Cyberabwehr Europa droht der Ausverkauf bei Spionagetechnik

Europäische Unternehmen forschen an neuen Techniken für ein superschnelles und sicheres Internet. Doch der Ausverkauf der IT-Sicherheitsanbieter in die USA läuft bereits.

Techniken zur digitalen Selbstverteidigung
E-Mails verschlüsselnDie Technik für eine solche Verschlüsselung gibt es seit Jahren. Sie hat nur zwei Nachteile: Erstens macht es Mühe, sie zu benutzen, und zweitens muss der Empfänger dieselbe Technik einsetzen. Fakt ist, dass E-Mails grundsätzlich kein besonders sicheres Kommunikationsmedium sind, aber durch ihre weite Verbreitung unverzichtbar bleiben. Auch wenn es aufwendig klingt: Sie sollten darüber nachdenken, zumindest im Mailverkehr mit wichtigen Partnern beidseitige Verschlüsselung einzusetzen. Quelle: dpa
Verabschieden Sie sich aus sozialen NetzwerkenSoziale Netzwerke sind nicht sicher, können es nicht sein und wollen es wohl auch nicht. Deshalb muss sich jeder Nutzer darüber im Klaren sein, dass für die Nutzung von Facebook & Co. mit dem Verlust von Privatsphäre bezahlt wird. Viele Unternehmen fragen sich inzwischen: Brauchen wir das wirklich? Hier macht sich zunehmend Ernüchterung über den Nutzen sozialer Netzwerke breit. Quelle: dpa
Springen Sie aus der WolkeVermutlich sitzt die NSA zwar nicht in den Rechenzentren von Google oder Microsoft, aber sie könnte Internet-Service-Provider überwachen und damit auch Daten auf ihrem Weg in die Wolke beobachten. Unabhängig davon, was die NSA tatsächlich tut, wissen wir, dass Behörden auf Cloud-Server zugreifen können. Halten Sie Ihre Daten in einer Private Cloud oder gleich im eigenen Rechner. Zu aufwendig? Nicht zeitgemäß? Auf jeden Fall besser, als beklaut zu werden. Quelle: dpa
Schalten Sie alles Unnötige abWer Smartphones und Tablets benutzt, weiß, dass solche Geräte ständig im Hintergrund irgendwelche Kontakte und Kalender synchronisieren, Browser-Historien anlegen und viele mehr. Richtig gefährlich kann dieses ständige Sich-einwählen in Verbindung mit GPS-Daten sein. Google weiß nämlich, in welcher Bar Sie letzte Woche waren. Wichtig ist erstens, die GPS-Funktion immer wieder zu deaktivieren, zweitens in Google Maps sämtliche Funktionen, die Standorte melden und Standorte mit anderen teilen, zu deaktivieren. Quelle: dpa
Eine Methode, um Bewegungsprofile zu vermeiden, ist die Benutzung eines guten alten Navis statt eines Smartphones zur Orientierung. Navis lassen sich – anders als Telefone – auch vollkommen anonymisiert einsetzen. Quelle: REUTERS
Web-Browsing versteckenDer Einsatz eines Secure-socket layers (SSL) zur Datenverschlüsselung im Internet ist nicht völlig sicher, aber auf jeden Fall deutlich sicherer, als nichts zu tun. Eine Möglichkeit, SSL zu nutzen, ist die HTTPS Everywhere-Browsererweiterung der Electronic Frontier Foundation. Gibt es aber leider nur für Firefox und Chrome. Noch mehr Sicherheit bietet das Tor Browser Bundle, aber es kann das Surf-Erlebnis unter Umständen deutlich verlangsamen. Quelle: dpa
Keine Messages über externe ServerInstant Messaging über Google Hangouts, Skype und ähnliches landet zwangsläufig in den Händen Dritter, weil solche Nachrichten grundsätzlich nicht direkt, sondern über einen Server ausgeliefert werden. Quelle: REUTERS

Wenn Forscher der Weltöffentlichkeit Bahnbrechendes vorstellen, wählen sie gern einen Ort mit historischem Flair. Die Berliner Kalkscheune, fünf Gehminuten vom Brandenburger Tor entfernt, ist so gesehen ein idealer Schauplatz. In der aufwendig restaurierten und denkmalgeschützten Fabrikhalle eröffnete der Unternehmer Johann Caspar Hummel zu Beginn des 19. Jahrhunderts die erste Berliner Maschinenfabrik – ein Wegbereiter der industriellen Revolution.

Gestern wurden die alten Backsteinmauern erneut Zeuge einer Pioniertat, die Eingang in die deutsche Wirtschaftsgeschichte finden könnte. Vertreter von 61 in Europa ansässigen Unternehmen und Forschungseinrichtungen gaben erstmals Einblick in ihre bislang geheimen Entwicklungsarbeiten. Seit zwei Jahren tüfteln sie an einem superschnellen und zugleich supersicheren Internet, das gegen Spionageangriffe ausländischer Geheimdienste gewappnet ist. Ein Jahr nach den Enthüllungen des ehemaligen NSA-Agenten Edward Snowden wollen die Forscher demonstrieren, dass Europa die Vormachtstellung der Amerikaner untergraben und ein Internet ohne Schwachstellen und Hintertüren aufbauen kann.

Die Überwachungspraktiken der NSA

Das Projekt ist nur Insidern in der IT-Szene ein Begriff und firmiert unter dem Kürzel Saser (Safe and Secure European Routing). Dahinter verbirgt sich das derzeit wohl prestigeträchtigste Projekt zur Wiedererlangung der europäischen Souveränität im Internet. Zum ersten Mal wollen die beteiligten Unternehmen Komponenten für supersichere Routing-Verfahren zeigen, die ohne die durch die NSA-Affäre in Verruf geratenen amerikanischen Web-Giganten auskommen. Nur: Zwei beteiligte Firmen wurden bereits in die USA verkauft.

Das ursprünglich mit rein europäischen Unternehmen besetzte Konsortium – mit von der Partie sind die Deutsche Telekom und Orange (ehemals France Télécom) sowie Netzausrüster wie Nokia, Alcatel-Lucent und der Münchner Glasfaserspezialist Adva – soll die Vormachtstellung von Router-Herstellern aus den USA (Cisco, Juniper) und aus China (Huawei, ZTE) brechen. Router sind Netzwerkgeräte, die Datenpakete im Internet weiterleiten.

Dabei versuchen die Europäer nicht, den Technologievorsprung führender Router-Hersteller wie Cisco durch einen besseren Router aufzuholen. Ziel sei, so Hermann Rodler, Sprecher der Geschäftsführung der Netzwerksparte von Nokia in Deutschland, „eine völlig neue, softwarebasierte Netzarchitektur zu schaffen, die wichtige Funktionalitäten vom Router in die Cloud verlagert“. Zentrale Aufgaben der Router, die bisher den Datenverkehr steuern und kontrollieren, wandern also als Programme in die Rechenzentren.

Im neuen Gigabit-Zeitalter sollen alle Schwachstellen in den Telekommunikationsnetzen ausgemerzt sein, ohne dass die Bedienbarkeit leidet. In einer völlig vernetzten Welt, in der sich auch Maschinen über das Internet gegenseitig automatisch steuern, darf es keine Hintertüren für Sabotageakte und Spionageangriffe geben. „Wir wollen an die alten Erfolge der Europäer beim Bau von Kommunikationsnetzen anknüpfen“, sagt Nokia-Manager Rodler. Saser sei dafür ein „wichtiger Baustein“. Auch der bei Alcatel-Lucent zuständige Koordinator Eugen Lach ist zuversichtlich: „Die Projektziele werden erreicht.“

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