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Googles Probleme Das Wettbewerbsverfahren ist der Anfang vom Abstieg

Wer in den Fokus der EU-Kartellwächter gerät, hat seine besten Jahre hinter sich. Das war so bei Intel und Microsoft – und dürfte nun auch für den Internet-Riesen Google gelten.

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EU-Kommissarin Vestager nimmt Google ins Visier Quelle: dpa, Montage

Er reiste aus London mit dem Zug an, mit acht Mitarbeitern im Schlepptau, fast alles Ingenieure. Als Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt Anfang März EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager traf, wusste er, dass er sich nicht auf seinen Charme verlassen konnte, mit dem er ihren Vorgänger Joaquín Almunia eingewickelt hatte. Die Kommissarin wollte Fakten, Schmidt brachte Fachleute mit.

Der große Auftritt im zehnten Stock des Kommissionssitzes hat Google jedoch wenig genutzt. Am vergangenen Mittwoch gab Europas oberste Wettbewerbshüterin bekannt, dass ihre Mitarbeiter genügend Beweise dafür haben, dass Google seine marktbeherrschende Stellung unter den Suchmaschinen ausnutzt.

Zudem wird untersucht, ob Google sein mobiles Betriebssystem Android missbraucht, um seine eigenen Apps auf Smartphones in den Markt zu drücken und Wettbewerber auszubremsen. Im Extremfall droht Google eine Geldbuße von bis zu zehn Prozent des Umsatzes, der sich 2014 auf 66 Milliarden Dollar belief.

Hier dominiert Google den Suchmaschinenmarkt

6,6 Milliarden Dollar wären Rekord. Bisher hält den Chipgigant Intel mit 1,06 Milliarden Euro. Selbst diese Strafe könnte Google aus seiner mit etwa 65 Milliarden Dollar gefüllten Kasse ohne Probleme begleichen.

Doch der Schaden könnte viel höher ausfallen: Die Gefahr ist, dass Google-Chef Larry Page und seine Truppe durch die EU-Ermittlungen und mögliche Auflagen in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden und so Wettbewerber nicht konsequent abwehren können.

Mehr noch: EU-Zwangsgelder und Strafen sind ein guter Indikator dafür, dass ein Unternehmen entweder bereits in geschäftlichen Schwierigkeiten steckt oder gerade in sie hineinschlittert. Das gilt für Google derzeit ebenso wie einst für Microsoft und Intel.

Verlorenes Jahrzehnt

Im März 2004 verhängte der damalige EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti fast 500 Millionen Euro Strafe gegen Microsoft, wegen Missbrauchs der marktbeherrschenden Stellung des Betriebssystems Windows. Brüssel befürchtete unter anderem, dass Microsoft mit der Beigabe der Abspielsoftware Media Player den noch jungen Markt für Online-Videos an sich reißen wolle. Später legte die EU mit noch höheren Strafen nach, etwa als Microsoft versuchte, seinen Internet-Browser via Windows durchzudrücken.

Das verdienen Google-Angestellte
Platz 15: DatenbankadministratorGoogles ganze Stärke kommt aus seiner Datenmacht. Diese Administratoren sind speziell dazu da, die Menge an Daten zu beherrschen. Gehalt: 100.327 Dollar (74.936 Euro)Quelle: businessinsider.com und glassdoor.com Quelle: dpa
Platz 14: Financial analystSelbst Google muss gelegentlich auf's Geld achten. Die Finanzanalysten kümmern sich darum, dass der Konzern jederzeit weiß, womit er wie viel verdient. Gehalt: 103.244 Dollar (77.137 Euro) Quelle: dpa
Platz 13: Business analystAls Organisatoren sind sie dafür verantwortlich, dass die Geschäfte von Google nicht ins Stocken geraten. Gehalt: 104.389 Dollar (78.001 Euro) Quelle: AP
Platz 12: User interface designerDas schlichte, benutzerfreundliche Design der Google-Software hat viele Fans. Diese Designer tragen dafür Verantwortung, dass das so bleibt. Gehalt: 105.474 Dollar (78.824 Euro) Quelle: dpa
Platz 11: Network engineerDie Netzwerk-Techniker sorgen dafür, dass es im Google-Intranet nicht hakt. Gehalt: 107.534 Dollar (80.362 Euro) Quelle: dpa
10. Platz: User experience researcherGoogle ist erfolgreich, weil es weiß, was seine Nutzer wollen. Diese Angestellte haben großen Anteil an dem Erfolg. Während sich die UI-Designer um das Aussehen der Produkte kümmern, sorgen die "experience researcher" dafür, dass sie sich für die Nutzer gut anfühlen. Gehalt: 112.536 Dollar (84.087 Euro) Quelle: dapd
Platz 9: Product marketing managerSie entwickeln die Marketingpläne für die Google-Produkte und legen Zielgruppen fest. Am Ende entscheiden sie, welches Produkt den Kunden wie präsentiert wird. Gehalt: 118.217 Dollar (88.329 Euro) Quelle: AP

Mittlerweile gilt die Periode unter der Ägide des damaligen Chefs Steve Ballmer als verlorenes Jahrzehnt. Nicht wegen der Rekordstrafen, die konnte auch Microsoft aus der Portokasse zahlen. Sondern weil es dem Konzern nicht gelang, unter den Argusaugen der Wettbewerbshüter Fuß im Internet zu fassen. Microsofts Suchmaschine Bing hat heute weltweit nur drei Prozent Marktanteil. Und Googles YouTube ist die global führende Videoplattform.

Schlimmer noch: Microsoft schaffte es trotz seiner Windows-Dominanz nicht, den boomenden Markt für mobile Geräte zu besetzen. So spielt Windows mit unter drei Prozent Marktanteil bei Tablets keine Rolle mehr. Die neuen Größen sind Apples iOS und Googles Android.

Smartphone statt Suchmaschine

Ähnlich erging es Intel. Im Mai 2009 verhängte die EU-Kommission eine Strafe von 1,06 Milliarden Euro gegen den Chipgiganten, weil dieser seine marktbeherrschende Stellung bei Computerprozessoren missbraucht hatte, um Konkurrenten wie AMD kleinzuhalten. Zwar dominieren Intels Prozessoren weiter den Markt für PCs und Server. Doch bei Mobilprozessoren hat Intel nie richtig Fuß fassen können. Der Wachstumsmarkt wurde von Qualcomm, ARM und Samsung aufgerollt.

Ein ähnliche Schlappe droht nun Google. Auf den ersten Blick steht der Konzern blendend da. Seine Suchmaschine vereint in Europa 96,6 Prozent der Suchanfragen auf sich, in Nordamerika laut Marktforscher Comscore rund 67 Prozent. Trotzdem sinken seit drei Jahren die Preise, die Google für die neben den Suchresultaten platzierten Anzeigen verlangen kann. Denn viele Internet-Nutzer sind auf Smartphones und Tablets umgestiegen.

Die Marktanteile der Smartphone-Betriebssysteme

Bei denen spielt die Suche keine so große Rolle mehr, die gewünschten Informationen werden in Form von Apps präsentiert. Online-Händler Amazon etwa ist so nicht mehr auf Google angewiesen, um auf sich aufmerksam zu machen, sondern kann Nutzer über eigene Apps und Online-Dienstleistungen adressieren.

"Google ist von Vestagers Herangehensweise geplättet"

Geschickt rollt vor allem Googles neuer Angstgegner Facebook das mobile Internet auf. Dass Facebook anders als Google und Apple kein eigenes mobiles Betriebssystem hat, erweist sich als Vorteil. Denn Facebook kann mit seinen Apps umso besser als Mittler zwischen den Welten auftreten und sie als Einfallstor in das mobile Internet etablieren.

War im klassischen Internet für viele Nutzer Google die Startseite, ist dies heute für Smartphone-Nutzer Facebook mit seinen Foto- und Kurznachrichtendiensten wie Instagram, WhatsApp und Messenger (siehe WirtschaftsWoche 16/2015).

Facebook holt auf

Zwar liegt Google laut Marktforscher eMarketer bei Mobilwerbung noch immer vorn. Doch Facebook konnte seinen Marktanteil laut eMarketer seit 2014 auf 21,7 Prozent vervierfachen, während Google von 52,6 auf 46,8 Prozent abrutschte.

Das ist Googles neues Hauptquartier
Google plant ein futuristisches Hauptquartier in Kalifornien unter gigantischen Glasdächern. Die zentrale Idee des Projekts sei Büroraum, den man frei umgestalten könne, erklärte der Internet-Konzern in einem Blogeintrag. Quelle: REUTERS
Innerhalb der langgezogenen Glaskuppeln sollen mehrstöckige Büroflächen nach Belieben umgebaut werden können – etwa wenn Teams für neue Produkte gebildet werden. Die Federführung bei dem Projekt haben der dänische Architekt Bjarke Ingels und der Brite Thomas Heatherwick. Quelle: REUTERS
Google wurde von den Gründern Larry Page und Sergey Brin einst in einer kalifornischen Garage gestartet. Aktuell sind die Google-Büros auf mehrere Gebäude-Komplexe in Mountain View verteilt, die früher von anderen Technologiefirmen genutzt wurden. Quelle: dpa
Wenn die nötigen Genehmigungen erteilt werden, sollen die ersten neuen Gebäude von Google am heutigen Sitz in Mountain View voraussichtlich zum Jahr 2020 fertig sein. Allerdings gibt es im Stadtrat von Mountain View einige Vorbehalte. So sagte ein Mitglied dem US-Sender ABC, man müsse die Folgen für den bereits starken Verkehr berücksichtigen und etwas gegen den Wohnraum-Mangel tun. Quelle: REUTERS
Google ist damit das nächste Schwergewicht der Online-Wirtschaft, das sich ein ambitioniertes neues Hauptquartier geben will. Apple baut bereits an einem riesigen kreisförmigen Gebäude in Cupertino, das Ende 2016 bezugsfertig sein soll. Quelle: REUTERS
Der Online-Händler Amazon plant in Seattle eine Zentrale in großen Glassphären, für das Entwürfe von dem renommierten Architekturbüro NBBJ stammen. Für Facebook entwarf der Stararchitekt Frank Gehry ein Haus mit bepflanztem Dach. (Foto: NBBJ) Quelle: dpa

Theoretisch ist die Lösung einfach: Google muss nur auf Smartphones seine Apps wie Google Suche, Navigationsdienste oder seinen E-Mail-Dienst Gmail besser vermarkten und als Einfallstore für das mobile Internet etablieren.

Doch unter den Augen der Wettbewerbshüter wird das schwierig – besonders, nachdem die dänische Kommissarin nun auch die Untersuchung wegen der Dominanz von Googles Android gestartet hat.

Das mobile Betriebssystem läuft laut US-Beratung Gartner auf 80,7 Prozent aller Smartphones weltweit. Im Raum steht der Vorwurf, dass Google Smartphone-Herstellern wie Samsung und HTC, die auf Android setzen, gezwungen hat, zusätzlich Google-Apps und -Dienste anzubieten.

Klar ist, dass Vestager nicht so kompromissbereit ist wie Vorgänger Almunia. Der Spanier hatte auf einen Vergleich mit Google gesetzt, damit sich der Fall nicht wie bei Microsoft jahrelang zieht. Doch weil Google nur zu kleinen Zugeständnissen bereit war, kam Almunia nicht weiter.

Gegen Google

Vestager hat keine Angst vor einer Wiederholung des Falls Microsoft. Ihre Leute bringen die Erfahrung aus diesen Verfahren nun in Sachen Google ein, allen voran Vize-Generaldirektor Cecilio Madero. Er gehörte 1999 zu den ersten Beamten, die mit Microsoft zu tun hatten. Anders als Almunia hört Vestager ihren Beratern zu.

In das Verfahren gegen Google bringt Vestager neue Dynamik. Sie sagt, dass der Fall für sie Priorität hat. „Die Geschwindigkeit, in der sie bisher vorgeht, unterstreicht ihre Entschlossenheit“, sagt Thomas Vinje, Anwalt von Fairsearch, einem Zusammenschluss von zwölf Beschwerdeführern gegen Google, unter ihnen Microsoft, Oracle und Nokia.

Auch in den USA hat sich die Stimmung gedreht, seit jüngst herauskam, dass Experten der US-Wettbewerbsbehörde FTC schon 2012 Auflagen erwogen, weil Google Suchergebnisse zugunsten eigener Dienste manipuliert haben soll. Google sei damals aus politischen Gründen verschont worden, meint John Simpson von der kalifornischen Verbraucherschutzorganisation Consumer Watchdog. „Ich bin optimistisch, dass die Europäer die Suchmanipulationen des Internet-Giganten beenden.“

IT



Vestager konzentriert sich zunächst auf den Preisvergleichsdienst Google Shopping und will so einen Präzedenzfall schaffen. Ihre Beamten haben Beweise, dass Google seinen eigenen Dienst bei Suchen an besonders gut sichtbarer Stelle platziert hat. Dies könnte auch bei spezialisierten Suchdiensten der Fall gewesen sein, etwa bei Reisen, Flügen, Hotels und Landkarten.

Die Kommissarin hält sich offen, das Verfahren auszuweiten. Ihre Beamten untersuchen auch, ob Google Web-Inhalte der Konkurrenz kopiert, Exklusivwerbung praktiziert und werbende Unternehmen einschränkt. „Sie hat noch viele Peitschen“, heißt es bei einem der beschwerdeführenden Unternehmen. „Google ist von Vestagers Herangehensweise geplättet“, sagt ein Manager eines anderen. „Die müssen sich erst einmal sortieren.“

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