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Dell-Technologiechef Roese „Der Halbleiter-Mangel trifft uns kaum“

John Roese, der oberste Technologie-Chef von Dell Quelle: Presse

Der Chip-Mangel lähmt derzeit ganze Industrien. Dells oberster Technologiechef John Roese erzählt im Interview, warum der Computerhersteller gut durch die Krise kommt und wofür Dell heute steht.

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John Roese ist oberster Technologiechef von Dell. Das texanische Unternehmen ist eins der größten Technologieunternehmen der Welt und beschäftigt rund 165.000 Mitarbeiter. Zu Roeses Job gehört es, Trends zu erkennen, sie zu setzen und auf ihrer Basis neue Produkte zu entwickeln.

WirtschaftsWoche: Mr. Roese, der weltweite Halbleiter-Mangel lähmt derzeit ganze Industrien. Wie stark ist Dell, immerhin einer der größten Computerhersteller der Welt, von ihm betroffen?
John Roese: Wenig. Unsere Größe ist unser Vorteil. Wir sind einer der wichtigsten Abnehmer von Halbleiterkomponenten. Für viele unserer Zulieferer, wie beispielsweise Intel, sind wir oft der größte Kunde überhaupt. Das hilft natürlich. Zudem liefern wir kritische Infrastruktur, der Priorität eingeräumt wird. Während der Handelskriege haben wir unsere Lieferkette agiler gemacht, können also besser ausweichen. Unternehmen, die keine solche Kaufkraft haben oder nicht über die nötigen Beziehungen verfügen, haben es in der Tat gegenwärtig sehr schwer.

Autohersteller müssen derzeit ihre Produktion pausieren, weil Elektronikbauteile fehlen. Was auch daran liegt, dass wegen Ausgangsbeschränkungen und Heimarbeit der Absatz von PC, Notebooks und Tablets wie verrückt boomt. Denken Sie, dass das auch nach Covid so bleibt?
Wir gehen davon aus, dass der in der Tat signifikante Upgrade-Zyklus sich fortsetzt. Unser Gründer Michael Dell beschreibt das so: Früher hat ein Computer im Haus genügt, heute braucht jede Person einen. Ähnliches gilt für Monitore, die reißenden Absatz finden. Bei vielen unserer Unternehmenskunden ging es im vergangenen Jahr um das nackte Überleben. Jetzt kommen sie aus diesem Überlebens-Modus heraus, denken langfristiger, wie sie ihre Infrastruktur ausbauen müssen und ordern entsprechend. Das sehen wir gerade.

Wurde der Absatz vorgezogen, der dann vielleicht in den kommenden Jahren fehlt?
Das glauben wir nicht. Vor der Pandemie war das große Thema Digitale Transformation. Das hat im Überlebensmodus etwas pausiert, kommt jetzt aber mit Wucht zurück. Genauso wie viele Industrien, die geradezu ausgeschaltet wurden, also Fluglinien, die Kreuzfahrtbranche oder Hotels. Dort hat sich ein gewaltiger Rückstau aufgebaut. Es wird ein wachstumsstarkes Jahr für uns.

In der Tech-Branche ist es derzeit in Mode, dass jeder seinen eigenen, maßgeschneiderten Prozessor entwickelt. Dell tut das nicht. Warum?
Weil wir dafür keine Notwendigkeit sehen. Es gibt mehr als genug Angebot. Und harte Konkurrenz, die wir nutzen können. Einen Prozessor zu entwickeln, nur weil wir es können, ist für uns nicht interessant. Bei Unternehmen wie Apple, die über ein geschlossenes System verfügen, ergibt ein eigener Prozessor Sinn. Weil Apple dadurch alles durchdeklinieren kann, also vom eingesetzten Chip bis hin zu den Programmen, die darauf laufen. Es birgt allerdings auch eine große Gefahr. Wenn man nämlich zu sehr auf das eigene Produkt setzt und alles darauf abstimmt und dann die Konkurrenz mit einer besseren Lösung aufwartet. Dann muss man sich echt strecken.

Also wird es in absehbarer Zukunft kein „Dell Silicon“ geben?
Sagen wir so, wir behalten uns das Recht vor, eigene Prozessoren zu entwickeln. Derzeit sehen wir keinen Bedarf. Wir setzen auf offene Systeme, integrieren alles von Windows, Linux oder Arm. Das bewahrt uns auch vor Abhängigkeiten.

Autos verwandeln sich in rollende Smartphones. Die Computerbranche möchte dort mitverdienen. Dell hat allerdings kein eigenes Selbstfahrsystem, oder?
Nein. Da gibt es bereits reichlich Angebot im Markt wie etwa von Nvidia oder Intel Mobileye. Das Auto wandelt sich allerdings zum rollenden Rechenzentrum. Wobei ich diese oft gebrauchte Analogie sehr unglücklich finde. Wenn ein Auto – besonders ein elektrisches – ein Rechenzentrum wäre, würde es wegen des immensen Energieverbrauchs nicht weit kommen. Die Herausforderung – und da sehe ich unsere Chance – ist die intelligente Infrastruktur drum herum. Beispielsweise das sogenannte edge computing. Fahrentscheidungen müssen direkt im Auto berechnet werden. Weniger Kritisches lässt sich auslagern, wenn eine gewisse Zeitverzögerung kein Sicherheitsrisiko birgt.

Zum Beispiel?
Nehmen wir die intelligente Luftfederung von Autos, die sich der Straße anpasst. Anstatt jetzt einen Atlas mit der gesamten Straßeninfrastruktur und deren Zustand ins Auto zu laden, reicht es für die nächsten zehn Kilometer. Gleichzeitig gibt es weitere Informationen von den Sensoren anderer Autos oder von der Verkehrsinfrastruktur selbst. Gemeinsam mit Autoherstellern arbeiten wir da an interessanten Projekten. Beispielweise an Fahrzeugen, die durch solche vernetzte Kommunikation um die Ecke sehen können oder kilometerweit voraus. Nicht nur, um Unfälle zu vermeiden, sondern auch, um vorausschauend zu fahren.



Sie sind ausgewiesener Telekommunikationsexperte, haben für namhafte Netzwerkausrüster als Technologiechef gearbeitet. Reicht 5G für diese Szenarien, die Sie gerade beschrieben haben?
In der derzeitigen Form eindeutig nicht. Dazu müssen die Netze noch ausgebaut werden und vor allem zuverlässiger werden, ohne große Zeitverzögerung. Aber wir kommen dahin. Wir werden dieses Auslagern zuerst bei Drohnen sehen. Dort ist der Zwang noch viel größer, Energie vor Ort nur für die nötigsten Zwecke zu verwenden.

Mit der fortschreitenden Impfkampagne in den USA machen viele Unternehmen wieder ihre Büros auf. Tech-Unternehmen experimentieren mit einem Hybrid-Ansatz, beispielsweise drei Tage Arbeit im Büro und zwei zu Hause. Wie sieht es bei Dell aus?
Wir haben schon seit vielen Jahren unsere Infrastruktur so ausgelegt, dass man von überall arbeiten kann. Trotzdem haben vor Covid nur etwa zwanzig Prozent unserer Mitarbeiter das genutzt. Jetzt hat sich durch die Pandemie bewiesen, dass sich viele Jobs erledigen lassen, ohne im Büro sein zu müssen. Ich würde sogar argumentieren, dass die Produktivität höher ist und auch das Verhältnis zu den Kunden besser, weil man einfach mal schnell und flexibel einen Videocall aufsetzen kann. Wir setzen auf Hybrid, denken, dass bis zu 50 Prozent unserer Mitarbeiter Heimarbeit nutzen werden.

Warum nicht mehr?
Es gibt Bereiche, beispielweise in der Materialforschung, Design oder in der Fabrik, die sich nicht von zu Hause erledigen lassen. Ein Nachteil der Telearbeit ist auch, dass die Wissensvermittlung, dieses sogenannte learning by doing, also dem erfahrenen Ingenieur über die Schulter zu schauen, online nicht funktioniert. Zumindest nicht ohne Weiteres. Wir experimentieren mit Online-Formaten, wo andere eingeladen werden können, die nicht kritisch für das Projekt sind, aber durch das Einbeziehen lernen können.

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Wofür steht Dell? Früher war es mal der größte Computerhersteller der Welt. Dann kamen viele Übernahmen und Produkte hinzu.
Wir sehen uns als das Unternehmen, das die zentrale Infrastruktur der Welt für das digitale Zeitalter offeriert. Nur Personal Computer zu haben, würde dafür nicht ausreichen, deshalb haben wir viele andere Produkte wie Speicher und Software integriert. Künftig ist alles Infrastruktur. Den abgenabelten Computer wird es nicht mehr geben, er wird Teil eines großen Ganzen sein.

Mehr zum Thema: Der Mangel an Computerchips stürzt die Autoindustrie in eine Krise. Autohersteller und Zulieferer suchen verzweifelt Wege aus der Misere – und müssen erkennen: An den Schalthebeln der Verhandlungsmacht sitzen inzwischen andere.

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