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Deutschland So klappt der „Big Bang“ im 5G-Mobilfunk

Quelle: Getty Images

Horst Lennertz, ehemaliger Technik-Vorstand von E-Plus, fordert ein Ende des Infrastrukturwettbewerbs. Die Mobilfunkbetreiber sollten den Bau von 5G-Netzen regional aufteilen.

Horst Lennertz ist so etwas wie der Grandseigneur der deutschen Mobilfunkbranche. Wie kaum ein anderer hat der heute 75-Jährige sein gesamtes Berufsleben für den Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt gekämpft. Als Mitbegründer und Technikvorstand von E-Plus Mobilfunk steuerte er seit 1994 maßgeblich den Bau des dritten Mobilfunknetzes und schuf mit vielen Netz- und Tarifinnovationen einen schnell wachsenden Konkurrenten, der es mit den beiden früher gestarteten D1- und D2-Netzen der Telekom und Mannesmann (heute: Vodafone) aufnehmen konnte. Jeder Mobilfunkbetreiber baut sein eigenes Netz – von diesem Grundsatz hat sich der E-Plus-Manager immer leiten lassen.

Jetzt wirft ausgerechnet Lennertz seine alten Grundsätze über Bord und belebt mit einem unorthodoxen Vorschlag die Debatte über die Ausgestaltung der für Anfang 2019 geplanten Versteigerung der Frequenzen für den künftigen, noch schnelleren Mobilfunk der fünften Generation, kurz 5G-Mobilfunk genannt. Nicht möglichst viel Wettbewerb durch drei oder mehr konkurrierende Netze seien der richtige Weg, damit Deutschland eine Aufholjagd gegenüber den Vorreitern in den USA und Südostasien starten kann.

Der deutsche Mobilfunkmarkt brauche stattdessen einen „Big Bang“, der alles Liebgewonnene und Gewohnte infrage stellt, schreibt Lennertz in einem Gastbeitrag für das Jahrbuch 2018 des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM). Seine Thesen stellte er kürzlich auch auf einer Tagung des Deutschen Verbandes für Telekommunikation und Medien (DVTM) vor.

Lennertz will mit seinem radikalen Vorschlag die Infrastrukturprobleme auf dem deutschen Internet-Markt lösen. Bundesregierung und Bundesnetzagentur wollen zwar die vielen Funklöcher durch höhere Versorgungsauflagen schließen. Doch nach Ansicht des ehemaligen E-Plus-Managers, der bis Ende 2017 Mitglied des Aufsichtsrats beim Discounter Drillisch war, reicht das nicht mehr aus. „Infrastrukturwettbewerb war gestern“, sagt Lennertz und zieht Vergleiche mit anderen lebensnotwendigen Infrastrukturen wie Strom, Straße, Wasser und Gas, die unverzichtbarer Bestandteil der Daseinsvorsorge aller Haushalte sind.  Auf die Idee, eigene Netze neben bereits vorhandene zu bauen, würde kein Stromversorger kommen.

Auch die Telekommunikation brauche solch ein „schlüssiges Gesamtkonzept“, das Doppelinvestitionen vermeidet und die Aufbaugeschwindigkeit extrem erhöht. Besser wäre es deshalb, wenn die Netzbetreiber ihre Ausbaupläne abstimmen und die Bundesländer untereinander aufteilen. Jeder der drei großen Anbieter Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica könnte ein Drittel der Fläche Deutschlands abdecken und den Konkurrenten diskriminierungsfreien Zugang zu seinem Netz gewähren. Die drei Netzbetreiber müssten sich nur verpflichten, in ihrer Region auch die für die Anbindung der Sendemasten erforderlichen Glasfasernetze gleich mit zu verlegen.

Noch konsequenter wäre es, wenn die Netzbetreiber ihre Infrastrukturen in eine separate Netzgesellschaft ausgliedern, die allen Interessenten einen offenen Netzzugang zu fairen Konditionen anbietet. Nach Ansicht von Lennertz war es ein „gravierendes Strukturdefizit“, dass bei der Privatisierung der Bundespost im Jahr 1989 nicht die Netze in eine unabhängige Gesellschaft ausgegründet wurden.
Die Deutsche Telekom lehnte solch eine Netzgesellschaft immer ab und tut das auch noch heute. Nur der frühere Technik-Vorstand der Deutschen Telekom, Gerd Tenzer, plädierte öffentlich für die Gründung einer bundesweiten Netzgesellschaft. Doch da hatte sich der langjährige „Herr der Netze“ bereits von allen Führungsposten bei der Telekom zurückgezogen.

Nur eine eigenständige Netzgesellschaft könne Investitionen besser an den Bedürfnissen des Konzerns und der Konkurrenten ausrichten und so Wachstum schaffen, schrieb Tenzer 2008 an den Telekom-Aufsichtsrat und zog sich damit den Zorn seiner Nachfolger im Vorstand zu. Mit dem E-Plus-Manager Lennertz hat Tenzer jetzt – zehn Jahre später – einen Verbündeten gefunden, der seinen alten Plan noch einmal aufleben lässt.

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