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IBM senkt Prognose Konzern muss schrumpfen, um zu wachsen

Zum vierzehnten Mal in Folge hat IBM rückläufige Umsätze verzeichnet. Daher streicht der IT-Riese seit Jahren Stellen, auch in Deutschland. Big Data, die Cloud und künstliche Intelligenz sollen endlich die Wende bringen.

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IBM-Weltchefin Rometty im Rückwärtsgang. Quelle: AP, rtr, Montage

Als Virginia Rometty im Januar 2012 als Chefin des IT-Giganten IBM antrat, verkündete sie Visionäres. Das Fazit ihrer Antrittsbotschaften: „Big Blue“, wie der Konzern aus Armonk im US-Bundesstaat New York genannt wird, erwarte eine „radikale und beständige Transformation“. In gewisser Weise hat die Chefin ihre Ankündigungen von einst wahr gemacht – nur ganz anders als wohlmeinende Beobachter und wohl auch sie selbst das seinerzeit gedacht hatten.

Wenn es um IBM auch ruhiger bestellt sein mag als um den ständig mit Negativschlagzeilen kämpfenden Erzrivalen Hewlett-Packard (HP), so steckt der einstige IT-Pionier doch in der Krise. Die „beständige Transformation“ hat IBM bisher eher schwächer als stärker, kleiner und nicht größer gemacht. Erst Montag (Ortszeit) musste der Konzern einen Umsatzrückgang von 14 Prozent vermelden - das vierzehnte Quartalsminus in Folge. Weltweit baut IBM Stellen ab, auch in Deutschland. Seit die 58-jährige Rometty, Spitzname „Ginny“, den Konzern führt, ist der Umsatz um zwölf Prozent eingebrochen (siehe Grafik).

Umsatz und Gewinn von IBM

Die Aktie hat seitdem gar 20 Prozent verloren, trotz Börsenbooms und milliardenschweren Aktienrückkäufen. Und die Analysten erwarten weitere Umsatzrückgänge. Denn IBM verabschiedet sich auch unter Rometty konsequent von Produkten, mit denen das Unternehmen einst mächtig wurde. Ihre Vorgänger hatten sich bereits von Hardware wie PCs, Festplatten und Druckern getrennt und stattdessen das Servicegeschäft ausgebaut. Rometty entledigte sich zusätzlich der günstigen Großrechner (Server) und bezahlte US-Auftragsfertiger Global Foundries rund 1,5 Milliarden Dollar, damit er die Chipfertigung übernimmt. Rometty sagt: „Wir müssen schrumpfen, um in Zukunft stärker zu sein.“Nur läuft ihr so langsam die Zeit davon. Immer deutlicher wird: Rometty plant die Zukunft nicht unbedingt strategisch, sie wettet auf sie. Und das gleich vier Mal: auf den Erfolg der Cloud Dienste, der Datenanalyse, der Computersicherheit und der Mobilanwendungen.

Diese vier Felder sollen IBM wieder zu Wachstum verhelfen. Dazu hat Rometty etwa eine Allianz mit Twitter zur Auswertung großer Informationsmengen, Big Data genannt, geschlossen. Und sie hat sich mit Apple verbündet, um gemeinsam Mobilanwendungen bei Geschäftskunden voranzutreiben (WirtschaftsWoche 26/2015). Die Bereiche haben im ersten Halbjahr etwa 30 Prozent an Umsatzwachstum verbucht und machen mittlerweile etwa ein Drittel von IBMs Gesamtumsatz aus.

Es geht also in die richtige Richtung – aber langsamer und beschwerlicher als gedacht. So wie beim Cloud Computing, übers Internet offerierte Software oder Speicherplatz. Ein gigantischer Wachstumsmarkt, der laut IT-Marktforscher IDC im Bereich Cloud-Infrastruktur – dem Segment von IBM – bis 2019 von heute 29 auf dann fast 48 Milliarden Euro wachsen soll.

Die wertvollsten Markennamen der Welt

Das Problem für IBM: Anders als früher hat es der Konzern in diesem Geschäft mit starken Wettbewerbern wie etwa Amazon zu tun. Auch Microsofts neuer Chef Satya Nadella baut die eigene Cloud-Sparte aus. IBM liegt US-Marktforscher Synergy Research zufolge derzeit auf Platz drei mit 7 Prozent Weltmarkanteil – hinter Microsoft mit 11 und Amazon mit 29 Prozent.

Jahrzehntelang hat IBM das IT-Geschäft mit Behörden beherrscht. Doch damit ist es vorbei. Noch immer belastet den Riesen aus Armonk, dass ihm Amazon vor zwei Jahren einen schon sicher geglaubten Cloud-Vertrag mit dem US-Nachrichtendienst CIA im Wert von knapp 530 Millionen Euro wegschnappte. Der Protest gegen die Entscheidung machte alles noch schlimmer: Denn die Prüfer des US-Rechnungshofs bestätigen zwar, dass IBMs Angebot weitaus günstiger war. Doch Amazon punktete mit größerer Erfahrung und Flexibilität, was Risiken reduzierte und damit den Mehrpreis rechtfertigte. Die CIA ist hochzufrieden mit Amazon. Was sich unter den Behörden herumgesprochen hat: Die US-Luftverkehrsbehörde FAA überging jüngst ebenfalls IBM und beauftragte Amazon und Microsoft.

Kosten senken

Im Feld der künstlichen Intelligenz beeindruckt IBM zwar seit Jahren mit den Fähigkeiten seines Supercomputers Watson, der alle möglichen Fragen beantworten und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Datentypen erkennen kann. Er soll dabei helfen, richtig zu entscheiden – zum Beispiel bei der Behandlung von Krankheiten wie Krebs. Mit solchen selbstlernenden Systemen – Neudeutsch Cognitive Computing genannt – sollen Anbieter dieses Jahr weltweit rund eine knappe Milliarde Euro umsetzen, 2020 sollen es dann 13 Milliarden Euro sein, schätzt der deutsche Digitalverband Bitkom. Doch auch hier ist unklar, wie viel IBM von diesem Markt erobern kann. Die Konkurrenz ist mit Microsoft, Google, Amazon und Facebook groß.

Angesichts unklarer Aussichten und schwindendem Stammgeschäft will die IBM-Spitze um Rometty weiter mit aller Macht Kosten senken: Erst kürzlich hat Finanzchef Martin Schroeter angekündigt, weltweit 200 Millionen Dollar für „Workforce rebalancing“ zurückzustellen, wie es im IBM-Sprech so schön heißt. Dahinter verbirgt sich zwar auch das Einstellen neuer Leute, vor allem aber das Abbauen von Jobs.

Die Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz

Genau das passiert seit vielen Jahren auch und gerade in Deutschland, bisher noch konzerntypisch fast geräuschlos. „Es gibt nichts, was Leute bei IBM mehr verunsichert als Überraschungen“, sagte mal ein hochrangiger Manager hinter vorgehaltener Hand. Soll heißen: Wenn Wandel bei „Big Blue“, dann behutsam. So hat der Konzern nach Berechnungen der WirtschaftsWoche seine Belegschaft in Deutschland zwischen 2007 und 2015 von fast 21.000 auf nunmehr rund 16.500 Beschäftigte reduziert – ein Minus von fast 22 Prozent.

Martina Koederitz Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Demnächst könnte es mit dem geräuschlosen Abbau vorbei sein, fürchtet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: So hat die Geschäftsführung um Deutschland-Chefin Martina Koederitz Mitte September angekündigt, die Tochtergesellschaft IBM Deutschland Enterprise Application Solutions GmbH mit Sitz in Ehningen zum 31. August 2016 zu schließen – und erstmals betriebsbedingte Kündigungen in Aussicht gestellt. Das betrifft zwar höchstens rund 120 Mitarbeiter; derzeit kämpft Verdi noch um die Beschäftigungssicherung.

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„Die Schließung der IBM EAS GmbH kann aber als Blaupause für weitere Personalmaßnahmen in Deutschland dienen, wenn die Vorgaben aus Armonk nicht erreicht werden“, fürchtet Bert Stach, zuständig bei Verdi für IBM und Mitglied des lokalen Aufsichtsrats. „IBM wird diesen Schritt so sozialverträglich wie möglich gestalten und gemeinsam mit dem Betriebsrat eine für beide Seiten einvernehmliche Lösung suchen“, heißt es aus der Zentrale in Ehningen. Weitere Pläne wolle man nicht kommentieren.

Trotz des ständigen Schrumpfens: Zumindest einen prominenten Anhänger hat Rometty noch, der sich sogar über den sinkenden Aktienkurs freut. Berkshire Hathaway ist weiter mit 8,2 Prozent größter Anteilseigner von IBM. Dessen Chef, der legendäre Investor Warren Buffett, hat die Schwäche genutzt und gezielt nachgekauft. Seine Verluste mit dem IBM-Investment stören ihn nicht. „Wir investieren immer langfristig.“ Er setzt weiter darauf, dass Romettys Strategie das versprochene Wachstum bringt – auch wenn es länger dauern sollte.

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