verfolgen die Unterabteilungen des Unternehmens jeweils eigene Strategien. "Derzeit gibt es im Thyssen-Krupp-Konzern viele dezentrale IT-Versorger. Eine Harmonisierung ist im Gange - jedoch nicht notwendigerweise verbunden mit physischer Zentralisierung", so ein Unternehmenssprecher. Im Konzern gäbe es einzelne Ansätze wie etwa cloud-basierte E-Mai-Farmen (seit etwa fünf Jahren im Einsatz) und ein bereits seit zehn Jahren cloud-basiertes Intranet. Public-Cloud-Ansätze würden nicht verfolgt. Vom Konzept ist auch Thyssen-Krupp überzeugt: "Clouds reduzieren nachweislich Kosten". Quelle: dapd
CommerzbankBei der Commerzbank wird die IT derzeit durch die Integration der Dresdner Bank umgebaut. Das Thema Cloud Computing rückt dadurch in den Hintergrund. "Wir prüfen regelmäßig die Entwicklungen am Markt und sind grundsätzlich offen für neue Lösungen", so eine Sprecherin.   Quelle: dpa
Munich ReFür die im Dax vertrene Munich Re hat die Ergo-Versicherungsgruppe die Fragen stellvertretend beantwortet. Aus Sicht der Ergo können die auf dem Markt verfügbaren Public-Cloud-Lösugen die besonderen Sicherheitsaufklagen, die Versicherer an den Schutz ihrer Kundendaten stellen, derzeit noch nicht erfüllen. "So sind die Fragen, wo und wie die Daten zu einem bestimmten Zeitpunkt gespeichert sind, ungeklärt", sagte ein Sprecher. Intern nutzt die Ergo nach eigenen Angaben aber bereits "Cloud-ähnliche Prinzipien zur Betriebsoptimierung". "In Bereichen, in denen keine besonderen Datensicherheitsniveaus notwendig sind, setzen wir heute schon auf extern gehostete öffentliche Cloud-Lösungen", so der Sprecher. Beispiele seien die Ideenforen von Itergo, die Vertriebe oder die neue Ergeo-Kundenwerkstatt Quelle: dpa
BASFDie Chemieriese setzt nach eigenen Angaben seit einigen Jahren auf Private-Cloud-Technologien, ein hybrides Cloud-Modell ist in Planung. "Mit der Private Cloud haben wir gute Erfahrungen gemacht", so ein Mirarbeiter des internen IT-Dienstleisters BASF IT Services. Die Private Cloud werde durch BAST IT Services bereitgestellt, für die hybride Cloud sei der Anbieter noch offen. "Für die Zukunft planen wir eine verstärkte Nutzung und werden insbesondere unsere PaaS-Leistungen (Platform as a Service) weiter ausbauen", so der IT-Mitarbeiter. Die Versprechen der Cloud-Techonologie habe sich voll erfüllt, insbesondere was die Bereitstellungszeit neuer Systeme angeht. "Diese hat sich von mehreren Wochen auf wenige Stunden verkürzt". Quelle: dpa

Mit einer neuen Strategie will er das Ruder nun herumreißen. „Wir müssen uns – angefangen bei der Entwicklung über den Vertrieb bis zum Kundensupport – auf einige wenige Produkte konzentrieren, die bereits wettbewerbsfähig sind und die wir sofort verkaufen können“, gibt Dalgaard die Marschroute vor. Genau das sei es auch, woran es bisher bei SAP gefehlt habe. „In den Meetings mit Euch ist mir klar geworden, dass wir bisher keine klare und fokussierte Strategie in Sachen Cloud hatten.“

Wie er voran marschieren will, hat er mit SuccessFactors schon bewiesen. Das von SAP geschluckte Unternehmen gilt mit 15 Millionen Anwendern im Segment Personal-Management als einer der führenden Cloud-Anbieter weltweit. Ein Erfolg, der offenbar auch seit der Übernahme anhält: Laut Dalgaard liegt SuccessFactors aktuell sieben Prozent über der Planung und habe im letzten Quartal rund 100 Millionen Dollar Umsatz erzielt, was einem Wachstum von 59 Prozent entspräche.

Bei SAP will Dalgaard die Cloud-Bemühungen fortan auf vier Marktsegmente konzentrieren: Personal-Management, Finanzwesen, Kunden-Management und Beschaffung. Auf diese Bereiche will er die Ressourcen der mittlerweile rund 5000 Beschäftige zählenden Cloud-Truppen fokussieren, um schnell gegen die Wettbewerber zu punkten. Welche das sind, spricht er klar aus: Bei Personal-Management und Finanzwesen sei es der US-Anbieter Workday, bei Kunden-Management und Beschaffung der Cloud-Weltmarktführer Salesforce. Warum gerade diese beiden? „Weil diese Cloud-Anbieter am ehesten in der Lage sind, die bestehende SAP-Kundenbasis anzugreifen“, so Dalgaard.

IT



Eine eigenständige Lösung für das Finanzwesen

Stattdessen will er den Spieß umdrehen und den beiden Rivalen durch neue Angebote seinerseits Kunden abspenstig machen. Dazu plant er unter anderem, aus dem Cloud-Komplettpaket Business By Design eine eigenständige Lösung für das Finanzwesen herauszulösen. Grund: „Laut externen Beratern ist die Finanzlösung in Business By Design besser als das Produkt von Workday“, so Dalgaard.

Überhaupt scheint der Däne mehr von Einzelprodukten statt einem umfassenden, aber dadurch möglicherweise auch aufgeblähten Produktpaket zu halten. „Die meisten Kunden kaufen noch kein Komplettpaket, sondern eher diverse Einzelprodukte, die lose miteinander verknüpft sind“, so Dalgaard. Das einstmals als großer Cloud-Hoffnungsträger apostrophierte Business By Design kommt denn in der fünf A4-Seiten umfassenden E-Mail gerade ein einziges Mal vor – mit einem bestenfalls lauen Bekenntnis: Man werde Business By Design für Mittelstandsfirmen und Niederlassungen von Konzernen weiter anbieten, wo es die Nachfrage nach einem Komplettpaket gebe. Ansonsten gelte der Hauptfokus den vier erklärten Produktgruppen, man dürfe sich nicht zuviel zumuten – oder wie es Dalgaard ausdrückt: „Wir wollen nicht den Ozean zum Kochen bringen.“

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