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Camping-Reiseportal Warum ADAC-Campingwelt dem Portal Pincamp weichen muss

Pincamp löst ADAC-Campingwelt ab Quelle: imago

Der Reiseführer „Campingwelt“ des ADAC ist online ins Hintertreffen geraten. Nun ist die alte Seite weg. das neue Portal „Pincamp“ soll laut CEO Uwe Frers weit mehr sein als nur eine Campingplatzsuche.

Herr Frers, Sie starten mit pincamp.de einen Online-Campingführer mit dem Zusatz „powered by ADAC.“ Der ADAC selbst betreibt seit Jahren campingfuehrer.adac.de – also nicht genug, dass Ihr Unternehmen sich nun in einen Wettbewerb mit Portalen wie camping.info, camping-and-co.com oder camperado.de begibt – Sie machen sich auch im eigenen Haus Konkurrenz. Wieso?
Wir machen uns keine Konkurrenz, vielmehr arbeiten wir miteinander. Die Geschichte der ADAC Campingwelt und dem dazugehörigen Portal resultiert aus den Campingführern. Die gibt es seit 60 Jahren und sie sind eine Institution. Im Buchgeschäft ist die ADAC SE damit Marktführer. 2009 hat der ADAC entschieden, dass die Führer auch online erscheinen sollen. Dies wurde realisiert und bildet nun die inhaltliche Basis für Pincamp.

Sie konkurrieren also eher mit jüngeren Wettbewerbern im Markt?
Vor sechs, sieben Jahren sind kleinere Anbieter dazu auf den Markt gekommen. Junge Leute, die gesagt haben, das kann man doch anders machen. Und seit spätestens drei Jahren haben auch Venture-Capital-Investoren das Thema in Augenschein genommen.

Das neue Logo beherrscht den Auftritt. Quelle: PR

Wieso?
Sie haben festgestellt, dass es eine Branche ist, die nachhaltig funktioniert, aber kaum digitalisiert ist. Die 2017er Zahlen der Camping-Branche in Europa sind beeindruckend: 5,2 Millionen zugelassene Caravans und Wohnmobile, 367 Millionen Übernachtungen auf Campingplätzen, 3,4 Milliarden Euro Buchungsumsatz. Und der Markt wächst weiter: In den ersten acht Monaten 2018 wurden zwölf Prozent mehr Neufahrzeuge zugelassen als im Vorjahreszeitraum. Die Kernfrage ist heute, mit welchem digitalen Geschäftsmodell man daraus Kapital schlagen kann.

Guter Rat ist da teuer.
Ja, auch für den ADAC gab es die Option, bei einem der bestehenden Portale einzusteigen. Es wurde aber die hauseigene Alternative bevorzugt und die geht nun an den Start. Wir wollen die Assets, die wir haben – die Marke und die Datenbank mitsamt Bewertungen der Campingplätze – verbinden mit den digitalen Produktionsmethoden, wie es Start-ups machen. Das Ergebnis ist Pincamp. Wir lösen die digitale Version der ADAC Campingwelt ab. Von dieser Woche an werden ihre Nutzer auf Pincamp umgeleitet. Wenn sie also eine der 22.000 Seiten der ADAC Campingwelt aufrufen, landen sie auf dem gleichen Inhalt bei Pincamp.

Ein gravierender Schritt, da, wie Sie selber sagen, die Marke ADAC gut, die Marke Pincamp gar nicht bekannt ist. Ein hohes Risiko?
Die Diskussion darüber, ob wir eine neue Marke einführen oder nicht, haben wir gründlich geführt. Es gibt immer Gründe, die dafür sprechen und welche, die dagegen sprechen. Mit dem Zusatz ‚powered by ADAC‘ haben wir die beste Lösung gefunden. Diejenigen Nutzer, die bei Google nach ADAC Campingbewertungen suchen und dort eine ADAC Internetadresse sehen, werden beim Klick weitergeleitet. Diese User bekommen eine Erklärung eingeblendet, dass sie künftig bei Pincamp sind. Auf allen Produkten, die wir für 2019 auf den Markt bringen, wird das überall direkt auf dem Cover zu sehen sein. Wir versuchen, das gut zu kommunizieren.

Was sind die wichtigsten Gründe für die Umstellung?
Grund Nummer eins ist Agilität und Geschwindigkeit, die wir in diesem jungen Geschäft benötigen. Wenn wir einen A-B-Test machen, um herauszufinden, ob der Button besser blau oder rot ist, dann machen wir ihn Minuten danach entweder blau oder rot.

Uwe Frers ist CEO des Portals Pincamp. Quelle: PR

Das kann ja nicht alles sein.
Nein, Pincamp ist jetzt zunächst mal in Deutschland gestartet und dort ist es „powered by ADAC“. Wenn wir später damit ins Ausland gehen, gibt es dort andere Automobilclubs- und Verbände. Da wollen wir nicht mit der Marke ADAC in den Wettbewerb treten.

Pincamp spielt durch Zufall mit der Namensähnlichkeit zu Pinterest oder war das Vorsatz?
Grundidee war die Nadel, also der Pin, die man in eine Landkarte steckt. Wir haben uns gefragt, was die Aufgabe des Portals sei. Und das ist, für eine sehr individuelle Nutzungssituation die besten Ergebnisse herauszufinden. Es gibt ganz unterschiedliche Camper mit ganz unterschiedlichen Anforderungen. Und wenn wir eines richtig machen wollen, dann ist zum ersten zu verstehen, was der Camper will und zweitens ihm darauf das richtige Angebot zu machen und drittens ihm zu sagen, warum dieses zu ihm passt. Wir haben hunderte Namen durchdekliniert und sie müssen am Ende einen suchen, der möglichst in jeder Sprache sofort funktioniert, der in der Marke und der Domain frei ist.

Sie haben einen zeitgemäßen Auftritt und bessere Funktionalität – aber dennoch greifen Sie auf die Datenbank der Campingwelt zurück. Alter Wein in neuen Schläuchen?
Guter Wein in neuen Schläuchen! Richtig ist, dass wir die 5.500 Bewertungen von unabhängigen Inspektoren nutzen können. Die Daten sind identisch mit denen, die wir auch in der Campingwelt benutzt haben. Sie sind ein großes, professionell organisiertes Asset, denn die Tester fahren zu allen diesen Plätzen in persona und checken dabei 240 Datenpunkte dokumentierbar per App. Wir messen alles: Wie der Strand beschaffen ist, wie groß die Distanzen zu den Restaurants und Shops sind und wie die Qualität der Sanitäranlagen ist. Das ist Gold für uns, denn auf Basis dieser Datenbestände können wir dem Suchenden sagen, dass der Platz XY zu ihm passt, weil er dieses bietet oder jenes eben nicht. Da liegen wir im Wettbewerb meilenweit vorne.

Reicht das?
Nicht alleine. Als nächstes werden wir die Anzahl der Campingplätze ausweiten. Bislang werden 5.500 inspiziert. Unsere Aufgabe ist es nun, die Inhalte und Bewertungen auszuweiten, damit wir perspektivisch Vollständigkeit haben. Das heißt für uns: Mindestens 20.000 Campingplätze in Europa abbilden. Insgesamt gibt es 28.000. Die wichtigsten 75 Prozent abzudecken, das ist unser Ziel.

Modernisierung der Campingbranche zieht sich hin

Wo liegen Sie mit dem Startschuss?
Bei etwa 8.000 Campingplätzen.

Werden – wie bei Tripadvisor für Hotels und Restaurants üblich – die Kundenrezensionen eine Rolle spielen?
Ja, das forcieren wir massiv. Wir wollen die redaktionelle Qualität, die wir mit unseren unabhängigen Inspektoren erreichen, mit den Campingplatz-Bewertungen der Nutzer verknüpfen. Von denen haben wir bereits 25.000 Stück. Wir sammeln pro Monat ca. 3.000 neue ein. Der Leser sieht sofort unsere Klassifizierung und die Nutzerwertung und kann vergleichen.

All das muss jemand bezahlen. Wenn Werbung keine entscheidende Einnahmequelle ist – woher soll das Geld kommen?
Im nächsten Schritt wollen wir die Campingplätze dem Nutzer nicht allein informativ näher bringen, sondern auch buchbar machen. Die Konsequenz wäre, dass der Nutzer über unsere Webseite einen Campingplatz sucht und findet. Schneller als wenn er beispielsweise „Campingplatz Allgäu“ googelt, die Seite des Campingplatzes aufruft, wieder zurück zu Google geht, wo er wieder eine andere Campingplatz-Seite aufruft. Nach seiner Entscheidung kann er über Pincamp in Zukunft direkt buchen. Für diesen Vorgang würden wir dann die Provision vom Betreiber nehmen, wenn der Nutzer über unsere Seite dort verbindlich bucht. Für den Nutzer bleibt der Service kostenfrei. Außerdem kann der Nutzer dann in Echtzeit sehen, wo er noch zu seinen Daten ein Platz findet, der ihm gefällt.

Da hinkt die Campingbranche anderen Tourismuszweigen hinterher?
Stimmt, das kennen wir aus der Hotellerie seit mehr als zehn Jahren. Das ist Technik. Da haben Campingplätze noch viel Potenzial. Wir wollen den Betreibern später zum Beispiel auch Software anbieten, um bestimmte Standplätze punktgenau zu buchen. Wir haben ein Team von fünf Mitarbeitern, die mit den Betreibern darüber verhandeln, diese Infos und Leistungen bereit zu stellen. Für den Nutzer ist diese Welt bislang entweder telefonisch buchbar oder gar nicht buchbar. Oder sie ist online nur auf Anfrage buchbar. Heutzutage möchte der Camper jedoch frühzeitig Klarheit über die Verfügbarkeit und sofort vom Sofa aus buchen.
Für spontane Bucher keine Chance?
Für mutige schon. Gerade Wohnmobilnutzer fahren oft umher ohne feste Planung. Wenn sie bei Venedig sind, gibt es dort zirka 30 Plätze. Sie können einen anfahren und an der Schranke schauen, an welcher Position der Warteschlange sie sind und dann entscheiden, ob sie das Risiko eingehen, der letzte zu sein, der nicht mehr draufkommt. Oder es gibt später eine Echtzeitbuchung, wo sie sehen, was frei ist und das direkt mobil buchen via App – ohne Warteschlange an der Schranke.

Hotels und Ferienwohnungen – allen voran AirBnB – machen das erfolgreich vor. Warum dauert das bei den Campingplätzen so lange?
Campingplätze sind im Durchschnitt etwa 60 Jahre alt. Wir befinden uns meist in der zweiten und dritten Betreibergeneration. Je nachdem, mit wem sie sprechen, hat der Betreiber entweder keinen Zugang zu modernen Technologien oder sie finden einen, der sofort versteht, worum es dabei geht. In Deutschland ist man da noch etwas hinterher – zum Beispiel im Vergleich zu Frankreich, wo auch die Saison einfach länger dauert. Dort ist schon vieles technisch weiter, aber auch die Nutzer sind viel weiter in der Anwendung von Apps und Buchungssystemen. Da hinkt Deutschland hinterher – auf der Seite der Anbieter wie der Nutzer.

Wie lange wird es noch dauern, bis die Technik flächengreifend umgesetzt ist und der Camper das zuverlässig nutzen kann?
Es sind derzeit rund 3.500 Plätze online buchbar. Ungefähr 15 Prozent der gesamten Betreiber in Europa. Unsere Aufgabe Nummer eins ist also, die bereits vernetzten reinzuholen. Denen müssen wir nichts erklären, da geht es nur um Schnittstellen. In Waging am See zum Beispiel können Camper sich online einen Plan aufrufen und den Standort auswählen. Der Betreiber hat ein Managementsystem, das ihm sagt, da steht Familie Müller von dann bis dann. Bis zum zweiten Quartal 2019 wollen wir die ersten Campingplätze über unsere Seite buchbar machen. Das sind die Plätze, die die Technologie haben. Umgekehrt sind rund 85 Prozent aller Campingplätze in Europa noch nicht online buchbar. Unser Ziel ist es, die meisten davon bis 2022 erschlossen zu haben.

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