Cyberfallen gegen böse Jungs Das große Geschäft mit der Datensicherheit

IT-Konzerne drängen in das neue Milliardengeschäft mit Spionageabwehr-Centern. Doch viele Unternehmen sind vorsichtig, weil sie nicht wissen, welchem Anbieter sie trauen können.

Im Inneren des Cyber Defence Centers

Die Szene erinnert an die Ballerei in einem Computerspiel. Doch das Bombardement, das die sieben Männer auf der leicht gekrümmten Monitorwand verfolgen, ist echt. Alle paar Zehntelsekunden steigen irgendwo auf der Weltkarte stilisierte Flugobjekte mit farbigem Kometenschweif auf, meist von chinesischem, russischem oder US-amerikanischem Boden. Sekunden später schlagen sie ein – in einem PC, einem IT-Netzwerk oder einem Smartphone, irgendwo zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, Aachen und Frankfurt an der Oder.

Holger Jusak ist entspannt, trotz des rasenden Stakkatos der Angreifer auf der Monitorwand. „Es ist Peacetime“, sagt der gelernte Telekommunikationsinformatiker – will heißen: Richtiger Krieg im Cyberspace sieht anders aus.

Der 29-Jährige ist einer von sieben Spezialisten, die hier, im hermetisch abgeriegelten sogenannten Cyber Defense Zentrum der Deutschen Telekom in der Konzernzentrale in Bonn, Tag und Nacht Hackern und Internet-Banden auflauern. Dazu haben sie Sensoren und Fallen im Cyberspace installiert. Obwohl Jusak und seine Kollegen jedes Mal, wenn ein Kometenschweif auftaucht, einen Angriff abfangen, haben sie im Moment keinen Grund zur Panik. Mit 5000 registrierten Attacken, die sie in den vergangenen 24 Stunden parierten, sei heute ein vergleichsweise „friedlicher Tag“. Von den meisten Angriffen sei keine Gefahr ausgegangen.

Quelle: Deutsche Telekom

Die Botschaft, die die sieben Cyberabfangjäger aussenden, ist eindeutig: Gerne wären sie und ihr Arbeitgeber der Schutzpatron der deutschen Wirtschaft. Denn sie bieten Unternehmen an, Attacken von Hackern und Spionen früher zu erkennen und so Datendiebstähle zu verhindern. Dazu stockt die Telekom ihre im April formierte Eingreiftruppe um Jusak und Kollegen um neun weitere Experten auf. In der Endstufe könnten es deutlich mehr werden, wenn Aufträge von Unternehmen reinkommen. Der Umzug in einen größeren Raum soll noch in diesem Herbst stattfinden.

Brisante Geschäftsidee

Cyber Defense Center wie bei dem Ex-Monopolisten vom Rhein sind der große Zukunftsmarkt, mit dem IT- und Telekommunikationskonzerne den Sicherheitsverantwortlichen in den Unternehmen unter die Arme greifen wollen. Der US-Marktforscher Gartner prophezeit ein Milliardengeschäft mit zweistelligen Zuwachsraten. Da gilt es, sich frühzeitig zu positionieren. Ob IT-Riesen wie IBM, Hewlett-Packard und Atos oder Telekommunikationskonzerne wie AT&T, Verizon, Orange (ehemals: France Télécom) und die britische BT – allesamt bauen sie Cyberabwehreinheiten auf und bieten sich IT-Verantwortlichen als Datensheriffs an.

Chronik: Die größten Datendiebstähle

Doch die Geschäftsidee birgt Brisanz. Denn die Unternehmen sollen den Betrieb ihres gesamten Firmendatennetzes sowie ihrer Rechenzentren in fremde Hände legen und darauf vertrauen, dass diese nicht Schindluder mit den sensiblen Daten treiben. Mehr noch: Seitdem bekannt wurde, dass US-IT-Konzerne mit dem amerikanischen Geheimdienst NSA zusammenarbeiten, wächst der Argwohn gegenüber Anbietern jenseits des Atlantiks. Auch deshalb schrecken IT-Chefs davor zurück, externe Überwachungstrupps in die Firmenrechner hineinschauen zu lassen. Gerade zehn Prozent der Unternehmen planen laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Pierre Audoin Consultants (PAC) den Einsatz eines Cyber Defense Centers.

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