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Europäisches Datenprojekt „Gaia-X wird keine europäische Cloud schaffen“

Quelle: imago images

2022 wird das Bewährungsjahr für die europäische Alternative zu Amazon, Google & Co. Folgen nicht bald konkrete Anwendungsmöglichkeiten, droht das Milliardenprojekt zu scheitern.

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Noch bevor die Feier richtig Schwung aufnehmen konnte, ist der Kater eingekehrt. Der erste Gast hat sich bereits brüsk verabschiedet. Andere stehen noch unentschlossen an der Tanzfläche, schauen ein paar dort betont ausdrucksstark Herumhüpfenden zu und überlegen, ob sie bleiben oder die Tür ebenfalls von außen schließen sollen. Die Musikauswahl ist nicht nach ihrem Geschmack, die gereichten Häppchen und Getränke schmecken fade, und die Geladenen – na ja. Da hatten sie wirklich anderes erwartet.

So ähnlich darf man sich die Stimmung zum Jahreswechsel bei Gaia-X vorstellen. Eingeladen hatten bereits vor mehr als zwei Jahren die Wirtschaftsminister aus Deutschland und Frankreich und großzügig mit öffentlichen Fördermitteln gewunken. Europas IT-Branche sollte zeigen dürfen, dass sie für Clouddienste neue Standards vor allem bei der Sicherheit setzen konnte in einem Markt, der bisher dominiert wird von US-Konzernen wie Amazon, Microsoft und Google sowie den Chinesen von Huawei und Alibaba.

Doch von Partylaune keine Spur. Amerikaner und Chinesen haben sich lautstark unter die Feiernden gemischt. Unter den Europäern mehren sich die Zweifel, ob in dieser Gesellschaft Informationen über Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Verwaltung und Wissenschaft Datenschutz-konform gespeichert und vertrauensvoll geteilt werden können. Ob europäische Unternehmen unter diesen Bedingungen Milliardenwerte schaffen können.

„Gaia-X wird keine europäische Cloud schaffen. Es wird ein bisschen mehr Souveränität geben. Aber das ist für mich nicht genug.“ Das sagt Yann Lechelle, Chef des französischen Multicloud-Anbieters Scaleway. Neben OVHCloud und Outscale ist Scaleway in Frankreich ein mit rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz und 400 Beschäftigten vergleichsweise kleiner, aber direkter Konkurrent zum amerikanischen Weltmarktführer Amazon Web Services (AWS). 2019 gehörte Scaleway zu den 22 Gründungsmitgliedern der inzwischen auf mehr als 300 Mitglieder angeschwollen Cloud-Initiative. Mitte November ergriff Lechelle die Flucht.

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    Er zog die Konsequenz aus einer Kritik, die zahlreiche europäische Mitglieder teilen, aber bisher meist hinunterschlucken oder allenfalls verhalten äußern: Dass Nicht-Europäer überhaupt Teil einer Initiative sein können, die ausdrücklich die Übermacht derselben abwenden soll. Sogar so umstrittene Firmen wie Palantir und Huawei sind dabei. Klingt nach einem Widerspruch, ist nach Auskunft der Gaia-X-Führung aber schon aus Gründen des Wettbewerbsrechts nicht anders möglich. Außerdem ist der italienische Gaia-X-CEO Francesco Bonfiglio zuversichtlich, dass die „Umarmungsstrategie“ die Durchsetzung internationaler Standards sogar erleichtern kann. „Wer glaubt, dass Gaia-X Nicht-Europäer ausschließen sollte, hat keine Ahnung von der Welt der Daten“, behauptet er.

    „Gaia-X wird heute im Interesse der großen Anbieter geführt“, kontert Lechelle. Nicht-Europäer säßen zwar nicht im Vorstand, seien aber zahlreich und mit großer Manpower im Hintergrund in den Arbeitskreisen vertreten, wo Standards definiert würden. Konkrete Projekte ließen auf sich warten. Die hat Bonfiglio nun für 2022 angekündigt. Als dann aber auch noch die chinesischen Firmen Huawei und Alibaba sowie der US-Hyperscaler AWS zu den Hauptsponsoren des Gaia-X-Gipfels im November in Mailand gehörten, bei dem es um die Schaffung einer „vertrauenswürdigen, souveränen digitalen Infrastruktur für Europa“ gehen sollte, reichte es dem Franzosen endgültig.

    „In Europa scheut man sich, die europäischen Player zu schützen – aus Angst vor Diskriminierungsvorwürfen. Das ist naiv und öffnet Tür und Tor, kritisiert auch Quentin Adam. Er führt den Cloudanbieter Clever Cloud. Der ist ebenfalls Mitglied bei Gaia-X. Aber wer weiß, wie lange noch. „Da sind einige, die gehen wollen“, sagt Adam. „Im Augenblick ist die Devise ‚Abwarten und schauen, was passiert‘. Aber das Risiko besteht.“ Vor allem, wenn es bis zum Frühjahr keine greifbaren Fortschritte gebe, die europäischen Cloud-Angeboten echte Alleinstellungsmerkmale gäben.

    In Frankreich konstatiert man, dass deutsche Gaia-X-Mitglieder die Gesellschaft der Nicht-Europäer offenbar weit weniger befremde. „In Deutschland ist man offener, weil die Industrie dort ein großes Interesse an Cloud-Aktivitäten hat. Die Unternehmen suchen oft schnell einen Partner, der sich dann nicht selten in den USA befindet“, sagt Adam. In Frankreich sei die Industrie wirtschaftlich nicht so bedeutend wie bei den Nachbarn und habe deshalb weniger Einfluss.

    In der Tat gibt es einige prominente Beispiele aus diesem Jahr: BMW baute seine Zusammenarbeit mit Amazon beim Cloud-Computing aus. Ende November gab Siemens eine Ausweitung seiner Zusammenarbeit mit AWS bekannt, „um die Cloud-basierte digitale Transformation für die Industrie zu erleichtern“, wie es hieß. Im Dienstleistungsbereich kündigte die an, dass sie in den kommenden fünf Jahren einen signifikanten Teil ihrer Anwendungen in die Cloud von Microsoft auslagern will. Und Maximilian Ahrens, seit Juni Vorsitzender des Bord of Directors von Gaia-X sowie Technologie-Chef bei der Telekom-Tochter T-Systems, will Mitte 2022 zusammen mit Google eine „souveräne Cloud“ auf den Markt zu bringen. Sie soll den europäischen Ansprüchen genügen, bleibt aber eine Version der Google Cloud.

    „Man wird ja nicht bestraft dafür“, sagt Andrea Wörrlein, Chefin der Virtual Network Consult GmbH (VNC) zu solchen Kooperationen. „Kompetente europäische Rechenzentrumsanbieter werden rausgedrückt.“ Dabei sollte Gaia-X eine Initiative auch für den Mittelstand sein. Doch VNC, wo 80 Festangestellte und zahlreiche weitere Mitarbeiter auf Projektbasis Software etwa für Chats, Video-Konferenzen und den Mailverkehr von Unternehmen und Organisationen entwickeln und weltweit ausrollen, hat bis heute nicht einmal Antwort auf den Aufnahmeantrag bei Gaia-X erhalten. „Ich sehe sehr viel Politik, Berater und Geld, das bewegt wird – aber nichts Konkretes. Das hilft den Kunden nicht und auch nicht den Bürgern.“



    So hart will es Marc Korthaus nicht formulieren. „Ich kann die Frustration verstehen und auch die Kritik, sagt der Chef der Berliner Cloud-Firma SysEleven, der schon mal über eine Menge „Bullshit-Bingo“ bei Gaia-Veranstaltungen klagt. „Manche sehen ihre Felle davon schwimmen, weil es nicht schnell genug geht. Zu erwarten, dass Gaia das Geschäft rettet, war jedoch unrealistisch.“ Er tue sich eher schwer damit, dass die Gremienarbeit nach wie vor viel Papier produziere. „Das hat sich noch nicht geändert. „Aber für uns ist es Ansporn zu sagen: So lange wir Einfluss nehmen können und man uns zuhört, sind wir committed.“

    Alternativen habe es gegeben – und gebe es immer noch, ist Clever-Cloud-Chef Adam überzeugt. Wenigstens das kürzlich veröffentlichte System mit drei Cloud-Gütesiegeln sollte aus seiner Sicht noch einmal überarbeitet werden. Denn lediglich das strengste Siegel ist Europäern vorbehalten und soll Anwender umfassend vor Zugriff von außen schützen. „Gaia-X hätte auch eine Digital-Struktur der EU werden können“, meint Adam. Die Gemeinsame Agrarpolitik PAC, die Regeln für die Landwirtschaft in den Ländern der Europäischen Union definiert, erlaube schließlich auch keine Amerikaner und Chinesen in den Gremien.

    Adam wandte sich deshalb an das französische Wirtschaftsministerium. Dort ist die Haltung allerdings mindestens ambivalent. Frankreich ist zwar ganz vorne mit dabei, wenn es um die Schelte der Steuervermeider „GAFAM“ geht. Also der IT-Riesen Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft. Hätte Minister Bruno Le Maire seinen europäischen Kollegen nicht jahrelang in den Ohren gelegen, gäbe es vermutlich noch heute keine Mindestbesteuerung. Auch für die Gaia-X-Idee des damaligen Wirtschaftsministers Peter Altmaier (CDU) war Le Maire sofort Feuer und Flamme. Er trommelte Unternehmen wie OVHCloud, Scaleway, Orange und andere zusammen, damit Frankreich prominent bei der Gründung der Initiative vertreten war. Eigenständigkeit gegenüber den USA, das kommt in Frankreich immer gut an.

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    Doch auf die Auszahlung der angekündigten öffentlichen Fördermittel für Cloud-Projekte warte man in Frankreich immer noch, sagt Alain Garnier, Chef von Jamespot. Der Software-Anbieter für Unternehmensnetzwerke und kollaborative Plattformen arbeitet zusammen mit Outscale an einer Alternative zum Office-Angebot Microsoft 365. Und als das Rüstungsunternehmen Thales sich jüngst mit Google für eine „Cloud des Vertrauens“ zusammentat, die ähnlich funktionieren soll wie die Zusammenarbeit des US-Unternehmens mit T-Systems, da waren Minister Le Maire und Digital-Staatssekretär Cédric O voll des Lobes. Sie wünschten sich mehr von solchen Kooperationen. Frankreichs IT-Branche war mehr als pikiert.

    „Die Digitalwirtschaft ist Teil der Industrie“, mahnt Garnier. „Wenn sie unter Vormundschaft von Amerikanern steht, ist auch die übrige Industrie in Gefahr.“ Die Kritiker haben inzwischen ihre Gegenveranstaltung gestartet: die European Cloud Industrial Alliance (Euclidia). Die Initiative von 23 Unternehmen legt Wert darauf, dass alle Mitglieder aus Europa stammen und europäische Werte vertreten. Aus Deutschland sind unter anderem Nextcloud aus Stuttgart und NG-Voice aus Hamburg dabei.

    Mehr zum Thema: Mit Catena-X will sich Europas Schlüsselindustrie unabhängig von den großen Techkonzernen machen und präsentiert erste Anwendungen für das Cloud-Projekt. Ausgerechnet VW aber hält sich ein Hintertürchen offen.

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