Die Telekom trifft's am härtesten: So teuer wäre der Rauswurf von Huawei aus dem 5G-Netz
Streitfall: Die EU will Deutschland auffordern, mehr zu tun, um die Abhängigkeit von Huawei zu reduzieren.
Foto: REUTERSEs kommt Bewegung in die Causa Huawei. Die EU will Deutschland auffordern, mehr zu tun, um die Abhängigkeit von Huawei zu reduzieren. Deshalb berechnen die Telekommunikationsanalysten der britischen Investmentbank Barclays erstmals konkret, was der Ausbau von Huawei-Komponenten aus den deutschen 5G-Netzen kosten würde. Sie gehen davon aus, dass die Branche insgesamt 2,5 Milliarden Euro ausgeben müsste, um die bisher aufgebaute Huawei-Infrastruktur zu ersetzen.
Dabei gehen sie davon aus, dass jeweils 50 Prozent des 5G-Antennennetzes jedes Betreibers mit der chinesischen Hard- und Software bestückt ist und dass der Austausch pro Antenne 50.000 Euro kostet. Die drei Netzbetreiber hatten seit 2021 freiwillig auf die Verwendung von Huawei im Kernnetz verzichtet, es aber unverdrossen in ihren „Radio Access Netz“, kurz RAN, das die Antennen an die Rechenzentren anbindet, weiterverbaut.
Die EU will Deutschland noch in den nächsten Tagen ermahnen, mehr für eine Reduzierung der Huawei-Komponenten in den 5G-Netzen zu tun. Das soll noch vor den geplanten Gesprächen zwischen Berlin und Peking am 20. Juni geschehen, berichtete Reuters unter Berufung auf zwei Quellen.
Schon mehrere deutsche Politiker haben sich besorgt ob der hohen Abhängigkeit von einem chinesischen Lieferanten gezeigt. Barclays schätzt, dass die Hälfte aller Antennentürme mit Huawei betrieben wird.
In absoluten Zahlen hat die Deutsche Telekom das größte Risiko: Wenn sie für die sofortige Umrüstung der Hälfte ihrer geschätzt 38.000 Antennentürme je 50.000 Euro zahlen müssten, wären das 1,1 Milliarden Euro zusätzliche Kosten – etwa ein Prozent ihrer Marktkapitalisierung. Bei Vodafone und Telefónica, die in Deutschland laut Barclays-Schätzung jeweils 27.000 Antennen betreiben, wären das jeweils 700 Millionen Euro. Für Telefónica Deutschland, die hierzulande börsennotiert ist, macht das zehn Prozent ihrer Marktkapitalisierung aus, für den spanischen Mutterkonzern aber nur ein Prozent. Für Vodafone, deren Aktie eine rasante Talfahrt hinter sich hat, macht das drei Prozent der Marktkapitalisierung aus. Die Pressestellen von Deutscher Telekom, Vodafone und Telefónica gaben bis zum Redaktionsschluss keine Stellungnahme ab.
Kreise der deutschen Netzbetreiber nennen ein sofortiges Entfernen von Huawei ein „Worst-Case-Szenario“. Sollte Huawei aus rein politischen Gründen ausgeschlossen werden, erwarten sie Schadensersatz von der deutschen Regierung.
Deutschland gilt in Europa als Nachzügler, was die Umsetzung des sogenannten „5G-Toolkits“ angeht. Das regelt den Umgang mit „Hochrisiko“-Lieferanten, zu denen auch der chinesische Huawei-Konzern gehört. Die Financial Times berichtete, dass die EU sogar einen verpflichtenden Huawei-Bann ins Auge fasst, weil manche Mitgliedsstaaten noch keine Maßnahmen ergriffen haben. Die EU trägt Sorge vor möglicher Spionage, Sabotage sowie den Auswirkungen eines möglichen Boykotts.
Bislang haben erst ein Drittel der Mitgliedstaaten Huawei von ihrer systemkritischen Infrastruktur verbannt. Vor allem kleinere Mitgliedsstaaten sind aktiv geworden. Wenn aber große Volkswirtschaften wie Deutschland nicht mitziehen, bleiben die kleineren wegen ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit weiterhin erpressbar. Als Portugal den Huawei-Rauswurf beschloss, ließ Peking das Land wissen, es könnte über die Großunternehmen, an denen es Beteiligungen von 20 Prozent hält, Vergeltung suchen.
Huawei bestreitet vehement, dass ihr Equipment für Spionage oder Sabotage durch Peking benutzt werden könnte. In 20 Jahren des Betriebs in Europa seien keinerlei „Hintertüren“ in ihrem Equipment bemerkt worden.
Würde Deutschland der nationalen Sicherheit Vorrang vor den ökonomischen Interessen geben, würde das eine Vorbildfunktion für andere Staaten haben. „Das wäre Huaweis Sargnagel in Europa“, sagt Paolo Pescatore, ein Analyst bei der Marktforschungsgesellschaft PP Foresight.
In der am Mittwoch veröffentlichten neuen Sicherheitsstrategie der Bundesregierung gibt es noch keine konkreten Maßnahmen zu China. Außenministerin Annalena Baerbock aber betonte, dass das „chinesische Interesse an unserer Sicherheitsstrategie sehr groß sei“. Für das Treffen am 20. Juni hat China das Thema Huawei mit auf die Agenda gesetzt. Die China-Strategie wird noch weiter erarbeitet, die „Dimension der Systemrivalität“ zu China rücke in den Vordergrund. Noch steht aber auch das Urteil der Prüfung des Verbaus von Huawei-Komponenten des Innenministeriums aus, das für diesen Sommer angekündigt ist.
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