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Chefdesigner Ende einer i-poche: Jony Ive verlässt Apple

Apples Chefdesigner Sir Jonathan Paul „Jony“ Ive verlässt den iPhone-Konzern. Quelle: dpa

Apple gibt seinem Chefdesigner Jony Ive ein Stück Freiheit zurück. Der Brite, der Apple zusammen mit Steve Jobs neu erfand, verlässt den Konzern und gründet sein eigenes Design-Unternehmen. Das ist nicht nur für ihn gut.

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Eigentlich wollte Jony Ive Apple schon vor über zwanzig Jahren den Rücken kehren. Im Sommer 1992 war der gebürtige Brite ins kalifornische Cupertino übergesiedelt, heuerte bei Apple als Designer an und stieg vier Jahre später sogar zum Chef der Abteilung auf. Da steckte Apple schon tief in der Krise, hatte sich mit einer Vielzahl von Modellen, die immer noch auf der Vorarbeit des deutschen Ausnahmedesigners Hartmut Esslinger aus den Achtzigerjahren basierten, verzettelt.

Während Apple unter der Ägide des Deutsch-Amerikaners Michael Spindler langsam auf den Bankrott zu steuerte, haderte Ive mit sich. „Es ging nicht mehr darum, sich Mühe mit einem Produkt zu geben, sondern möglichst viel Geld damit herauszuholen“, erinnerte sich der Designer später an diese düstere Zeit. Und vertraute dem Steve-Jobs-Biographen Walter Isaacson an: „Ich war kurz davor, aufzugeben.“

Doch dann kam Steve Jobs Anfang 1997 zurück zu Apple, stieg ein halbes Jahr später zum kommissarischen CEO auf, zum iCEO (interim) wie der Apple-Gründer witzelte. Plötzlich war alles anders, hatte Design wieder den höchsten Stellenwert bei Apple. Damit hatte Jobs schließlich mit Mitgründer Steve Wozniak den Computerpionier groß gemacht. Jobs wollte für den Neustart ursprünglich einen Stardesigner anheuern, einen großen Namen von außen.

Doch dann fiel ihm Ive auf, ein ernster junger Mann, gerade erst 30 geworden und mit einem guten Ruf in der Branche. Apples populärstes Produkt, die Powerbook Laptops, trugen Ives Handschrift. Sein großes Vorbild war der deutsche Designer Dieter Rams. Genau wie Jobs huldigte Ive dem Minimalismus, der Kunst des Weglassens.

In dem zwölf Jahre jüngeren Briten fand der Apple-Gründer nicht nur einen ebenbürtigen Gesprächspartner, sondern einen Vertrauten und sogar Seelenverwandten. Ive konnte gar als einer der wenigen den meinungsstarken Konzernchef von seinen berühmten fixen Ideen abbringen.

Jonathan Ive (l) und der ehemalige Senior Vice President für Hardwareentwicklung, Jon Rubinstein, posieren 1999 mit iMac-Computern. Quelle: AP

Auch wenn er das wohlweislich selten nutzte, hatte Ive dafür zumindest reichlich Gelegenheit. Wenn Jobs in der Konzernzentrale in Cupertino war und nicht gerade bei seinem Zweitjob beim Trickfilm-Pionier Pixar in Emeryville, hielt er sich meist im Designstudio von Ive auf, ging mit ihm über Entwürfe und danach zum gemeinsamen Mittagessen. Jobs schätzte an seinem Sparringspartner, dass dieser sich nicht in den Vordergrund spielte. Obwohl Ive, wie er Freunden anvertraute, zuweilen darunter litt, dass alle Erfolge dem Genie von Jobs zugeschrieben wurden.

Denn das Apple vom Bankrott-Kandidaten zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufstieg, ist nicht nur das Werk von Jobs, sondern auch von Ive. Gemeinsam krempelte das Duo Apple nicht nur optisch um, sondern gab der Marke wieder das Besondere zurück, startete die „iEpoche“. Zunächst im Mai 1998 mit dem iMac, dem Ive farbenfroh schimmernde Gehäuse verpasste, die einen Blick in das Innenleben gestatteten. Ein freundlich und verspielt wirkendes Gerät, das die Angst vor dem Computer nehmen sollte und das auch erreichte. Ganz anders als die vorwiegend fürs Büro konzipierte Konkurrenz in grauem oder weißem Einheitsbrei.

Gefolgt im Januar 2001 mit einem komplett neu entworfenen PowerBook im edlen Titanium-Gehäuse und schließlich im Oktober 2001 mit dem Produkt, welches das Schicksal von Apple grundlegend verändern sollte. Während Amerika noch unter dem Schock der Anschläge von New York stand, präsentierte Jobs im kleinen Kreis in der Aula, mit Ive im Publikum, den iPod, den Walkman des Internet-Zeitalters – „1000 Songs in der Hosentasche“.

Gefolgt 2007 vom iPhone, 2010 vom iPad. Plötzlich war Apple wieder Zeitgeist. Nicht alles war von Erfolg gekrönt. Der iMac in Schreibtischlampenform verkaufte sich schlechter als erwartet. Der Apple Cube, ein würfelförmiger Kompaktcomputer, entpuppte sich als Flop.

Ive hatte Jobs versprochen, auch nach dem Tod des Firmengründers die Marke Apple weiter zu prägen. Doch mit der wachsenden Popularität wurde es immer schwieriger, die Designs zu verändern, ohne Gefahr zu laufen, Kunden vor den Kopf zu stoßen. Die Ära Tim Cook ist von behutsamen Updates geprägt. Das hat Apple finanziell ausgezeichnet bekommen, aber seinen Produkten die Magie genommen.

Mit einer Ausnahme, mit der Ive wieder richtig aufblühen konnte, da ein gänzlich neues Produkt und somit von der Vergangenheit unbelastet: Die im April 2015 vorgestellte Apple Watch, die bislang einzige neue Produktkategorie nach dem Tod von Jobs. Mit Apples neuem Hauptquartier, einem UFO nachempfunden, konnte Ive den Traum jedes Designers ausleben: Einem Gebäude seinen Stempel aufdrücken. Wenn auch nur behutsam und mehr in der Inneneinrichtung. Der Campus selbst ist von Norman Foster entworfen, ein berühmter, britischer Landsmann, mit dem Ive allerdings eng zusammenarbeitete. Dass das Gebäude jedoch von vielen als Fremdkörper kritisiert wird, als ein UFO dessen Insassen abgeschirmt von der Außenwelt bleiben wollen, hat Ive tief verärgert und getroffen.

Immer wieder gab es Gerüchte, dass der Designer sich kolossal bei Apple langweilen würde, so wie zuletzt Mitte der Neunzigerjahre.

Nun wird er unabhängiger. Mit seinem eigenen Kreativstudio LoveFrom, mit Apple als wichtigstem Klienten, hat Cook eine gute Lösung gefunden, um Ive ein Stück Freiheit zurückzugeben und ihn zugleich weiter an Apple zu binden. Die Aktie gab deshalb nach Börsenschluss am Donnerstag nur leicht nach.

Die Ära Ive ist noch lange nicht vorüber. Schließlich ist er erst 52 Jahre alt. An seiner Seite hat er bei LoveFrom den Designer Marc Newsom, einen langjährigen Freund.

Hartmut Esslinger, dessen Unternehmen Frog Design am Mittwoch sein fünfzigstes Jubiläum feierte und der Apple in den Achtzigerjahren während der „Mac-Epoche“ mit Jobs zur Weltmarke machte, wollte sich am Donnerstag nicht öffentlich zu Ive äußern. Außer, dass er ihm gratuliert und immer eine „gute, ehrlich-kritische Beziehung“ gepflegt habe.

Bei allen Verdiensten von Ive: Apple ist langweilig geworden. Dem Designer ist das nicht anzukreiden. Zu starker finanzieller Erfolg verhindert oder tötet neue Ideen. Warum neue Pfade gehen, wenn die alten immer noch zum Ziel führen.
Als Jobs zu Apple zurückkehrte, konnten er und Ive Risiken eingehen, mussten neuen Pfade beschreiten, um nicht in der Sackgasse zu enden. Mit LoveFrom kann Ive wieder Neuland bestellen. Auch wenn das frische Grün nicht bei Apple sprießen wird.

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