WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Googles neuer Chef Der Aufstieg des Sundar Pichai

Seite 2/2

Pichais Herausforderungen als Google-CEO

Am 1. April 2004 beginnt Sundar Pichai seine Arbeit bei Google. Der Job ist kein Scherz. Pichai wird Produktmanager, er soll die Such-Boxen in den großen Browsern Firefox und Internet-Explorer verbessern. Doch der junge Mann denkt größer - und entwickelt nebenbei gleich einen eigenen Google-Browser. Keine zehn Jahre später ist Chrome eine feste Größe und hat den einstigen Platzhirschen in vielen Ländern den Rang abgelaufen.

Mit dem Chrome-Coup qualifiziert sich Pichai für Höheres. Er betreut die Entwicklung des Google-eigenen Betriebssystems Chrome OS und des schlanken Laptops Chromebook. Der Cloudspeicher Drive, der Kartendienst Maps und Gmail - Pichai kümmert sich in der Folge um Googles wichtigste Projekte - jene, die den Internetriesen tief im Leben der Nutzer verankern. Pichai konzentriert sich darauf, die Dienste leichter zugänglich zu machen  - und damit neue Nutzer zu gewinnen und alte enger zu binden. Was seine Lehrer “folgsam” nannten, macht Pichai zu seiner großen Stärke. Er versteht sich als Diener der Nutzer.

Das ist die Alphabet-Holding
Logo Google Quelle: dpa
Ballon in der Stratosphäre, Googles "Project Loon" Quelle: AP
Rauchmelder der Firma Nest Quelle: dpa
CalicoDie Gesundheitsfirma Calico - kurz für California Life Company - soll vor allem das Altern erforschen - um es eventuell bremsen zu können. Das Unternehmen wurde 2013 von Google gegründet. Leitung: Arthur Levinson Quelle: dpa
Google Rechenzentrum Quelle: AP
SidewalkDer Spezialist Sidewalk ist auf die Infrastruktur moderner Städte fokussierte. Es soll unter anderem darum gehen, den Verkehr effizienter zu machen, Energieverbrauch und Lebenshaltungskosten zu senken oder die Stadtverwaltung zu verbessern. Leitung: Dan Doctoroff Quelle: Fotolia
Logo Google ventures Quelle: dpa

Die Erfolge von Gmail, Maps und GoogleDrive werden so zu persönlichen Siegen für Pichai. Und Google weiß, was man an dem jungen Inder hat. Als der Kurznachrichtendienst Twitter 2010 versucht, Pichai abzuwerben, zahlt der Konzern einen Bonus aus - eine Summe zwischen zehn und 50 Millionen Dollar, heißt es in der Branche.

2013 übernimmt Pichai eines der wichtigsten Google-Projekte. Er wird Chef der Android-Sparte, nachdem sich deren Leiter, Andy Rubin, mit Larry Page überworfen hat. Das Mobile-Betriebsystem gilt als Googles wichtigstes Standbein neben der Suchmaschine und läuft auf dem Großteil aller Smartphones weltweit.

Der Ehrgeiz ist endgültig geweckt. Als Steve Ballmer Anfang 2014 seinen Rücktritt als Microsoft-CEO ankündigt, wird plötzlich Pichai als einer der heißesten Nachfolge-Kandidaten gehandelt. In Redmond übernimmt schließlich Satya Naella das Ruder - und Pichais Karriere macht trotzdem einen kräftigen Sprung. Seit vergangenem Herbst verantwortet er nahezu das gesamte Onlinegeschäft.

Mit seiner Konzentration auf die Bedürfnisse der Nutzer bewegte sich Sundar Pichai bislang  auf einer Linie mit seinem Vorgesetzten Page. In Interviews wich er nie von der Konzernlinie ab. “Sundar sagt seit einiger Zeit Dinge, die ich genauso sagen würde - manchmal sogar besser”, verkündet Page entsprechend mit väterlicher Zufriedenheit.

Auch bei seinen Kollegen ist Pichai beliebt. “Sundar hat nie einen schlechten Tag”, zitiert die New York Times den Risikokapitalgeber und ehemaligen Kollegen Chris Sacca. “Seine positive Energie ist ansteckend und sein Optimismus zieht die besten Talente an.”

Wo Google seine Finger im Spiel hat
Google GlassEines der spannendsten Projekte des Suchmaschinen-Anbieters ist sicherlich Google Glass. Mit der Datenbrille ist es möglich E-Mails abzufragen, im Internet zu surfen, zu fotografieren und zu filmen. 2013 hat das Unternehmen erste Datenbrillen an Webentwickler und Geschäftspartner verkauft, mittlerweile ist die Brille frei verfügbar. Quelle: dpa
Online-MusikdienstGoogle stärkt sein Musikgeschäft mit dem Kauf des Streaming-Dienstes Songza, der passende Lieder für verschiedene Situationen zusammenstellt. Nutzer der Songza-App können zum Beispiel zwischen „Musik zum Singen unter der Dusche“, zum Autofahren oder zum Joggen entscheiden. Solche Song-Listen werden von Songza-Mitarbeitern zusammengestellt, es gibt Angebote für verschiedene Tageszeiten und Stilrichtungen. Zugleich kann sich auch die Software hinter dem Dienst an den Musikgeschmack der Nutzer anpassen. Die Musikauswahl kann über Daten aus dem Netz auch das aktuelle Wetter am Standort des Nutzers abgestimmt werden. Google nannte bei Bekanntgabe des Deals am Dienstag keinen Kaufpreis. Nach Informationen der „New York Times“ waren es mehr als 39 Millionen Dollar. Songza ist bisher nur in Nordamerika verfügbar und hatte Ende vergangenen Jahres 5,5 Millionen Nutzer. Der kostenlose und werbefinanzierte Dienst werden zunächst unverändert weiter betrieben, erklärte Google. Mit der Zeit werde man nach Wegen suchen, wie die Musikplattform Google Play Music von Songza profitieren könnte. Quelle: Screenshot
SatellitentechnikGoogle stärkt seine digitalen Kartendienste mit dem Kauf des Satelliten-Spezialisten Skybox Imaging, der Bilder aus dem All in hoher Auflösung erstellt. Der Preis liegt bei 500 Millionen Dollar in bar, wie der Internet-Konzern mitteilte. Skybox bietet seinen Kunden das Beobachten gewünschter Gebiete mit detailreichen Fotos und 90 Sekunden langen Videos an. Als Dienstleistungen nennt Skybox zum Beispiel die Überwachung von Feldern auf Schädlingsbefall und die Aufsicht über Energie-Pipelines. Auch die Auswertung der Container-Bewegungen in Häfen, der Aktivität auf Flughäfen oder der Bestände auf Parkplätzen von Autohändlern ist möglich. Die Satelliten von Skybox sollen helfen, die Google-Karten auf aktuellem Stand zu halten, erklärte der Internet-Konzern am Dienstag. Außerdem hoffe Google, damit die Versorgung mit Internet-Zugängen und die Hilfe bei Unglücken und Naturkatastrophen zu verbessern. Google ist selbst bei der Entwicklung digitaler Satellitenkarten mit seinem Projekt Google Earth weit vorangekommen. Etablierte Anbieter wie DigitalGlobe oder GeoEye haben den Erdball erfasst, Skybox verspricht jedoch frischere Bilder auf Bestellung. Skybox ist einer von mehreren neuen Anbietern, die von drastisch gesunkenen Kosten für Entwicklung und Herstellung von Satelliten profitieren wollen. Sie packen ihre Technik in deutlich kleinere Satelliten als man sie früher baute. Skybox will über die Jahre rund zwei Dutzend Satelliten ins All bringen, steht bei dem Plan aber erst am Anfang. Die Skybox-Satelliten sind nach bisherigen Berichten rund 100 Kilogramm schwer. Das macht es auch günstiger, sie ins All zu bringen als früher. Die Kosten pro Satellit werden auf rund 25 bis 50 Millionen Dollar geschätzt. Quelle: Screenshot
SatellitentechnikErst im April 2014 hatte Google den Hersteller von Solardrohnen Titan Aerospace gekauft. Mit dem Kauf will Google seine Pläne vorantreiben, drahtloses Internet auch in abgelegenste Teile der Welt zu bringen. Über den Kaufpreis für das US-Unternehmen, das 20 Mitarbeiter beschäftigt, wurde nichts bekannt. Titan entwickelt solarbetriebene Satelliten. Sie sollen 2015 erstmals kommerziell in Betrieb genommen werden. Die Drohnen fliegen in rund 20 Kilometern Höhe und können dort fünf Jahre bleiben. Ihre Spannweite ist mit 50 Metern etwas kürzer als die einer Boeing 777. Medienberichten zufolge war auch Facebook an Titan interessiert. Quelle: AP
Sicherheits-GadgetsGoogle hat die Firma SlickLogin gekauft, die eine innovative Art erfunden hat, herkömmliche Passwörter mit einer zweiten Sicherheitsstufe zu ergänzen. Das israelische Start-up setzt dabei auf Ultraschall-Töne, die zwischen Smartphone und PC eines Nutzers ausgetauscht werden. SlickLogin gab die Übernahme am Sonntag bekannt, eine Preis wurde nicht genannt. Nach Informationen des Technologieblogs „Geektime“, das als erstes von dem Deal berichtet hatte, geht es um einige Millionen Dollar. Derzeit setzt Google als zweite Zugangsstufe zusätzlich zum Passwort Zahlencodes ein, die über eine App auf das Smartphone geschickt werden. Der Vorteil des von SlickLogin entwickelten Systems ist, dass die Authentifizierung automatisch laufen kann, ohne dass der Nutzer sich darum kümmern muss. SlickLogin hatte das Ultraschall-Konzept im vergangenen September vorgestellt und befand sich bis zuletzt noch in einer geschlossenen Test-Phase. Nach Informationen von „Geektime“ bestand die Firma immer noch aus den drei Gründungsmitgliedern. Quelle: WirtschaftsWoche Online
Autonome AutosNicht nur große Automobilkonzerne, auch Google forscht mit viel Aufwand an selbstfahrenden Pkw. Dafür entwickelt der Konzern selbst die Software, die das Auto steuert. Dabei will der Konzern wohl sogar eigene Fahrzeuge auf den Markt bringen, die als autonome Taxen am Straßenverkehr teilhaben sollen. Für die Produktion der Autos gab es bereits Gespräche mit dem deutschen Zulieferer Continental und dem Fertiger Magna. Quelle: dpa
Medizinische GadgetsGoogles geheime Forschungsabteilung Google X hat ihre nächste Erfindung öffentlich gemacht. Es ist eine digitale Kontaktlinse für Diabetiker, die Blutzucker-Werte kontrolliert. Google X soll für den Internet-Konzern die Grenzen des Möglichen austesten. Die Entwickler aus dem Forschungslabor testen laut einem Blogeintrag Prototypen einer Kontaktlinse, bei der zwischen zwei Schichten ein Sensor sowie ein Miniatur-Funkchip integriert sind. Die Linse messe die Glucose-Werte in der Tränen-Flüssigkeit jede Sekunde. Der Prototyp sei in mehreren klinischen Forschungsstudien erprobt worden. Die Kontaktlinse solle die Daten an eine begleitende Smartphone-App funken. Chip und Sensor seien so winzig wie Glitzer-Partikel und die Antenne dünner als das menschliche Haar. Er werde auch erwogen, für Warnsignale Mikro-LEDs direkt in die Linse zu integrieren, hieß es. Es sei noch viel Arbeit zu tun bis die Kontaktlinse als fertiges Produkt auf den Markt komme, schränkten die Entwickler ein. Google wolle sich dafür in dem Bereich erfahrene Partner suchen, die Zugang zu der Technologie bekämen. An dem Projekt arbeitet federführend der Forscher Babak Parviz mit, der schon an den Anfängen der Datenbrille Google Glass stand. Er hatte bereits 2009 demonstriert, wie man Kontaktlinsen mit LEDs versehen kann. Quelle: dpa

Ob sich die Eintracht auch in Zukunft hält, ist ungewiss. Ebenso, ob seine zurückhaltende Art dazu taugt, ein solches Konzern-Dickschiff zu lenken. Denn auch die um die Moonshots verkleinerte Google-Kerneinheit steht vor Herausforderungen. Die sind nicht mal finanzieller Art. 2014 erzielte das Unternehmen bei knapp 70 Milliarden Dollar Umsatz 14,4 Milliarden Dollar Gewinn.

Doch die Abhängigkeit vom Suchmaschinengeschäft und der dabei ausgespielten Werbung ist enorm. Ein zweites, auch nur annähernd ähnlich potentes Standbein aufzubauen, ist Google bislang nicht gelungen. 90,4 Prozent des Umsatzes wurden zuletzt mit Werbebannern erwirtschaftet.

Youtube, dass auch in Zukunft zu Google gehören wird, macht zwar enorme Umsätze, knappst aber nur an der Schwarzen Null. Google Plus, das soziale Netzwerk, das Facebook in seine Schranken weisen sollte, kann der Konkurrenz nicht das Wasser reichen. Im Gegenzug wildert Facebook sogar im Google-Territorium, zeigt Videos im Nachrichtenverlauf und schraubt an der eigenen Suchfunktion.Insbesondere im schnell wachsenden Segment der Werbung auf Smartphone und Tablet macht Facebook große Sprünge. Noch liegt Google zwar vorn, aber der Abstand wird geringer.

Sundar Pichai wird beweisen müssen, dass sein Weg der Konzentration auf die Nutzerbedürfnisse der richtige ist, um Facebook Paroli zu bieten. Von oberster Stelle hat Sundar aber auch die Erlaubnis, weiter zu experimentieren. "Ich weiß, dass Sundar sich immer auf Innovationen konzentrieren wird", so Larry Page.

Wie genau die neue Struktur von Google und der Alphabet-Holding aussieht, welche Änderungen kommen und wann sie in Kraft treten, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Bisher übt sich Pichai weiter in Zurückhaltung und Bescheidenheit. “Thanks”, antwortet er einer Handvoll prominenter Gratulanten wie Satya Nadella und Tim Cook auf Twitter. Kaum ein Wort mehr. Ein Show-Man hätte seinen Aufstieg anders verkündet.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%