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Gefragteste Berufsgruppe Wer IT-Experten einstellen will, muss radikal umdenken

IT-Fachkräftemangel: 82.000 Stellen sind offen Quelle: dpa

Digitale Berufe sind so gefragt wie nie. Doch es dauert Monate, bis Firmen IT-Stellen besetzen können. Das Problem: Oft hadern sie mit der luxuriösen Position der Bewerber. Wer Erfolg haben will, muss radikal umdenken.

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132 Tage. So lange dauert es im Schnitt, bis ein Unternehmen eine freie Stelle mit einer geeigneten IT-Fachkraft besetzen konnte – 14 Tage mehr als im Durchschnitt aller Berufe. Das ist das Ergebnis einer Analyse, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Mai veröffentlicht hat. Eine Bitkom-Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die von dem Digitalverband befragten Unternehmen brauchten durchschnittlich fünf Monate, um eine IT-Stelle zu besetzen.

Informatiker, so lässt sich die Kernaussage der Studien zusammenfassen, sind gefragt wie nie. Inzwischen herrscht in fast allen Bundesländern im IT-Fachkräftemangel. Firmen suchen händeringend nach Programmierern, Datenanalysten und anderen Experten – quer durch alle Branchen. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder warnt: „Jede offene Stelle bedeutet Verlust von Wertschöpfung, ein Weniger an Innovation.“ Der Fachkräftemangel könne zu einer „bedrohlichen Wachstumsbremse“ werden.

Arne Hosemann hat aus diesem Dilemma ein Geschäftsmodell gemacht. Er ist Mitgründer und Geschäftsführer der Berliner Plattform Expertlead, die IT-Experten an Unternehmen vermittelt. Das von Rocket Internet vor einem Jahr aufgebaute Start-up hat erst am Montag eine Finanzierungsrunde über sieben Millionen Euro abgeschlossen.

Dass die Idee hinter Expertlead Potential hat, zeigt auch ein Blick in die BA-Studie. Demnach hat die Zahl der gemeldeten freien Stellen im vergangenen Jahr mit 54.000 einen Höchststand erreicht. 2009 war die Zahl nur etwa halb so groß. Seitdem ist sie mit einer leichten Delle in den Jahren 2013 und 2014 kontinuierlich gestiegen – in den vergangenen drei Jahren sogar stark.

Dabei ist IT-Job nicht gleich IT-Job. Besonders gefragt sind derzeit Software-Entwickler. Drei von zehn Unternehmen aller Branchen mit mindestens einer offenen IT-Stelle suchen Programmierer, wie die Bitkom-Studie gezeigt hat. Dahinter folgen Projektmanager und Anwendungsbetreuer. Aber auch der Bedarf an vergleichsweise neuen Jobs wie Data Scientist (sieben Prozent) und Virtual Reality Designer (sechs Prozent) steigt. Das beobachtet auch Expertlead-Gründer Hosemann: „Viele Themen stecken gerade erst in den Kinderschuhen, da wird die Nachfrage noch deutlich steigen.“ Er nennt als weitere Beispiele Jobs wie Machine Learning Engineers oder Cyber Security Experten.

Deutschland unter IT-lern beliebt

Der deutsche Arbeitsmarkt hätte im Prinzip gute Voraussetzungen, denn für IT-Fachkräfte gehört er zu den attraktivsten der Welt. Das ist das Ergebnis einer anderen Studie, die die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group im Mai veröffentlicht hat. Etwa ein Drittel der knapp 27.000 weltweit befragten Digitalexperten sei demnach bereit, für einen Job nach Deutschland zu kommen. Nur die USA sind noch beliebter.

Warum tun sich die Unternehmen also so schwer beim Recruiting? Arne Hosemann glaubt, dass die Probleme auch hausgemacht sind. Seiner Meinung nach haben sich viele Firmen nicht auf das neue Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer eingestellt: „Nicht die Bewerber müssen um eine Stelle bei einem renommierten Konzern kämpfen, sondern die Firmen um die besten Leute.“ Oder anders gesagt: Die Unternehmen suchen einfach nicht richtig. Wer Erfolg haben will, sagt Hosemann, muss umdenken.

Christian Berner hat umgedacht – und zwar radikal. Als er 2012 den Vorstandsvorsitz beim einstigen Schraubenhändler Berner übernahm, erklärte ihm die Personalleiterin, dass es 38 Monate brauche, um eine Stelle in Künzelsau zu besetzen. Ihm war klar, dass er gegensteuern muss. Und dass ihm das nicht von der baden-württembergischen Provinz aus gelingen würde.

Also verlegte Berner den Sitz der Holding Anfang 2016 nach Köln. „Viele beklagen sich über einen Mangel an Spezialisten. Während andere lediglich über Probleme sprechen, haben wir eine konkrete Lösungen geschaffen“, hatte der Vorstandschef damals gesagt. Berner war sich sicher: Ohne Umzug keine Zukunft.

Das Handelsunternehmen war zwar relativ drastisch in seiner Entscheidung, aber bei weitem nicht die einzige Firma, die so gehandelt hat. Viele der Dax-30 betreiben inzwischen sogenannte Innovation Labs, meistens in Berlin. Der Heizungsbauer Viessmann aus dem hessischen Allendorf hat im vergangenen Jahr einen 4.500 Quadratmeter großen Digitalstandort in der Hauptstadt eröffnet. Und OBO, Spezialist für Gebäude-Elektroinstallationen aus dem Sauerland, hat es ebenfalls nach Köln gezogen – wenngleich auch nicht mit dem Firmensitz. Die Devise heißt offenbar: Wenn die Talente nicht kommen, müssen die Jobs zu den Talenten.

Wer heute nach einer Bilanz Berners fragt, ahnt, dass der Umzug zumindest für das Familienunternehmen aus Künzelsau der richtige Schritt war. Ein Sprecher berichtet von den etwa 100 Mitarbeitern, die im Rheinauhafen arbeiten – darunter viele IT-Spezialisten, die nie in die Provinz gegangen wären. Und von den Zahlen, die heute deutlich besser seien. Als Berner das Unternehmen 2012 übernahm, gab es kein Wachstum. 2019 wächst die Firma das fünfte Jahr in Folge.

Der Umzug hat dem Familienunternehmen eine Perspektive eröffnet. Aber, so heißt es ebenfalls aus dem Unternehmen, den Krieg um die Talente spüre man noch immer.

Bald strömt die Generation Z auf den Arbeitsmarkt

Das Problem: IT-Fachleute mit entsprechendem Know-how können sich den Job in der Regel aussuchen – und ohne Risiko als Selbstständiger auf Projektbasis arbeiten. „Sie wollen Abwechslung, sich weiterentwickeln und immer neue Herausforderungen. Die Festanstellung, auf die viele Firmen bestehen, bedeutet aus der Sicht der IT-Fachkräfte aber oft das Gegenteil“, sagt Arne Hosemann von Expertlead.

Das Start-up will diesen neuen Ansprüchen gerecht werden, vermittelt die ITler daher ausschließlich auf Freelancer-Basis. Die Unternehmen müssen akzeptieren, dass die Spezialisten aus der Ferne arbeiten und nicht täglich ins Büro kommen. „Am Ende ist es ja egal, wo der Mensch gerade sitzt – wichtig ist, ob er die Aufgabe bewältigen kann“, sagt Hosemann. Im Gegenzug, so lautet das Versprechen, bekommen die Firmen einen ITler, der zu den besten seines Fachs gehört.

Dass sich an dem Dilemma der Unternehmer in absehbarer Zeit etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Zwar steigen die Absolventen- und die Studienanfängerzahlen kontinuierlich, wie es in der BA-Studie heißt. So hätten 2017 etwa 26.000 Informatiker ihr Studium erfolgreich abgeschlossen – etwa fünf Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie noch nie. Doch steigt mit ihnen auch der Bedarf.

Hinzu kommt: Die ITler, die in den nächsten Jahren von den Unis auf den Arbeitsmarkt strömen, gehören zur sogenannten „Generation Z“, also den zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Der Jugendforscher Simon Schnetzer hat für seine Studie „Junge Deutsche 2019“ untersucht, was sie umtreibt. Das Ergebnis: Die „Z-ler“ wünschen sich vor allem Freiheit.

Während in den vergangenen neun Jahren das Thema Arbeitsplatzsicherheit noch das wichtigste war, gaben die Befragten diesmal an, dass sie von ihrem Arbeitgeber in erster Linie eine gute Arbeitsatmosphäre und Work-Life-Balance erwarten. Ihre wichtigste Motivation für Leistung: Spaß.

Gute Programmierer müssen nicht studiert haben

Das passt zwar zu den Beobachtungen von Hoseman. Dass die Festanstellung im IT-Bereich ein Auslaufmodell ist, glaubt Schnetzer aber nicht. „Die Arbeit als Freelancer ist nur in der jungen wilden Phase besonders attraktiv. Mit einer längeren Beziehung oder spätestens der Familienplanung wird eine Festanstellung attraktiver – vorausgesetzt, sie geht auf die Bedürfnisse der Bewerber ein.“

Was Schnetzer meint: Arbeitgeber müssen die Arbeit flexibel gestalten, ihren Talenten Freiräume einräumen und ihnen die Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln. „Die Generation Z ist maximal unverbindlich. Egal ob Verabredung oder neuer Job: Eine Entscheidung ist nur ein Zwischenstand, bis etwas Besseres kommt“, sagt Schnetzer. Deshalb müssten Arbeitgeber jeden Tag beweisen, dass sich die jungen Talente richtig entschieden hätten. Vorgesetzte sollten sich als Coach verstehen und lernen, zuzuhören.

Gleichzeitig empfiehlt Schnetzer den Unternehmen, formale Einstellungsbarrieren abzubauen – und Bewerber nach Talent zu bewerten, nicht nach Abschluss: „Es gibt viele Beispiele von genialen Programmierern, die nie einen Hörsaal betreten haben oder werden.“

Expertlead vermittelt Hosemann zufolge derzeit eine hohe dreistellige Zahl von IT-Experten, bis zum Jahresende könnten es 1000 sein. Das Start-up wirbt damit, ausgeschriebene Projekte innerhalb von 48 Stunden besetzen zu können. Zu den Kunden zählten Lufthansa, Daimler und die Deutsche Bank.

Aber auch sogenannte Hidden Champions, also Weltmarktführer aus dem deutschen Mittelstand, nutzen das Angebot. Die haben es im Rennen um die Mangelware IT-Fachkräfte besonders schwer – weil sie ihren Sitz häufig in der für IT-Spezialisten eher unattraktiven Provinz haben. Berner kann inzwischen mit einem Sitz in der Millionenstadt Köln punkten. Trotzdem engagiert das Unternehmen im IT-Bereich hin und wieder auch Leute auf Projektbasis.

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