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Cyberabwehr Europa droht der Ausverkauf bei Spionagetechnik

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Wachstumsschub bei deutschen Sicherheitsanbietern bleibt aus

Die Feierlaune der Forscher in der Kalkscheune trübte allerdings ein kleiner Schönheitsfehler. Denn die Europäer sind bei diesem vor zwei Jahren vom Bundesforschungsministerium aufgelegten Projekt nicht mehr unter sich. Wichtige Teilergebnisse drohen nun in die USA abzufließen.

Denn bei zwei der an Saser beteiligten Unternehmen haben Amerikaner die Kontrolle übernommen: Stonesoft, ein finnischer Sicherheitsspezialist, wurde 2013 für knapp 390 Millionen Dollar vom Virenschützer McAfee übernommen und gehört damit heute zum Imperium des US-Chipproduzenten Intel. Und das Berliner Startup U2t Photonics, spezialisiert auf superschnelle optische Übertragungstechnologien, wurde Anfang dieses Jahres vom US-Glasfaserhersteller Finisar für rund 20 Millionen Dollar geschluckt. Die Konsortialpartner hoffen nun, dass sich die beiden an die Vorgaben halten und die Forschungsergebnisse nur in Europa verwerten.

Trends im Datenschutz

Die Übernahmen sind symptomatisch für die Lage der Branche in Europa. Vor allem die deutschen Anbieter von IT-Sicherheit, die eine hohe Expertise beispielsweise bei Verschlüsselungsverfahren besitzen, seien zwar „international grundsätzlich wettbewerbsfähig“, urteilte bereits vor vier Jahren eine vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Marktstudie. „Allerdings“, warnten die Autoren, „besteht sie nahezu ausschließlich aus kleineren und mittleren Unternehmen, für die es bisweilen schwierig ist, sich gegen ausländische Global Player zu behaupten.“

Vor einem Jahr, im Sog der ersten NSA-Enthüllungen, hofften auf Spionageabwehr spezialisierte deutsche Anbieter wie Secunet Security Networks (Essen), Genua (Kirchheim/Bayern) oder Lancom Systems (Würselen bei Aachen) noch auf mehr Großaufträge aus der Wirtschaft. Doch der Wachstumsschub blieb bisher aus. Die IT-Sicherheitswirtschaft wird 2014 zwar stärker als andere IT-Marktsegmente um 6,3 Prozent wachsen, ermittelte das Brandenburgische Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Doch die Hoffnung, mit zweistelligen Zuwachsraten eine Aufholjagd gegen die viel größeren Konkurrenten im Ausland zu starten, erfüllt sich nicht.

Weltweite Marktanteile beim Verkauf von Internet-Routern an Unternehmen 2013 Quelle: IDC

Unternehmer wie Ralf Koenzen, Gründer und Geschäftsführer von Lancom Systems, sind erstaunt, wie wenig Betriebe Konsequenzen ziehen: „Gäbe es einen Souveränitätsindex, würde der sogar weiter fallen“, meint Koenzen. „Während zum Beispiel US-Netzinfrastrukturhersteller in Schwellenländern wie Brasilien und Indien aufgrund der NSA-Affäre massive Umsatzeinbußen verzeichnen, bleibt eine derart dramatische Änderung des Investitionsverhaltens in Deutschland aus.“

Marktbeobachter befürchten einen Ausverkauf der mittelständischen IT-Sicherheitsanbieter. Vor allem IT- und Telekomriesen wie Japans NTT, die amerikanische IBM und die französische Orange entdecken die Cyberabwehr als lukratives Geschäftsfeld und stellen gerade Shoppinglisten mit potenziellen Übernahmekandidaten zusammen.

In dieser Liga spielt in Deutschland derzeit nur die Telekom mit, die ebenfalls nach Verstärkungen für ihren neuen Geschäftsbereich Cyber Security sucht. T-Systems-Chef Reinhard Clemens empfiehlt sich gar als weißer Ritter, um einen ungewollten Know-how-Transfer ins Ausland zu verhindern. Als im Februar die eng mit Polizei- und Sicherheitsbehörden kooperierende Rola Security Solutions aus Oberhausen zum Verkauf stand, schlug Clemens kurzerhand selbst zu. „Durch die Übernahme von Rola behält Deutschland die technologische Souveränität“, heißt es bei der Telekom.

Künftig strebt die Telekom einen Schulterschluss mit ausgesuchten deutschen IT-Sicherheitsanbietern an. „Wir wollen mit weiteren deutschen IT-Sicherheitsfirmen zusammenarbeiten, um ein Cluster ,Cybersecurity made in Germany‘ aufzubauen“, kündigt Jürgen Kohr, Chef des Geschäftsbereichs Cyber Security, an. Im Einzelfall ist die Telekom aber auch bereit, fehlendes Know-how dazuzukaufen.

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