Compugroup: Das E-Rezept ist nur der Anfang
Wie das E-Rezept funktioniert, demonstrierte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach vor Wochen in einer Berliner Apotheke: Einfach die Gesundheitskarte auslesen lassen oder die App öffnen. Am 1. Januar soll es nun tatsächlich so weit sein: Statt des rosafarbenen Papierrezepts wird künftig das elektronische Rezept (E-Rezept) zum Standard. Patientinnen und Patienten erhalten es in der Arztpraxis und lösen es in der Apotheke ein. Die aufwendige Zettelwirtschaft fällt künftig weg, die Abläufe sollen so einfacher werden.
Doch Lauterbach will noch mehr. „Wir sind bei der Digitalisierung des Gesundheitswesen ein Entwicklungsland“, erklärt der Bundesgesundheitsminister, „wir brauchen eine Aufholjagd.“
Bei der Aufholjagd ist Michael Rauch, CEO des Koblenzer IT-Spezialisten Compugroup Medical Group (CGM) gern behilflich. Der Mittelständler profitiert ganz besonders von den Plänen des Ministers; CGM liefert die Hard- und Software für das E-Rezept. Und das ist nur der Anfang von Lauterbachs Digitalisierungsoffensive. Bald folgt die elektronische Patientenakte. Kliniken erhalten zusätzliche Gelder, um Abläufe zu digitalisieren und künstliche Intelligenz einzusetzen.
CGM ist der zentrale Player bei der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens. Der Marktanteil der Koblenzer bei Praxissoftware liegt bei rund 30 Prozent – weit vor allen anderen Konkurrenten. Weltweit beliefert CGM 1,6 Millionen Ärztinnen, Zahnärzte, Apothekerinnen, Labore und Kliniken. „Aufgrund der langjährigen Erfahrung kennt Compugroup die Bedürfnisse des Marktes und der Kunden gut und kann von der Digitalisierungsinitiative besonders profitieren“, sagt Adriana Allocato , Analystin beim IT-Marktforschungsunternehmen International Data Corporation (IDC).
Oldtimer und Eishockey
Auf 1,1 Milliarden Euro Jahresumsatz und 126 Millionen Euro Betriebsgewinn brachten es die Koblenzer im vergangenen Jahr. Seit 2016 hat sich der Umsatz verdoppelt, der Gewinn legte im gleichen Zeitraum um fast 60 Prozent zu. Auch in den ersten neun Monaten des Jahres 2023 ging es weiter bergauf.
Compugroup ist vor allem das Werk des Unternehmers Frank Gotthardt. Auf die Idee, es im Gesundheitswesen zu versuchen, brachte ihn seine Frau, eine Zahnärztin. Lange bevor das Internet seinen Siegeszug antrat, erkannte Gotthardt die Chancen der Digitalisierung. Compugroup expandierte und kaufte in zunehmend rascher Folge kleinere Unternehmen auf. Inzwischen hat es Gotthardt zum Milliardär gebracht und zählt zu den hundert reichsten Deutschen. Er sammelt Oldtimer, betreibt ein feines Restaurant am Moselufer und ist Hauptgesellschafter des Kölner Eishockey-Clubs („Die Haie“). Zuletzt machte der heute 73-Jährige durch seine Verbindungen zum umstrittenen Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt Schlagzeilen.
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2020 wechselte Gotthardt in den Verwaltungsrat. Sein Nachfolger wurde der frühere Telekom-Manager Dirk Wössner. Zwei Jahre später musste Wössner schon wieder gehen – wegen strategischer Differenzen. Seither steht Rauch an der Spitze, der zuvor als Finanzvorstand bei der Parfümeriekette Douglas arbeitete. Rauch soll nun die Digitalisierung vorantreiben.
Beim E-Rezept läuft die Welle bereits: Seit Ende August hat sich die Zahl der in Deutschland eingelösten E-Rezepte von drei Millionen auf zehn Millionen mehr als verdreifacht. Gegenüber den jährlich etwa 500 Millionen Papierrezepten ist das zwar immer noch wenig. Doch die Zahl der Arztpraxen und Apotheken, die E-Rezepte nutzen, nimmt sprunghaft zu. Zum 1. Januar müssen alle 70.000 Arztpraxen und 18.000 Apotheken in Deutschland entsprechend ausgerüstet sein. Rund 40.000 Ärzte und Apothekerinnen nutzen bereits die Hard- und Software von Compugroup. Zusätzlich profitierte CGM von einem Gerätetausch. Um eine sichere Anbindung an das Netzwerk zu gewährleisten, mussten die Konnektoren (Router) ausgetauscht werden – auf Kosten der Krankenkassen.
Eine weitere Einnahmequelle ist das Krankenhauszukunftsgesetz der Bundesregierung, das die digitale Modernisierung der Kliniken anschieben soll. Nach früheren Angaben hat Compugroup daraus bis Ende Juni Aufträge in Höhe von 130 Millionen Euro erhalten. Aktuell spricht CEO Rauch von „zweistelligen organischen Wachstumsraten im Umsatz mit Krankenhausinformationssystemen“.
KI besser als Ärzte
Im August legte Rauch eine große KI-Initiative für Compugroup an. „Ohne KI ist die moderne Medizin nicht mehr denkbar“, erklärt er. KI kann schneller Tumore auf Röntgenbildern erkennen und hat bei Diagnosen meist eine höhere Treffergenauigkeit als Ärztinnen und Ärzte.“ Bei einer Studie an über 20.000 Hautkrebspatienten erkannte die KI kürzlich in 99,5 Prozent der Fälle die Melanome – die Trefferquote der Ärztinnen und Ärzte lag deutlich darunter.
Compugroup will künftig mehr in KI-Algorithmen und Sprachmodelle investieren. 2022 übernahm Compugroup bereits den Datendienstleister Insight Health.
Schon am Start ist das Therafox-System von CGM. Dabei rechnen Algorithmen aus, welche Kontraindikationen auftreten, wenn die Ärztin oder der Arzt ein bestimmtes Medikament verschreibt.
Eine andere Anwendung, den „GHG Praxisdienst“ führt CGM-Produktmanagerin Olivia Bachnig bei einem Videotelefonat vor. Nachdem die studierte Medizinerin ihren Bildschirm geteilt hat, erscheint die Krankengeschichte einer fiktiven Patientin auf dem Monitor – unter anderem Rheumaschmerzen und Geschwüre. Ein Algorithmus verarbeitet die Informationen, ein grünes Rechteck am unteren Rand zeigt schließlich die wahrscheinliche Diagnose an: Morbus Behcet, eine seltene Autoimmunerkrankung.
Die Software zeigt auch an, welche Symptome bei Morbus Behcet auftreten – etwa im Nervensystem, am Mund oder an den Gelenken. Ein weiterer Klick, und das System schlägt die Therapieoptionen und die nächsten Behandlungsschritte vor. Zusätzlich kann die Ärztin weitere Informationen ansteuern – die dazugehörigen Behandlungsleitlinien der medizinischen Fachgesellschaft sowie klinische Studien.
Mehrere Tausend Arztpraxen in Deutschland nutzen bereits Therafox und den GHG Praxisdienst. CEO Rauch will weitere Ärzte gewinnen. Manche Mediziner bevorzugen aber immer noch kleinere Anbieter. Neben CGM und dem Konkurrenten Mediatixx ist der Markt stark fragmentiert. Rauch ist optimistisch, am Ende vorn zu liegen: „Die größeren Anbieter werden sich mehr und mehr durchsetzen. Die Praxen werden größer, die Aufgaben wachsen. Bei Compugroup arbeiten 2600 Entwickler weltweit – mit entsprechendem Know-how.“
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