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Digitale Concierge-Services Der Butler per SMS

Eine SMS, schon ist der Arzttermin gemacht und das Hotel reserviert. Wofür man sonst oft keine Zeit hat, erledigen nun Concierge-Services wie GoButler. Und das ganz digital. Doch der SMS-Butler bestellt nicht nur Pizza.

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Kein Schloss, keine Burg, nur ein Telefon. Nach einer SMS erledigt der Butler von GoButler, Sixtyone Minutes oder James, bitte (fast) alle Aufgaben. Quelle: Getty Images

Berlin/Düsseldorf Ein Hotelzimmer zu reservieren ist zeitaufwendig und lästig. Besonders wenn man die Stadt, in der man nächtigen will, nicht kennt. Es soll zentral liegen, nicht zu teuer und trotzdem schön sein. Man will sich wohl fühlen, selbst wenn es nur für ein bis zwei Übernachtungen ist. Geschäftsleute geben Aufgaben wie diese an ihre Assistenten, Reiche lassen Butler für sich arbeiten. Doch: Seit diesem Jahr muss man dafür nicht mehr reich sein. Der traditionelle Butler wurde ersetzt, zumindest etwas. War er in vergangenen Jahrhunderten noch im schwarzen Frack gekleidet, die Fliege fest um den Hals, ist heute nur noch ein Smartphone nötig. Man klingelt nicht mehr nach James oder Adalbert, sondern schreibt eine SMS.

Also schrieb das Handelsblatt eine Nachricht an GoButler, den bekanntesten Concierge-Service in Deutschland, um ein Hotelzimmer im französischen Straßburg buchen zu lassen. Dort, wo Parlamentarier, Touristen und Einheimische aufeinander treffen, bedeutet „zentral“ die Altstadt oder Parlamentsnähe. Das Zimmer, das die Mitarbeiterin von GoButler, die sich Sophia nennt, gebucht hatte, liegt fernab beider Orte. Mit Gepäck ist die Innenstadt nur mit dem Taxi zu erreichen, was auf die Dauer teuer wird. Die Fotos des Hotels geben mehr Schein als Sein wieder, Hotelbesucher bemängeln das Frühstück und den langsamen Aufzug. Eine positive Überraschung gibt es aber: Die Rechnung ist bereits bezahlt. Auf Nachfrage bei GoButler antwortet Sophia: „Das prüfen wir sofort – aber nette Überraschung, oder nicht? :-)“ Der Name, der auf der Rechnung steht: Navid Hadzaad, Gründer von GoButler. Ein Versehen. Das Geld könne einfach überwiesen werden.

GoButler ist ein digitaler Butler-Service, ein Geschäftsmodell, das in Deutschland erst seit wenigen Monaten an Fahrt gewinnt. Gleich mehrere deutsche Start-ups buhlen um die Position des Platzhirschen – allen voran Hadzaads Jungunternehmen. Die Firma wurde im Februar in einer Wohngemeinschaft in Berlin gegründet, am 6. März ist der Dienst online gegangen. Neben Navid Hadzaad sind Jens Urbaniak und Maximilian Deilmann Gründer. Sie starteten nach wenigen Tagen die erste Seed-Finanzierungsrunde, zogen aus der WG in ein Büro und holten Fernsehsternchen Joko Winterscheidt in die Geschäftsführung.

Alle drei Gründer hatten vorher bei der Start-up-Schmiede Rocket Internet gearbeitet, das sei ein Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten gewesen, meint Navid Hadzaad: „Wir haben bereits erfolgreich an diversen Start-ups gearbeitet. Wir wussten also, was für den Start von GoButler wichtig sein wird  und wie wir skalieren müssen.“ Mit „skalieren“ meint Hadzaad die Größenordnung des Firmenwachstums einzuschätzen, abhängig von Konzept und Kapital. Die Samwer-Brüder sind dafür bekannt, bei Start-ups auf schnelles Wachstum Wert zu legen.

Inzwischen hat GoButler 50.000 Kunden in Deutschland. Laut eigenen Angaben seien „so gut wie alle“ im Mai aktiv gewesen. Aktuell ist das Start-up in 13 Ländern vertreten, von den 120 Mitarbeitern sind 60 in New York tätig. Das Büro dort wurde Mitte April eröffnet. Teilweise bearbeitet ein Agent, wie Hadzaad seine Butler nennt, 20 Anfragen pro Stunde. „Mit diesem Erfolg haben wir natürlich trotzdem nicht von Anfang an gerechnet“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auf die Frage, warum er und seine Mitgründer sich nicht erst einmal auf Deutschland konzentrieren wollten, sagt er: „Wir wollten GoButler von Anfang groß machen. Es ist eine Philosophiesache, ob man die Risiken solchen schnellen Wachstums auf sich nimmt.“

Doch, wie ist dieser wachsende Hype zu erklären? Bei Hadzaads Start-up sind es mehr als 300.000 Anfragen seit März und 75.000 aktive Nutzer weltweit. Haben die Menschen bloß darauf gewartet, einen Butler per SMS herumzukommandieren? Angenommen, der Arbeitstag ist stressig, man hat keine Zeit, zu telefonieren – trotzdem braucht man dringend einen Zahnarzttermin. Per SMS schickt man die Kontaktdaten von seinem Arzt an den Butler sowie mögliche Tage und Uhrzeiten für die Behandlung. Und schon hat man (sogleich) einen Termin.

Für einen Termin oder eine Recherche muss der Kunde bei GoButler nichts bezahlen. „Der Nutzer trägt nur die tatsächlich anfallenden Kosten. Wenn wir also zum Beispiel einen Flug oder eine Bahnfahrt buchen, dann zahlt der Nutzer den gleichen Preis, den er bezahlen würde, wenn er diese Buchung selbst vornehmen würde.“, sagt Navid Hadzaad. Bezahlen könne er per Paypal und Kreditkarte. Umsatz generiere das Start-up mit Affiliate Marketing, einem Provisionsmodell. Dabei erhält GoButler einen prozentualen Anteil an dem Ertrag der gebuchten Fahrt oder des bestellen Essens, zum Beispiel von Lieferheld. Meist liegt der Anteil zwischen acht und zehn Prozent.

Bei Magic, dem US-Vorbild von GoButler, das kurz vor dem Berliner Start online gegangen ist, zahlt der Kunde einen Aufpreis von bis zu 20 Prozent. Ansonsten gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen GoButler und dem Concierge-Service aus Übersee. Deshalb wird Hadzaad und Co. immer wieder vorgeworfen, das Unternehmen „kopiert“ zu haben. „Magic war nicht das erste Startup, das diesen Dienst angeboten hat. Versuche gab es in den letzten Jahren immer wieder“, sagt Hadzaad dazu.


Durch Finnland mit dem Elch – Sixtyone Minutes

Berlin-Kreuzberg, direkt am Görlitzer Bahnhof: Hier sitzt SixtyoneMinutes zwischen Dönerbude und Asia-Imbiss. In den Innenhof schallt aus einer Wohnung von oben laut Musik, die Mitarbeiter von Gnamm sitzen in der Sonne. Es ist Pausenzeit.

Im Gegensatz zu GoButler ist der Concierge-Service SixtyoneMinutes seit 2014 online – zunächst mit einer Beta-App, einer vorläufigen Version, die wenige Leute testen sollten. Der Gründer Michael Gnamm distanziert sich von dem Hype um GoButler und die anderen Konkurrenten wie James, bitte. „In dieser Branche gilt es, eine Nische zu finden. Für uns wird es das B2B-Geschäft sein“, sagt Gnamm,  also die Vermittlung von Diensten zwischen Unternehmen. „Wir wollen nicht an sieben Tagen 24 Stunden lang den Butler spielen und nachts um 3 Uhr Zigaretten liefern lassen.“

Er und seine zwei Mitgründer Monique Hoell und Paul Filipow hätten gemerkt, dass man viele Dinge während der regulären Arbeitszeit schlecht erledigen könnte – wie Verträge kündigen, ein Auto kaufen oder eine Elch-Schlittenfahrt in Finnland organisieren. „Kein Scherz, das haben wir gemacht.“

Genauso wie der Gema einen Gefallen zu entlocken: „Wir sollten einen Flashmob für eine Hochzeit in Paderborn organisieren, also haben wir beim hiesigen Radio angerufen. Die Moderatoren haben eine Durchsage gemacht“, erzählt der 30-jährige Gnamm im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Gema habe zugestimmt, die Rechnung für den „Auftritt“ erst nach der Hochzeit zu liefern. So konnte die Braut überrascht werden und der Bräutigam hat die Organisation dem SMS-Butler überlassen.

Obwohl Sixtyone Minutes mit der Beta-App der erste Butler-Service in Deutschland war, kommen Wachstum und Nachfrage nicht an die Zahlen von GoButler heran. 2000 Leute nutzen den Service von Michael Gnamm. Weitere 8000 haben ihn getestet.

Die Konkurrenten unter sich haben laut Gnamm keinen Kontakt, jeder würde sein Unternehmen für sich voranbringen. „Wettbewerb ist gut fürs Geschäft. Wir haben aber zum Glück alle Konkurrenten abgehängt,“ sagt Navid Hadzaad. Auch wenn man nicht alle Konkurrenzfirmen ernst nehmen könne. Eine Anspielung auf einen weiteren Concierge-Service: GoSlave.

„Dein persönlicher Sklave“, der Slogan, den sich Gründer Junes Badrian ausgedacht hat, ist Provokation und Satire. „Ich las zu der Zeit etliche Artikel über das amerikanische Vorbild Magic und über die deutsche Kopie GoButler. Da dachte ich mir: Das kann ich auch“, sagt Badrian. Er wolle, dass man sein Unternehmen als Satire sehe. „Der Hype um GoButler hat mich genervt. Also musste ich was unternehmen.“ Rund 6000 Leute nehmen den Satire-Butler in Anspruch.

„Es gibt immer mehr Leute in Deutschland, die unter Zeitdruck leiden. Aus beruflichen und privaten Gründen“, sagt Stefan Bessing, Experte für Apps und Mobiles. „Ich halte die digitalen Concierge Services deshalb für einen spannenden Markt.“ Bessing arbeitet beim Bundesverband Digitale Wirtschaft.

Recherchieren, buchen, erledigen: Er hält das Prinzip Share Economy in diesem Bereich für plausibel. „Der Helfer per SMS oder App richtet sich an diese Zielgruppe mit wenig Zeit - aber überdurchschnittlichem Einkommen.“ Man müsse jedoch beobachten, wie sich die Branche langfristig entwickelt – qualitativ sowie finanziell. Ein Pluspunkt sei für Bessing die Nutzung per SMS. „Interessant wird sein, ob GoButler mit seinem reinen SMS-Service auf Dauer Erfolg haben wird, oder ob die Nutzer doch Apps erwarten, wie in den meisten anderen Fällen.“


Die drei großen Butler-Services im Test

Sixtyone Minutes
Funktionalität: Im Test hat das Handelsblatt Sixtyone Minutes zunächst via Browser getestet. Auf dem Smartphone war das ein Reinfall: Für Android gibt es bislang keine App, sondern nur für iOS-Nutzer. Die Seite musste immer wieder neu geladen werden, um eine Antwort von dem Butler anzuzeigen. Nach dem Schließen der Homepage ist die Suche nach der Konversation schwierig.

Zuverlässigkeit: Die Anfrage wurde innerhalb von wenigen Stunden angenommen und ausgeführt, hierbei handelte es sich um eine Suche nach einem guten Kieferorthopäden in Düsseldorf und um einen entsprechenden Termin dort.

Preis: 9,90 Euro monatlich, der Probemonat ist kostenlos. Die Anmeldung verlängert sich nicht automatisch.

Kontakt: freundlich, ausführlich, per „Du“.

Nutzung: Für Apple-Nutzer gibt es bereits eine App, in der Kategorie Lifestyle. Laut Statista ist das mit 8,33 Prozent die viertbeliebteste Kategorie bei App-Downloads. Für Android gibt es bislang keine App. Die Leute sollten ihre Butler per SMS beschäftigen.

GoButler
Funktionalität: Nach der Anmeldung wird man erstmal auf eine Warteliste gesetzt – laut GoButler beträgt die Wartezeit derzeit zwei bis drei Tage. Bei der Freischaltung bekommt der Nutzer eine E-Mail mit dem entsprechenden Kennwort, das er per SMS an die Nummer von GoButler sendet. Dann kann es losgehen.

Zuverlässigeit: Auch hier ging es wieder um einen Arzttermin, diesmal bei einem Orthopäden. Der Butler reagierte innerhalb von wenigen Minuten, fragte nach der Krankenversicherung und vereinbarte sofort einen Termin. Einen Tag später war es eine Suche nach einem Hotelzimmer in Straßburg, der SMS-Butler musste dienen. Die Buchung war spontan für die daraufkommende Woche, zwei Nächte. AirBnB, die Plattform, auf der Privatleute Zimmer und Wohnungen vermieten, wäre auch möglich gewesen.
Zügig schickte der Butler ein Angebot für ein Hotelzimmer im Zentrum von Straßburg. AirBnB könne man nicht buchen lassen. Auf die Frage, wieso das nicht geht, antwortete GoButler, dass die Anfrage zu persönlich sei, weil Airbnb auf Vertrauen basiere. Also wurde es das Hotelzimmer, dafür war die private Anschrift nötig und schon kam die Buchungsbestätigung per E-Mail.

Preis: Die Dienste von GoButler sind für den Nutzer kostenlos.

Kontakt: freundlich, ehrlich, per „Du“.

Nutzung: GoButler ist bislang nur per SMS oder WhatsApp zu erreichen.

James, bitte
Funktionalität: Es bedarf keiner Anmeldung bei James, bitte. Eine SMS genügt.

Zuverlässigkeit: Die erste Anfrage war enttäuschend. Es ging um die bereits geschilderte Buchung eines Hotelzimmers. Der Butler von James, bitte reagierte schnell und schlug ein Hotel außerhalb der Stadt vor, das im preislichen Rahmen lag. Auf die Nachfrage, ob auch AirBnB-Angebote eingeholt werden dürften, antwortete der Butler, dass man die Rechercheergebnisse per E-Mail erhalten könnte...

Preis: Dafür müsste man 4,90 Euro zahlen. Ein Link zum Bezahlen, per Paypal oder Kreditkarte war auch dabei.
Auf der Internetseite von James, bitte steht „Fragen kostet nichts! Sobald wir einen Weg gefunden haben, um deine Anfrage günstig und schnell zu erledigen, schicken wir dir den Preis per SMS zu. Es gibt keine versteckten Gebühren oder Kleingedrucktes.“ Trotzdem fühlt man sich als Nutzer in die Irre geführt. Die Anfrage konnte storniert werden, bevor der Betrag von 4,90 Euro fällig wurde.

Kontakt: freundlich, auch bei der Stornierung.

Nutzung: Wenn für jede Rechercheleistung rund fünf Euro (plus, minus) bezahlt werden muss, schreckt das Modell von James, bitte ab.


GoButler: Prozesse sollen automatisiert werden

Der Hype um die SMS-Butler flacht erstmal nicht ab, wie es aussieht. Es gibt sogar schon ein Vergleichsportal: www.butlervergleich.de. Darauf werden die großen drei Anbieter sowie mit MyWichtel und Alfredoo zwei kleinere Butler-Portale verglichen. Zudem können Nutzer ihre Erfahrungen teilen.

Wo dieser Hype hinführt, ist nicht abzusehen. Nicht für Nutzer, nicht für den Experten, wie es scheint, nicht mal für die Gründer selbst. Doch zwischen Sixtyone Minutes und GoButler sollen die Grenzen klarer zu werden. Zumindest im B2B-Bereich.

Denn bei Sixtyone Minutes gibt es neben dem bisherigen SMS-Butler jetzt Angebote, gezielt für Unternehmen. So können Firmen und dessen Mitarbeiter die Dienste von Gnamm und seinem Team in Anspruch nehmen – und entweder von ihnen verwalten lassen oder autark arbeiten. Sixtyone Business soll das Angebot heißen. Ein Butler-Service mit Sekretariatsqualitäten quasi. „So wie es o2 und Vodafone gibt, gibt es uns und GoButler“, sagt Michael Gnamm.

GoButler befindet sich laut Navid Hadzaad in Finanzierungsgesprächen, „die wir in den nächsten Wochen abschließen wollen.“ Es gibt Überlegungen, „bestimmte Prozesse zu automatisieren“. Ob die Konversationen zwischen Butler und Nutzer dazu gehören, wollte Hadzaad nicht sagen. Falls doch, würde Freundlichkeit und Charme GoButlers möglicherweise verloren gehen – je nachdem ob die Emojis, die momentan in fast jeder SMS zu lesen sind, ebenfalls automatisiert eingefügt werden... ;-)

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