BrandIndex

NSA-Skandal gefährdet Image beteiligter Marken

Holger Geißler
Holger Geißler Psychologe, Werbepsychologe

Nur selten betrifft eine Nachricht so viele Menschen: Millionen Internetnutzer können ausspioniert werden. Die Kunden machen die betroffenen Unternehmen aber nicht zu den Hauptverantwortlichen. Noch nicht.

"Sollte es das Programm geben, machen wir nicht mit"
Die „Washington Post“ und die britische Zeitung „Guardian“ berichten über ein bislang unbekanntes Abhörprogramm der US-Sicherheitsbehörden. Einige Folien einer Präsentation zum Programm „PRISM“ nennen Firmen, die demnach den Behörden weitreichenden Zugriff auf ihre Daten gestatten. Dazu gehört Apple, der Hersteller von Smartphones („iPhone“), Tablets und Computern. Das Unternehmen teilte mit: „Wir haben noch nie von PRISM gehört. Wir gewähren keiner Regierungsbehörde direkte Zugang zu unseren Servern und alle Behörden, die Kundendaten beantragen, müssen einen Gerichtsbeschluss erhalten haben.“ Quelle: dpa
Auch Google steht auf der Liste. Einer Präsentationsfolie zu PRISM zufolge, ist der Datenzugriff zwar abhängig vom jeweiligen Internetdienst, kann jedoch Daten wie E-Mail, Chat, Fotos und hochgeladene Dateien umfassen. Google sagt zu den Vorwürfen, dass es „keine Hintertür“ in die eigenen Systeme gebe. Quelle: AP
Auch die Google-Tochter YouTube steht auf der Liste. Video-Dateien sollen auch zum Umfang des Abhörprogramms gehören. Quelle: dpa
Auch das soziale Netzwerk Facebook hat die Anschuldigungen dementiert. „Wir gewähren keiner Regierungsorganisation direkten Zugriff auf Facebook-Server. Wenn von Facebook Daten zu spezifischen Individuen verlangt werden, prüfen wir gründlich, ob Anfragen dieser Art den anwendbaren Gesetzen entsprechen und geben Informationen nur in dem Umfang heraus, wie es das Gesetz verlangt.“ Quelle: dapd
Der veröffentlichen PRISM-Präsentation zufolge ist Microsoft bereits seit 2007 an dem Programm beteiligt. Auch der Windows-Hersteller und Anbieter von E-Mail-Diensten und Suchmaschinen weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen gebe „niemals auf freiwilliger Basis“ Daten heraus, sondern nur auf Basis eines richterlichen Beschlusses. Außerdem dürften sich diese Beschlüsse nur direkt auf einzelne Accounts beziehen. Quelle: dpa
Auch der Internettelefonie-Dienst Skype steht auf der PRISM-Liste. „Sollte die Regierung ein größeres, freiwilliges Programm haben, um Kundendaten zu sammeln, nehmen wir daran nicht teil“, schreibt Microsoft in seinem Dementi. Quelle: dapd
Das Internet-Portal Yahoo steht angeblich seit Dezember 2008 für das Programm zur Verfügung. Das Unternehmen teilte dazu mit, den Datenschutz sehr ernst zu nehmen. „Wir gewähren der Regierung keinen direkten Zugriff auf unsere Server, Systeme oder Netzwerke.“ Quelle: AP
Paltalk ist ein Chatservice für Text, Sprache und Videochats und hatte besonders während des arabischen Frühlings an Popularität gewonnen. Der Guardian berichtete, dass alle in der PRISM-Liste geführten Firmen die Kenntnis von einem solchen Programm dementiert hätten – also auch der Chat-Service.
Der Internetdienst AOL bietet unter anderem ein Nachrichtenportal und E-Mail-Dienste an. Seit 2011 soll das Unternehmen an dem Abhörprogramm teilnehmen, was aber auch von AOL dementiert wird. Quelle: AP
Der Dienstleister Dropbox erlaubt das Sichern und Übertragen von Daten in der „Cloud“, also auf Servern unabhängig vom eigenen Computer. In der PRISM-Präsentation wird das Unternehmen erwähnt, da es bald auch mit der NSA kooperiere. Ein Sprecher dementierte das. „Wir nehmen nicht an irgendeinem solchen Programm teil und bleiben entschlossen, die Daten unserer Nutzer zu schützen.“
Unabhängig von PRISM hatte bereits der US-Mobilfunkdienstleister Verizon für Schlagzeilen gesorgt, da das Unternehmen dem US-Geheimdienst NSA Zugriff auf die Verbindungsdaten aller Kunden gewährt habe. Das Unternehmen veröffentlichte kein scharfes Dementi, sondern wies darauf hin, dass der Datenschutz gewahrt werde, aber Gerichte die Möglichkeit hätten, das Unternehmen zur Herausgabe von Daten zu verpflichten. Sollte es eine so umfassende Anordnung gegeben haben, sei es dem Unternehmen nicht gestattet, darüber zu berichten. Quelle: AP

Ein Blick in den YouGov-Markenmonitor BrandIndex zeigt, dass das Image der von der PRISM-Affäre betroffenen Unternehmen bisher kaum in Mitleidenschaft gezogen wird. Unter anderem die Logos von Google, Facebook, Hotmail, AOL, Yahoo, Apple und Skype sind auf den veröffentlichten Geheimunterlagen zu sehen. Unternehmen, die auch deshalb viele Kunden haben, weil sie ein gutes Image haben. Allen voran Google, das konstant mehr als +80 Imagepunkte im BrandIndex erreicht. Auch Microsoft ist in der Spitzengruppe, Skype bewegt sich mit rund +60 Punkten im Mittelfeld. Das Image von Apple und Yahoo ist schon deutlich schlechter: Apple hält sich so gerade über der +30-Punkte-Marke, Yahoo liegt leicht darunter. Einzig Facebooks Image ist dauerhaft negativ. Aktuell liegt das Unternehmen bei -11 Punkten.

Junge sensibel für Schnüffeleien

Trotzdem zeichnet sich ab, dass die PRISM-Leaks gefährlich für einige der genannten Unternehmen werden könnten. Facebook etwa hatte mit -27 Punkten noch im Februar einen Negativrekord für die vergangenen zwei Jahre gesetzt, aber schien den Abwärtstrend jetzt endlich gestoppt zu haben. Das zeigt auch der Buzz an, die Komponente in BrandIndex, die angibt ob eine Marke gerade positiv oder negativ im Gespräch ist. Oft tief im negativen Bereich, wurde in der ersten Juniwoche etwas weniger negativ über das Soziale Netzwerk gesprochen – vor allem von jungen Leuten unter 30 Jahren. Doch diese wichtige Zielgruppe scheint besonders sensibel auf Schnüffeleien zu reagieren. Der Buzz fällt bei den Jungen seit Bekanntwerden der Geheimdienst-Aktionen steil ab. Das ist in der Regel ein guter Indikator für die Entwicklung des Index, also des Images des Unternehmens.

YouGov hat in einer Umfrage im Auftrag von Zeit Online herausgefunden, dass die junge Zielgruppe die kritischste ist. Von den 18- bis 24-Jährigen fanden es nur 28 Prozent richtig, dass Staaten die Kommunikation im Internet überwachen. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei 40 Prozent. Mehr als ein Drittel der Befragten will jetzt auf die entsprechenden Kommunikationsdienste verzichten, viele sind noch unentschlossen. Wenn die Diskussion weitergeht, könnte dem Protest zumindest teilweise auch ein Handeln folgen. Das, wie oben geschildert, überaus positive Image der meisten betroffenen Marken lässt sich aber nicht von heute auf morgen umstoßen. Aber die anhaltende politische und gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit Daten durch US-Unternehmen könnte die Werte weiter purzeln lassen.

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