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EyeEm – das Start-up des Monats Instagram für Profis

Auf den Straßen New Yorks platzte sein großer Traum, was er heute nicht bereuen dürfte. Florian Meissner ist der Geschäftsführer der Foto-App EyeEm; die zum Konkurrenten für Instagram werden will.

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Florian Meissner in seinem Berliner Büro: Mit „EyeEm“ will er ein neues Kapitel der „Auftragsfotografie“ starten.

Berlin In unserer Reihe das „Start-up des Monats“ stellen wir Ihnen regelmäßig ein innovatives Unternehmen vor. In diesem Monat – nachträglich für den Dezember – ist das EyeEm.

Dem Dieb, der ihm damals seine Kamera in der New Yorker U-Bahn klaute, könnte Florian Meissner heute fast dankbar sein. Um seinen großen Traum als Fotograf zu leben, war Meissner nach New York gegangen, hatte alles auf eine Karte gesetzt. Doch als ihm seine Kamera geklaut wurde, schien seine Karriere beendet zu sein, bevor sie begonnen hatte.

Meissner knipste weiter – statt eine teure Kamera nahm er sein Smartphone. „In New York wurde mir klar, welche Qualität Smartphone-Fotos haben“, sagt er heute. Aus seiner Notlösung hat er ein Geschäftsmodell entwickelt und sich damit selbstständig gemacht: Meissner gründete 2011 mit drei Partnern die Fotografie-App EyeEm. Eine App, die Handyfotos sammelt und Fotografen weltweit vernetzen soll.

Drei Jahre später sind es mehr als zehn Millionen Fotografen, die er zusammenbringt. Es sind Fotografen, die Unternehmer und Kreative zugleich sein wollen. Seine App hat er für Smartphone-Junkies gemacht, die Momentaufnahmen mit einer Community teilen möchten. Für die Fotos aber mehr sind, als ein Egotrip.

Im Gegensatz zum größten Konkurrenten Instagram geht es bei EyeEm weniger um Teenager, die ihr Essen fotografieren und unter dem Hashtag #Foodporn verbreiten als um qualitativ hochwertige Momentaufnahmen – aus der Natur, vom Menschen oder seinem Instrument. Bei EyeEm gelten andere Regeln als bei seinen Marktgegnern. Das mache die App laut Meissner und seinem Team auch so einzigartig. Weniger Hipster-Selfies und mehr Avantgarde der Smartphone-Fotografie also. Denn Smartphone-Fotos sind ein Fundus, der von Bildagenturen bisher noch nicht ausreichend ausgenutzt wird.

Die Funktionen von EyeEm sind eigentlich wie bei allen anderen mobilen Foto-Services. Foto knipsen, bearbeiten, hochladen. Was Instagram und Co. aber nicht haben, ist die Funktion des „Taggens“ mit einer Kategorie. Sonst setzt man Hashtags, also Schlagworte, unter denen die Fotos gefunden werden (und die dazu noch lustig sein) sollen. Bei EyeEm verschlagwortet der Fotograf sein Bild, damit dieses kategorisch zu finden ist.

Wer gezielt nach Skateboard-Fotos sucht, wird hier schnell fündig: Aktuell gibt es beispielsweise mehr als 100.000 Skateboard-Fotos. Skateboard-Fans abonnieren also einen speziellen Kanal, so ähnlich wie bei Youtube und die App zeigt ihnen fortan alle Fotos an, die mit „Skateboard“ getaggt sind. Meissner: „Das ist ein wichtiges Tool für Bildagenturen wie Getty Images.“

Seit März 2014 kooperiert Meissner mit der US-amerikanischen Bildagentur. Derzeit ist das System noch in der Testphase. 5000 Fotografen können ihre Fotos zur Lizenzierung freigeben, damit sind sie auch auf Getty Images zu finden. Und damit lässt sich Geld verdienen: „Unsere Fotografen werden die Rechte an ihren Fotos immer behalten.“ Anders als bei anderen Plattformen verbleiben die Urheberrechte beim User. Für die Vermittlung verlangt EyeEm die Hälfte des Honorars.


„Die Zukunft der Auftragsfotografie“

Für die Fotografen, die EyeEm regelmäßig nutzen, ist das wohl der entscheidende Unterschied. Instagram hat in den vergangenen Jahren immer mal wieder seine Nutzungsrechte verändert. Statt lustiger Fotos von Modebloggern setzt man bei EyeEm auf Fotos mit echtem Nachrichtenwert. Nach eigenen Angaben sind unter den Interessanten unter anderem „Der Spiegel“, die Lufthansa und die „Huffington Post“.

Wenn er über seine Erfolge spricht, kann Meissner den Stolz kaum verbergen. In seinem Büro in Berlin-Kreuzberg arbeiten mittlerweile 50 Leute. Die Firmensprache ist Englisch, es herrscht eine lockere Stimmung. An den Wänden hängen Fotos, es liegen Sticker mit dem EyeEm-Logo herum. An Produktionstafeln werden Fortschritte festgehalten und neue Pläne geschmiedet. Welche das sind, will Meissner nicht so recht verraten. Erst kürzlich hat EyeEm schließlich die neueste Version der App herausgebracht: EyeEm 5.0. Und trotzdem, mit dem Ehrgeiz hält er nicht hinterm Baum: „Mit EyeEm startet die Zukunft der Auftragsfotografie.“

Michel Clement, Professor für Marketing an der Universität Hamburg bezeichnet das Berliner Start-up als „Youtube für professionelle Fotos“. Für die großen Bildagenturen ist das eine Herausforderung. So wie Youtube für viele junge Nutzer mittlerweile wichtiger ist als das Fernsehen, so könnten bald auch die Nachrichtenmacher und Magazintitel auf diese neuen Bildagenturen zugreifen. In der Branche setzt man darum auf Kooperation mit den Neulingen. „Die App wird in den nächsten Jahren besonders für Bildagenturen interessant werden.“ Ein Blick auf die Wachstumszahlen stimmt Clement, der Experte für Vermarktung von Medienprodukten ist, optimistisch: „Durch die Interaktion der Fotografen und die Vermarktung der Fotos wird die App weiter wachsen.“

Das hat Meissner einem Investor zu verdanken, der schon früh Vertrauen in den jungen Unternehmer gesetzt hat. App-Profi Christoph F. Maire glaubte früh an seine Idee, obwohl Meissner nach seinem New-York-Abenteuer völlig abgebrannt war.  

Mittlerweile sind vier Unternehmen an dem Berliner Start-up beteiligt: Wellington Partners und Passion Capital sowie Open Ocean und Earlybird Venture Capital; große europäische Investmentkapitalfirmen. Mehr als fünf Millionen Euro kann EyeEm für das Wachstum nutzen. Profitabel sei die App laut Clement trotzdem noch nicht. „EyeEm ist ein Wachstumsbusiness.“

Teil Eins, Zwei und Drei unserer Serie „Start-up des Monats“ finden Sie hier:

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