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„#Heimkommen“-Spot Edeka und der vorgetäuschte Tod

Nach dem fröhlichen „Supergeil“-Tanz polarisiert Edeka nun mit einem Weihnachtsspot: Ein einsamer Mann täuscht seinen Tod vor, damit ihn seine Kinder besuchen. Werber feiern den Spot als „Emotionsbenchmark“.

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Quelle: dpa

Düsseldorf Ich muss erst tot sein, damit mich meine Kinder endlich mal wieder besuchen. Wie viele ältere Menschen werden diesen makabren Gedanken wohl hegen? Vor allem jetzt, in der Vorweihnachtszeit, wenn das Werbefernsehen ein nicht enden wollendes Hohelied auf die lustig gackernde Großfamilie unterm geschmückten Tannenbaum feiert. Wenn etwa im Spot von Ikea eine fröhlich in Backmehl badende Kinderschar gezeigt wird.

In seinem neuen Weihnachtsspot spielt der Lebensmittelhändler Edeka mit diesem Gefühl. Ein trauriger alter Mann bekommt Jahr für Jahr eine Abfuhr von seinen Kindern, nein, dieses Jahr passe ein Weihnachtsbesuch leider gar nicht, nächstes Jahr, bestimmt. Und so gehen die Jahre ins Land, und der alte Mann sitzt alleingelassen unterm Tannenbaum und vertilgt sein Festessen.

Dann kommt ihm eine Idee, wie sie wohl nur die krawalligen Werber der Agentur Jung von Matt haben können: Der Mann verschickt Trauerkarten über sein eigenes Ableben an seine Kinder und weckt damit endlich wieder Gefühle bei ihnen. Sie eilen nach Hause, schwarz gekleidet, mit Tränen in den Augen – um im heimischen Wohnzimmer auf einen fröhlichen Vater samt gedecktem Esszimmertisch zu stoßen. Der knusprige Weihnachtsbraten wird serviert, aus Trauertränen werden Freudentränen.

Der Spot, der den jahreszeitlich adäquaten Titel „#Heimkommen“ trägt, fegt rasend schnell durchs Internet. Allein in den ersten Tagen gab es fast 5 Millionen Klicks über die Onlineplattform Youtube. „Weihnachtssensation“, titelte am ersten Adventssonntag das Magazin „Werben & Verkaufen“. Jens Pfau, Kreativer der Agentur Jung von Matt, ist der Kopf hinter der Edeka-Kampagne.

Auf sein Konto ging vor knapp zwei Jahren auch schon der Spot „Supergeil“, der in die Werbegeschichte einging. Der vielfach ausgezeichnete Werbefilm mit dem Berliner Künstler Friedrich Liechtenstein wurde bis heute 15 Millionen Mal angeklickt. So etwas gab es noch nie.

Und nun „Heimkommen“. Neben dem anrührenden Film gibt es ein Gewinnspiel, das Fotos zum Thema auszeichnet. Der Kampagnensong „Dad“ steht zudem zum kostenlosen Download auf der Plattform Soundcloud parat. Alles in allem ein umfassendes Heimkommen-Paket. Doch anders als sein Vorgänger „Supergeil“ findet der neue Spot nicht nur Anhänger im Internet. Der vorgetäuschte Tod ist für manche Zeitgenossen dann doch zu harter Tobak. „Geschmacklos“, schreiben einige der Kritiker auf sozialen Medien, „völlig deplatziert“, meinen andere.


Bedeuten hohe Klickzahlen auch mehr Umsatz?

Das sieht Ralf Heuel, Kreativchef der Agentur Grabarz & Partner völlig anders. „Das ist eine sehr beeindruckende Arbeit“, meint er. Die Regieleistung von Alex Feil sei überragend, er habe das Thema sensibel und ohne jede Häme erzählt. Der Spot werde viele Menschen dazu ermuntern, ihre Beziehung zu den Eltern zu hinterfragen, ist der Kreative überzeugt. „Ich habe großen Respekt vor dem Mut der Marke, so etwas zu tun“, sagt Heuel.

Für dieses Kampagnenjahr sei der Spot die „Emotionsbenchmark“. Das Lob aus seinem Mund ist insofern doppelt zu rechnen, da er einst den Kunden Edeka betreute und die Kampagne „Wir lieben Lebensmittel“ erfand, bevor die Agentur Jung von Matt den lukrativen Werbeetat bekam.

Wie schon im Fall des Kampagnenüberfliegers „Supergeil“ kommen allerdings bereits erste Stimmen auf, die danach fragen, welchen Wert die provozierende Reklame am Ende überhaupt für die Marke Edeka habe. Bedeuten die hohen Klickzahlen im Internet tatsächlich, dass der Händler in der Käufergunst steigt? Bei Edeka gibt man sich gelassen. „Die Kommentare zeigen, dass er viele Menschen bewegt“, teilte das Unternehmen am Montag mit.

Maik Luckow, Sprecher der Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft fügt hinzu: Das Echo auf den Edeka-Spots zeigt für ihn, dass Werbung und gesellschaftliche Themen zusammenpassten. Schon die Debatte sei da ein Erfolg. „Auf jeden Fall ist man im Gespräch.“

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