Entwicklerkonferenz Mehr als nur Android-News bei Google I/O

Die Entwicklerkonferenz Google I/O findet erstmals auf einem riesigen Gelände im Silicon Valley statt. Damit gibt es für Spekulationen zu Neuheiten wortwörtlich mehr Raum. Auch sonst ist in diesem Jahr einiges neu.

Wo Google seine Finger im Spiel hat
Google GlassEines der spannendsten Projekte des Suchmaschinen-Anbieters ist sicherlich Google Glass. Mit der Datenbrille ist es möglich E-Mails abzufragen, im Internet zu surfen, zu fotografieren und zu filmen. 2013 hat das Unternehmen erste Datenbrillen an Webentwickler und Geschäftspartner verkauft, mittlerweile ist die Brille frei verfügbar. Quelle: dpa
Online-MusikdienstGoogle stärkt sein Musikgeschäft mit dem Kauf des Streaming-Dienstes Songza, der passende Lieder für verschiedene Situationen zusammenstellt. Nutzer der Songza-App können zum Beispiel zwischen „Musik zum Singen unter der Dusche“, zum Autofahren oder zum Joggen entscheiden. Solche Song-Listen werden von Songza-Mitarbeitern zusammengestellt, es gibt Angebote für verschiedene Tageszeiten und Stilrichtungen. Zugleich kann sich auch die Software hinter dem Dienst an den Musikgeschmack der Nutzer anpassen. Die Musikauswahl kann über Daten aus dem Netz auch das aktuelle Wetter am Standort des Nutzers abgestimmt werden. Google nannte bei Bekanntgabe des Deals am Dienstag keinen Kaufpreis. Nach Informationen der „New York Times“ waren es mehr als 39 Millionen Dollar. Songza ist bisher nur in Nordamerika verfügbar und hatte Ende vergangenen Jahres 5,5 Millionen Nutzer. Der kostenlose und werbefinanzierte Dienst werden zunächst unverändert weiter betrieben, erklärte Google. Mit der Zeit werde man nach Wegen suchen, wie die Musikplattform Google Play Music von Songza profitieren könnte. Quelle: Screenshot
SatellitentechnikGoogle stärkt seine digitalen Kartendienste mit dem Kauf des Satelliten-Spezialisten Skybox Imaging, der Bilder aus dem All in hoher Auflösung erstellt. Der Preis liegt bei 500 Millionen Dollar in bar, wie der Internet-Konzern mitteilte. Skybox bietet seinen Kunden das Beobachten gewünschter Gebiete mit detailreichen Fotos und 90 Sekunden langen Videos an. Als Dienstleistungen nennt Skybox zum Beispiel die Überwachung von Feldern auf Schädlingsbefall und die Aufsicht über Energie-Pipelines. Auch die Auswertung der Container-Bewegungen in Häfen, der Aktivität auf Flughäfen oder der Bestände auf Parkplätzen von Autohändlern ist möglich. Die Satelliten von Skybox sollen helfen, die Google-Karten auf aktuellem Stand zu halten, erklärte der Internet-Konzern am Dienstag. Außerdem hoffe Google, damit die Versorgung mit Internet-Zugängen und die Hilfe bei Unglücken und Naturkatastrophen zu verbessern. Google ist selbst bei der Entwicklung digitaler Satellitenkarten mit seinem Projekt Google Earth weit vorangekommen. Etablierte Anbieter wie DigitalGlobe oder GeoEye haben den Erdball erfasst, Skybox verspricht jedoch frischere Bilder auf Bestellung. Skybox ist einer von mehreren neuen Anbietern, die von drastisch gesunkenen Kosten für Entwicklung und Herstellung von Satelliten profitieren wollen. Sie packen ihre Technik in deutlich kleinere Satelliten als man sie früher baute. Skybox will über die Jahre rund zwei Dutzend Satelliten ins All bringen, steht bei dem Plan aber erst am Anfang. Die Skybox-Satelliten sind nach bisherigen Berichten rund 100 Kilogramm schwer. Das macht es auch günstiger, sie ins All zu bringen als früher. Die Kosten pro Satellit werden auf rund 25 bis 50 Millionen Dollar geschätzt. Quelle: Screenshot
SatellitentechnikErst im April 2014 hatte Google den Hersteller von Solardrohnen Titan Aerospace gekauft. Mit dem Kauf will Google seine Pläne vorantreiben, drahtloses Internet auch in abgelegenste Teile der Welt zu bringen. Über den Kaufpreis für das US-Unternehmen, das 20 Mitarbeiter beschäftigt, wurde nichts bekannt. Titan entwickelt solarbetriebene Satelliten. Sie sollen 2015 erstmals kommerziell in Betrieb genommen werden. Die Drohnen fliegen in rund 20 Kilometern Höhe und können dort fünf Jahre bleiben. Ihre Spannweite ist mit 50 Metern etwas kürzer als die einer Boeing 777. Medienberichten zufolge war auch Facebook an Titan interessiert. Quelle: AP
Sicherheits-GadgetsGoogle hat die Firma SlickLogin gekauft, die eine innovative Art erfunden hat, herkömmliche Passwörter mit einer zweiten Sicherheitsstufe zu ergänzen. Das israelische Start-up setzt dabei auf Ultraschall-Töne, die zwischen Smartphone und PC eines Nutzers ausgetauscht werden. SlickLogin gab die Übernahme am Sonntag bekannt, eine Preis wurde nicht genannt. Nach Informationen des Technologieblogs „Geektime“, das als erstes von dem Deal berichtet hatte, geht es um einige Millionen Dollar. Derzeit setzt Google als zweite Zugangsstufe zusätzlich zum Passwort Zahlencodes ein, die über eine App auf das Smartphone geschickt werden. Der Vorteil des von SlickLogin entwickelten Systems ist, dass die Authentifizierung automatisch laufen kann, ohne dass der Nutzer sich darum kümmern muss. SlickLogin hatte das Ultraschall-Konzept im vergangenen September vorgestellt und befand sich bis zuletzt noch in einer geschlossenen Test-Phase. Nach Informationen von „Geektime“ bestand die Firma immer noch aus den drei Gründungsmitgliedern. Quelle: WirtschaftsWoche Online
Autonome AutosNicht nur große Automobilkonzerne, auch Google forscht mit viel Aufwand an selbstfahrenden Pkw. Dafür entwickelt der Konzern selbst die Software, die das Auto steuert. Dabei will der Konzern wohl sogar eigene Fahrzeuge auf den Markt bringen, die als autonome Taxen am Straßenverkehr teilhaben sollen. Für die Produktion der Autos gab es bereits Gespräche mit dem deutschen Zulieferer Continental und dem Fertiger Magna. Quelle: dpa
Medizinische GadgetsGoogles geheime Forschungsabteilung Google X hat ihre nächste Erfindung öffentlich gemacht. Es ist eine digitale Kontaktlinse für Diabetiker, die Blutzucker-Werte kontrolliert. Google X soll für den Internet-Konzern die Grenzen des Möglichen austesten. Die Entwickler aus dem Forschungslabor testen laut einem Blogeintrag Prototypen einer Kontaktlinse, bei der zwischen zwei Schichten ein Sensor sowie ein Miniatur-Funkchip integriert sind. Die Linse messe die Glucose-Werte in der Tränen-Flüssigkeit jede Sekunde. Der Prototyp sei in mehreren klinischen Forschungsstudien erprobt worden. Die Kontaktlinse solle die Daten an eine begleitende Smartphone-App funken. Chip und Sensor seien so winzig wie Glitzer-Partikel und die Antenne dünner als das menschliche Haar. Er werde auch erwogen, für Warnsignale Mikro-LEDs direkt in die Linse zu integrieren, hieß es. Es sei noch viel Arbeit zu tun bis die Kontaktlinse als fertiges Produkt auf den Markt komme, schränkten die Entwickler ein. Google wolle sich dafür in dem Bereich erfahrene Partner suchen, die Zugang zu der Technologie bekämen. An dem Projekt arbeitet federführend der Forscher Babak Parviz mit, der schon an den Anfängen der Datenbrille Google Glass stand. Er hatte bereits 2009 demonstriert, wie man Kontaktlinsen mit LEDs versehen kann. Quelle: dpa

Android-Smartphones, virtuelle Realität, vernetztes Zuhause, selbstfahrende Autos, die Zukunft des Fernsehens mit YouTube - Google und seine Konzernmutter Alphabet haben viele Bälle in der Luft. In wenigen Tagen könnten noch weitere dazukommen. Die jährliche Entwicklerkonferenz Google I/O ist längst zum zentralen Event und Taktgeber geworden, wenn es um Neues aus dem Universum des Internet-Riesen geht.

Auf der Google I/O rasten einst medienwirksam Fallschirmspringer für einen Livestream mit der Datenbrille Google Glass. Hier werden regelmäßig die nächsten Versionen des dominierenden Smartphone-Systems Android veröffentlicht. Hier wurden innovative Dienste wie die Sprachsteuerung Google Now, Google Photos oder die Bezahlplattform Android Pay vorgestellt.

In diesem Jahr dürfte einiges anders sein: Einen ausführlichen Vorgeschmack auf die nächste Android-Version „N“ gab Google bereits im März. Bei der Google I/O dürfte es jetzt also vom 18. Mai an zwar neue Details dazu geben. Vielleicht auch den vollen Namen - N wie „Nutella“? Nougat? Oder „Nerds“? Google gibt Android-Versionen immer den Namen von Süßigkeiten in alphabetischer Reihenfolge. Aktuell ist „Marshmallow“ an der Reihe.

Die ganz großen News müssen nun aber aus anderen Bereichen als Android kommen. Spekuliert wird unter anderem, dass Google eine Brille für die Anzeige virtueller Realität zeigen könnte, die im Gegensatz zu den bisherigen „Cardboard“-Faltkästchen aus Pappe ohne ein Smartphone als Herzstück auskommt. Unter anderem das „Wall Street Journal“ schrieb bereits vor einiger Zeit, VR-Technologie solle direkt in Android eingebunden werden.

Neuigkeiten werden außerdem zum seit Jahren entwickelten „Project Tango“ erwartet, dem Smartphone, das mit Hilfe vieler Sensoren seine Umgebung erfassen kann. Der Finanzdienst Bloomberg berichtete, ein erstes Gerät könne im Sommer auf den Markt kommen und zur Vermessung von Innenräumen beitragen, ähnlich wie Google mit Maps und Street View die Außenwelt abbildete. Zudem berichtete das Technologieblog „Recode“ gerade eben, Google arbeite auch an einem vernetzten Lautsprecher für das smarte Zuhause - auch wenn unklar sei, ob es zur Google I/O schon etwas zu zeigen geben werde. Ob die selbstfahrenden Autos des Konzerns einen Auftritt haben werden, blieb bis zuletzt fraglich, auch wenn der Veranstaltungsort diesmal auf einem Gelände direkt neben der Google-Zentrale statt wie gewohnt im Moscone Center in San Francisco liegt.

Google in Zahlen

Ein weitere Kandidat ist das „Project Ara“, ein modulares Telefon, das man aus Teilen wie Bildschirm, Kamera, Chip-Block zusammenstecken kann. Vorversionen gab es schon bei früheren Konferenzen zu sehen - irgendwann gestanden die Entwickler jedoch ein, dass das Konzept daran krankte, dass die Bauteile zu schlecht zusammenhielten. Das spiegelt auch ein allgemeines Problem der I/O wider: Google zeigt viele coole Sachen, aber eine Menge davon findet auch nicht den Weg in den Alltag.

So kam die einst mit so großem Aufwand präsentierte Glass-Brille unter anderem wegen Datenschutz-Bedenken nie über eine Testphase in den USA hinaus. Die erste Version wurde eingestellt, eine neue soll in Arbeit sein, aber zu sehen war davon bisher nichts. Die vernetzte Unterhaltungsanlage Nexus Q wurde gleich nach der Präsentation auf der Konferenz gestoppt. Das vor einem Jahr vorgestellte „Marshmallow“-Android läuft gerade einmal auf 7,5 Prozent der Google-Smartphones. Immerhin ist das zwei Jahre alte „Lollipop“ auf Platz eins mit rund 35 Prozent.

Die größten Flops von Google
Google Quelle: dpa
Google Videos Quelle: Screenshot
Google X Quelle: Screenshot
Larry Page Quelle: REUTERS
KnolZu den Projekten die eingestellt werden gehört auch Knol. Es sollte Googles Alternative zu Wikipedia sein: Eine Wissenssammlung, bei der die Nutzer die Artikel schreiben und bearbeiten. Der Erfolg hält sich in Grenzen – oder kennen Sie intensive Knol-Nutzer? Quelle: Screenshot
Google WaveNach knapp einem Jahr hat Google sein Projekt „Wave“ wieder gestoppt. Beim Start hatte der Konzern noch getönt, Wave sei wie die Neu-Erfindung der Mail. Doch selbst viele Nerds konnten mit dem Angebot nichts anfangen, mit dem man Nachrichten gemeinsam bearbeiten und kommentieren konnte. Ende April 2012 wird Wave nun endgültig dicht gemacht.  
LivelyAls der Hype um virtuelle Welten wie Second Life noch groß war, startete Google "Lively". Damit konnten Avatare geschaffen werden und Räume in denen man sich treffen konnte. Resonanz und Halbwertzeit waren dürftig: nach nicht einmal sechs Monaten wurden die neuen Tummelplätze wieder geschlossen. Quelle: Screenshot

Unterdessen bleibt trotz der vielen verschiedenen Ideen unter dem Alphabet-Dach Google mit seinem Online-Werbegeschäft praktisch die einzige Geldquelle des Konzerns. Zuletzt stieg der Alphabet-Umsatz im ersten Quartal um 17 Prozent auf 20,26 Milliarden Dollar. Die anderen Alphabet-Teile außer Google trugen dazu 166 Millionen Dollar bei - immerhin doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Zugleich stiegen aber auch ihre Verluste binnen eines Jahres von 633 auf 802 Millionen Dollar. Finanzchefin Ruth Porath deutete an, dass Ausgaben künftig genauer unter die Lupe genommen werden.

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