Hannover Messe Indien will Investoren ködern

Auf der weltgrößten Industrieschau wirbt Indiens Regierungschef Narendra Modi für sein Land als neue Werkbank der Welt. Deutsche Unternehmer sind interessiert – auch, weil das Geschäft in China schwieriger wird.

Indiens Premierminister Narendra Modi Quelle: dpa

Egal, wo man hinschaut - fast überall auf dem Messegelände in Hannover blicken den Besucher von Plakatwänden, Pavillons und Stellwänden überdimensionale Löwen an. „Make in India“, steht darunter – der Slogan, mit dem der Subkontinent als Partnerland der Hannover Messe in diesem Jahr für sich als neuen Fertigungsstandort der Welt wirbt.

„Mal sehen, vielleicht kommen wir dann ja bald auf unserem Adler nach Indien eingeschwebt“, scherzt Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie am Montag in Hannover zusammen mit Indiens Premier Narendra Modi den Indisch-Deutschen Wirtschaftsgipfel eröffnet.

Indien in Zahlen

Dem wäre es sicherlich recht, wenn mehr Deutsche in sein Land kämen. Vor allem, wenn sie dort investieren. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde der Hindu-Nationalist, der aus dem Bundesstaat Gujarat einen boomenden Wirtschaftsstandort gemacht hat, mit überwältigender Mehrheit an die Macht gewählt. Jetzt will er zeigen, was sein Land deutschen Unternehmen zu bieten hat, wenn es darum geht, China als Werkbank der Welt Konkurrenz zu machen. Im Jahr 2025 soll die industrielle Produktion 25 Prozent zur Wirtschaftsleistung Indiens beitragen, von heute 15 Prozent.

Von den „Winds of Change“ spricht Modi in Hannover, die jetzt angeblich durch Indien wehen. 50 Millionen neue Häuser, verspricht der Inder, werde man bis 2022 bauen. Das Eisenbahnnetz modernisieren, Hochgeschwindigkeitsstrecken und neue Industriekorridore im ganzen Land bauen. Das Problem: Im Ankündigen großer und ehrgeiziger Projekte war Indien schon immer gut. Geht es dann aber an die Umsetzung, wird es oft schwierig.

Und doch: Immer mehr deutsche Firmen blicken mit Interesse auf den Subkontinent. Zum einen verliert China, wo die Zeiten des ganz großen Booms endgültig vorbei zu sein scheinen und die politischen Beschränkungen für Unternehmen aus dem Ausland immer komplizierter werden, an Attraktivität. Gerade Mal 1,5 Prozent mehr Pkw als im Vorjahr hat etwa die VW-Tochter Audi im März in China verkauft. Die Zeiten von Zuwächsen von 20 und mehr Prozent sind unwiederbringlich vorbei.

Zum anderen hat Indiens Regierungschef Modi ein starkes Mandat. Anders als viele Vorgängerregierungen muss er nicht in einer Koalition mit vielen Parteien regieren und kann deshalb Veränderungen schneller durchsetzen.

Fakten und Hintergründe zu Indien

„Es war ein guter Schachzug der Hannover Messe, Indien in diesem Jahr zum Partnerland zu machen, denn es tut sich was im Land“, sagt Merkel. Rund 1500 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in Indien; in China sind es mehr als 5000. Doch die Deutschen wollen ihre Präsenz in Indien verstärken.

Der Autozulieferer Schaeffler etwa beschäftigt auf dem Subkontinent derzeit 3000 Mitarbeiter, und es sollen in den kommenden Jahren mehr werden. Derzeit bildet der Konzern aus dem fränkischen Herzogenaurach etwa 60 junge Inder nach dem Muster der weltweit bewunderten deutschen dualen Ausbildung aus.

Chinas großes Plus als Werkbank der Welt ist die funktionierende Infrastruktur. Straßen, Häfen, Flughäfen sind auf modernstem Stand, die Stromversorgung ist sicher. Dazu kommt die weit verzweigte Zulieferindustrie in China.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

„Es gibt keinen Grund, warum Indien weniger industrialisiert sein sollte als China“, sagt Siemens-Chef Joe Kaeser in Hannover. Aber die Regierung müsse jetzt schnell den richtigen regulatorischen Rahmen setzen, mahnt er, müsse die Energieversorgung verbessern, die Infrastruktur modernisieren und endlich das Bildungssystem auf Vordermann bringen. Kaeser: „Das Potenzial ist da.“

Jede von Kaesers Forderungen allein ist eine Herkulesaufgabe, und es dürfte eher Jahrzehnte als Jahre dauern, bis das Land hier spürbare Fortschritte erzielt. Schlimmer aber: Über alle Punkte diskutieren die verschiedenen indischen Regierungen seit Jahrzehnten, passiert ist sehr wenig.

Beim mächtigen Nachbarn im Norden gehen die Dinge oft schneller. „In China trifft man eine Entscheidung, und dann wird gesagt, in welche Richtung es geht“, sagt Kaeser. In Indien dagegen werde eine Entscheidung gefällt. Dann aber werde keine Richtung vorgegeben, sondern ein weiteres Meeting einberufen, um den Beschluss zu diskutieren, erzählt der Siemens-Chef. Viel Arbeit für Modi. Doch wenn einer das Ruder herumreißen kann, dann er.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%