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Cyberpunk & Co. In der Gaming-Industrie hängt Polen Deutschland ab

Screenshot Night City Quelle: CD Projekt

Deutschland schafft es nicht, international konkurrenzfähige Videospielentwickler hervorzubringen. Lange hat die Politik eine Standortförderung verpasst. Polen hat Videospiele hingegen zur Schlüsselindustrie ernannt – und zeigt, wie es gehen kann.

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Am 10. Dezember erscheint mit dem Science-Fiction-Rollenspiel „Cyberpunk 2077“ eines der bei Gamern am meisten erwarteten Videospiele des Jahres. Entwickelt wird das Spiel vom polnische Unternehmen CD Projekt, das bereits 2015 mit „The Witcher 3: Wild Hunt“ einen Kassenschlager landete. Mehr als 28 Millionen Mal verkaufte sich das Spiel. CD Projekt ist die Speerspitze eines Booms der Videospielindustrie in Polen. Das Unternehmen ist an der Börse mit über acht Milliarden Euro bewertet und eines der wertvollsten Videospielunternehmen in Europa. Davon können deutsche Videospielentwickler nur träumen.

Erfolgsgeschichten fehlen

Ein „deutsches CD Projekt“ gibt es de facto nicht mal im Ansatz. Ein Problem: „Es gibt hier praktisch keine Privatinvestments in der Spielebranche“, sagt Odile Limpach, Professorin für Game Economics und Entrepreneurship am Cologne Game Lab der TH Köln und viele Jahre Führungskraft beim französischen Videospielkonzern Ubisoft. Die Risikobereitschaft sei in Deutschland extrem niedrig, Videospiele wären mit ihren langen Entwicklungszeiten, bei denen viel schief gehen kann, aber enorm risikobehaftet. Dafür stelle die Branche hohe Gewinne in Aussicht, betont sie. „Es fehlen in Deutschland so Erfolgsgeschichten wie CD Projekt in Polen oder Ubisoft in Frankreich, um den Investoren die Angst zu nehmen.“

Ganz anders ist das in Polen: CD Projekt ist an der Börse nicht alleine. Auf dem Hauptmarkt der Warschauer Börse werden aktuell 13 Videospielunternehmen gehandelt. Auf einer kleineren Handelsfläche kommen noch einmal gut 30 Unternehmen dazu, die zusammengerechnet immerhin mit etwa einer Milliarde Euro bewertet sind.

CD Projekt hat dabei den Markt 2009 mit geöffnet. „Investoren und Banken haben uns damals teilweise aus dem Raum gelacht“, erinnert sich Marcin Iwiński, Mitgründer und Chef von CD Projekt. „Die haben unser Geschäftsmodell einfach nicht verstanden.“ Heute sei das anders. „Jetzt sind Videospiele das heiße Thema bei Investoren in Polen.“

Auch andere polnische Entwicklerstudios wie Techland („Dying Light“, „Dead Island“) oder 11 Bit Studios („Frost Punk“, „This War of Mine“) feiern international Erfolge und produzieren Spiele auf dem Niveau der großen Konkurrenz aus den USA, Frankreich oder Japan. In Deutschland finden Erfolge höchstens in der Nische statt. Zum Beispiel bei Aufbausimulationen. Dort ist das Düsseldorfer Entwicklerstudio Blue Byte, das zum französischen Konzern Ubisoft gehört, mit seinen Spielereihen „Anno“ und „Die Siedler“ durchaus Marktführer. Aber es fehlen deutsche Spiele, die bei der breiten Masse ankommen und auf internationalem Niveau sind.

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Standort erkennen

    Das liegt auch daran, dass der Staat es in Deutschland versäumt hat, die Branche früh zu fördern. „Deutschland war lange eines der wenigen Länder in Europa, die gar keine Unterstützung angeboten haben“, sagt Limpach. „Dadurch waren hier entwickelte Spiele automatisch teurer und Entwickler haben sich lieber für günstigere Standorte entschieden.“

    Polen sieht Videospiele als Schlüsselbranche

    Polen hat das Potenzial der Gaming-Branche dagegen früh erkannt. „Polen hat begriffen, dass es keine Chance hat, andere Länder in der harten Wirtschaft einzuholen“, sagt Iwiński. „Wir werden nie so gute Autos herstellen wie die Deutschen. Software ist unser Feld.“ Mit „IP-Box“ hat die polnische Regierung eine Initiative geschaffen, die Videospielentwicklern Steuern erlässt, wenn sie Spiele entwickeln, die auf polnischem geistigem Eigentum basieren. Es gibt viele weitere Förderprogramme, die nationalkonservative Regierungspartei PiS hat Videospiele zur Schlüsselbranche erklärt. Iwiński hebt einen weiteren Aspekt hervor: „Wir haben einige sehr gute technische Universitäten und mit die besten Programmierer der Welt.“ Auch Odile Limpach erklärt: „Polnische Programmierer sind mindestens so gut wie deutsche, obwohl die Lohnkosten in Polen deutlich niedriger sind.“

    Die deutsche Bundesregierung will jetzt aufholen. Im August startete dieses Jahr zum ersten Mal die Antragsphase für die sogenannte Großprojektförderung. Bislang waren die Förderbeträge des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) auf 200.000 Euro gedeckelt. Nun sind erstmals auch Förderungen im ein- oder sogar zweistelligen Millionenbereich möglich. 50 Millionen Euro stehen dafür bis 2023 jährlich im Fördertopf des BMVI zur Verfügung. „Das geht auf jeden Fall in die richtige Richtung“, sagt Limpach.

    Mehr zum Thema: Der polnische Spieleentwickler CD Projekt hat es in kurzer Zeit zu Europas wertvollstem Videospielunternehmen gebracht. Jetzt erscheint sein Spiel Cyberpunk 2077. Einen Flop kann sich das Unternehmen nicht erlauben.

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