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Globalfoundries „Wir werden noch Jahre von der Nachfrage profitieren“

Reinraum von Globalfoundries in Dresden: „Wir werden noch Jahre von der Nachfrage profitieren“ Quelle: dpa

Der Engpass bei Halbleitern beschert dem Chip-Auftragsfertiger Globalfoundries über Jahre volle Auftragsbücher. Manfred Horstmann, Geschäftsführer des Standorts Dresden, erklärt im Interview, wie lange der Halbleitermangel noch anhält und warum die politische Förderung der Chipindustrie zu langsam vorangeht. 

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Zur Person: Der promovierte Physiker Manfred Horstmann ist seit der Gründung von Globalfoundries im Jahr 2009 für den Konzern tätig. Davor arbeitete Horstmann unter anderem für AMD, Motorola und IBM.

WirtschaftsWoche: Der aktuelle Mangel an Halbleitern zwingt immer mehr Autohersteller und auch andere Branchen zur Kürzung der Produktion. Ist Globalfoundries der große Gewinner des Chipmangels?
Manfred Horstmann: „Der“ große Gewinner sind wir sicherlich nicht. Allerdings kann jedes Unternehmen, das Halbleiter produziert, derzeit zum Gewinner werden.

Wie konnte es überhaupt zu diesem dramatischen Mangel an Halbleitern kommen? Hat alleine die Pandemie zu diesem Engpass geführt?
Die Coronapandemie ist sicher einer der Faktoren, der zu diesem Engpass geführt hat. So ist während der Pandemie die Nachfrage nach Computern, Bildschirmen und digitalen Assistenten – und damit nach den Chips in diesen Produkten - enorm gestiegen. Die Pandemie ist aber keineswegs der einzige Grund für die aktuelle Lage. So haben die globalen Handelsstreitigkeiten zu einer Veränderung in den Lieferketten geführt und Engpässe verursacht. Hinzu kommt der Trend zur Elektromobilität. Diese Faktoren führten zu einer immensen Nachfrage, die kaum gedeckt werden kann. Unglücklicherweise kam es dann auch noch zu Ausfällen von Chipfertigern in Japan und Texas, was den Engpass noch zusätzlich befeuerte.

Aus welchem Bereich kommen die Kunden von Globalfoundries in Dresden?
Die meisten unserer Kunden in Dresden kommen aus dem Bereich Consumer-Electronic, also allem, was mit Handy und Tablets zu tun hat. In manchen Handys stammen bis zu 40 Prozent der Chips von Globalfoundries in Dresden. Im Bereich Automotive stehen wir noch am Anfang. Dieser Bereich ist am Standort Dresden noch klein, aber stark wachsend. So ist etwa Bosch seit vielen Jahren einer unserer Partner. Zusammen mit Bosch entwickeln wir etwa auch Prototypen. Auch andere große Automobilzulieferer kommen im Moment verstärkt auf uns zu. Viele dieser Zulieferer lassen momentan nur in Taiwan fertigen und wollen ihre Fertigung nun diversifizieren, um die Lieferketten besser abzusichern. 

Wie lange wird der Chipengpass noch andauern?
Der Chipengpass im Automobilbereich wird mindestens noch ein Jahr, womöglich sogar noch länger, anhalten. Der Brand der Fabrik von Renesas in Japan und die Produktionsausfälle durch die Wetterkapriolen in Texas kommen zu den Faktoren Coronapandemie und den Handelskonflikten erschwerend hinzu.



Man spricht in der Halbleiterbranche vom Schweinezyklus, also der extremen Schwankung der Preise je nach Angebotsmenge. Wird es mit der Branche wieder bergab gehen, wenn die derzeitige Nachfrage einmal gestillt ist?
Ein Ende der Nachfrage nach Halbleitern ist derzeit nicht abzusehen. Die Nachfrage nach unseren Produkten ist – nicht nur im Automobilbereich – extrem nachhaltig. Das Werk in Dresden ist für dieses Jahr und teilweise auch das kommende Jahr bereits komplett ausgebucht. Unsere Book to Bill Rechnung (Verhältnis von Auftragseingang und Umsatz, Anm.) liegt weit über dem Faktor zwei. Wir werden noch Jahre von der Nachfrage profitieren und wollen deshalb den Standort Dresden ausbauen. So planen wir, unsere Kapazitäten in Dresden um den Faktor zweieinhalb zu erhöhen.

Der US-Halbleiterhersteller Intel hat angekündigt, ebenfalls als Auftragsfertiger für Chips aktiv zu werden. Erwächst Globalfoundries gerade ein mächtiger Konkurrent?
Ganz im Gegenteil. Wir begrüßen, dass Intel auch in das Foundry-Business einsteigt. Das bestätigt unser eigenes Geschäftsmodell. Das Technologie-Portfolio von Intel ist zudem anders ausgerichtet als unseres: Intel fertigt im Bereich unter zehn Nanometer. Globalfoundries in Dresden ist im Bereich 22 Nanometer und höher tätig. Gerade Kunden in Europa setzen zu 70 bis 80 Prozent auf den Bereich über 20 Nanometer. Im Automobilbereich ist unser Schwerpunkt zwischen 22 und 55 Nanometer.



Wirtschaftsminister Peter Altmaier will die Chipindustrie massiv fördern. Kommt nun ein Geldsegen auf Globalfoundries zu?
Das wäre sicher schön [lacht]. Tatsächlich hat das frühere Förderprogramm IPCEI (Important Projects of Common European Interest, Anm.) uns enorm geholfen, den Standort Dresden komplett neu auszurichten. So konnten wir unser Portfolio über den bloßen Mikroprozessor hinaus enorm erweitern. Dieses Förderprogramm war also ein großer Erfolg für uns und Europa als Standort für Mikroelektronik. Nun strebt Europa ein zweites IPCEI an, an dem wir wiederum gerne als Partner partizipieren wollen. Im Vordergrund steht diesmal die digitale Souveränität, etwa in Bezug zu Technologien wie 5G und 6G. Unser Ziel ist, unsere Technologie auf den europäischen Bedarf maßzuschneidern. Das Problem dieser Förderung ist die langsame Entscheidungsgeschwindigkeit, mit der die Politik vorgeht. Mit Blick auf den weltweiten Wettbewerb um Zukunftsinvestitionen ist es für Europas Erfolgssausichten entscheidend, dass die Ankündigungen von EU und Bundesregierung noch in diesem Jahr in konkrete Projekte münden. Hierfür muss auch die Lücke zwischen dem identifizierten Investitionsbedarf und den Budgets geschlossen werden. Den großen Geldsegen, von dem Sie sprechen, sehe ich im Moment leider nicht.

Mehr zum Thema: Der Engpass bei Halbleitern spitzt sich für die deutsche Industrie zu. „Wir fahren auf Sicht“, heißt es aus der Autoindustrie. Doch wie schlimm wird es wirklich?

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