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Informationskrieg Iran und Russland stürzen Facebook in ein Dilemma

Facebook-Chef Mark Zuckerberg steht vor einem Dilemma. Quelle: dpa

Facebook hat vom Iran und Russland gesteuerte Propaganda „aktiv“ enttarnt. Doch der vermeintliche Erfolg birgt für Unternehmenschef Mark Zuckerberg Risiken.

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Facebook hat Hunderte von Seiten und Konten entdeckt und entfernt, die vom Iran sowie dem russischen Geheimdienst eingerichtet und betrieben wurden. Zwar hätten die Urheber ähnliche Taktiken zum Aufsetzen und Verschleiern ihrer Aktivitäten genutzt. Doch bislang ist unklar, ob sie miteinander kooperiert haben. Diesmal ging es nicht vorranging darum, Amerikaner zu beeinflussen. Im Fall von Iran wurde vor allem Stimmung gegen Israel und Saudi-Arabien gemacht und für ein Aufheben der Wirtschaftssanktionen gegen den Mullah-Staat geworben. Die Russen wiederum hätten Syriens Machthaber Assad publizistische Schützenhilfe geleistet.

Dass Regierungen und ihre Geheimdienste getarnt über soziale Medien wie Facebook Propaganda betreiben und versuchen, ihre Kritiker auszuforschen, ist inzwischen bekannt. Brisant ist jedoch die Art und Weise, wie die Entdeckung angekündigt wurde. Und dass Facebook einräumen musste, dabei von externer Seite Hilfe bekommen zu haben.

Es zeigt, dass die Nerven im Hauptquartier in Menlo Park blank liegen. Zu Recht. Denn Iran und Russland sind die Top-Reizwörter in Washington. Nur China fehlt noch im Reigen. Hitzig debattieren US-Politiker darüber, wie soziale Medien reguliert werden sollen.

Im September finden dazu erneut Anhörungen vor dem US-Kongress statt, bei denen diesmal auch die Zuckerberg-Stellvertreterin Sheryl Sandberg Rede und Antwort stehen soll. Dass es dabei ungemütlich wird, ist sicher. Denn Sandberg gilt als Nachwuchshoffnung der Demokraten. Prominente Republikaner wie der texanische Senator Ted Cruz werfen Facebook vor, „gezielt Inhalte mit konservativem Gedankengut zu zensieren.“ Dass der rechte Verschwörungstheoretiker Alex Jones jüngst nicht nur von Facebook, Apple und Youtube, sondern auch von Twitter gesperrt wurde, ist Wasser auf ihre Gebetsmühlen vom linksgerichteten Silicon Valley. Zumal Microsoft am Dienstagmorgen bekanntgab, russische Hackergruppen beim Angriff auf Webseiten republikanischer Politiker und konservativer Think-Tanks gestoppt zu haben.

Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg informierte am Dienstag höchstpersönlich in einer eilig anberaumten Telefonkonferenz um 16.30 Uhr kalifornischer Zeit über den Stand der Ermittlungen gegen die russischen und iranischen Seiten. In der US-Bundeshauptstadt Washington hatte der Abend bereits begonnen. Normalerweise finden solche Ankündigungen am frühen Nachmittag kalifornischer Zeit statt, nach dem Börsenschluss um 16 Uhr in New York, allerdings noch vor dem Feierabend an der Ostküste. Es scheint, dass der Facebook-Chef fürchtete, dass die Ermittlungen durchsickern und von außen bekanntgegeben werden könnten.

Beim Cambridge-Analytica-Skandal hatte Facebook das Datenleck bewusst unter der Decke zu halten versucht. So ein Vertuschen, hatte Zuckerberg öffentlich geschworen, werde nie wieder vorkommen. Deshalb muss er auch den leisesten Vorwurf vermeiden, die Öffentlichkeit im Dunkeln zu halten. „Wir haben von reaktiv auf proaktiv umgestellt“, betonte Zuckerberg in der Telefonkonferenz. Man kooperiere neben dem Entwickeln der nötigen Werkzeuge für das Enttarnen von gefälschten Nutzerkonten auch mit den Behörden der USA sowie anderer Länder. „Das hat Top-Priorität bei uns.“

Allerdings scheinen die rund 20.000 Facebook-Mitarbeiter, die von Maschinen vorgefilterte, verdächtige Inhalte beurteilen müssen, dafür nicht zu reichen. Denn die iranische Verwicklung wurde von dem Sicherheitsunternehmen FireEye, auch bekannt durch das Enttarnen von Hackerangriffen des chinesischen Militärs, im Juli entdeckt und Facebook gemeldet.

Zuckerberg steckt im Dilemma. Einerseits muss er nachweisen, gegen den Missbrauch seiner Plattform aktiv vorzugehen, um staatliche Regulierung zumindest einzudämmen. Andererseits riskiert er, dass mit der steigenden Zahl an publizierten Attacken das Vertrauen in das soziale Netzwerk weiter schwindet und sich früher oder später in den Werbeeinnahmen niederschlägt. Oder gar sein Geschäftsmodell gefährdet.

Zumal von den Attacken nicht nur Facebook, sondern auch die Wachstumshoffnung Instagram betroffen war. Doch Zuckerberg wird wohl nicht vermeiden können, dass ihn die Politiker an die Kandare nehmen. Denn ihnen ist klar geworden, dass soziale Medien längst zu einer Waffe im Informationskrieg geworden sind. „Die Iraner folgen dabei der Blaupause der Russen“, kommentierte Mark Warner, US-Senator der Demokraten für den US-Bundesstaat Virginia die jüngsten Enthüllungen. Warner setzt sich dafür ein, dass Tech-Unternehmen die Daten ihrer Kunden schützen müssen und nicht für eigene Geschäftszwecke gebrauchen. Das würde Facebook und Twitter die Geschäftsgrundlage entziehen. Es ist eine Maximalforderung, die in Warners eigener Partei umstritten ist und wohl als Waffe für Zugeständnisse gedacht ist.

Im November stehen die Zwischenwahlen in den USA an. Die Republikaner könnten die Mehrheit in beiden Kammern verlieren, was US-Präsident Trump nahezu handlungsunfähig machen würde. Trump, selber fleißiger Social-Media-Propagandist, hat bereits öffentlich gemutmaßt, dass ein schlechtes Abschneiden seiner Partei im Interesse Russlands und China liege. Facebook hat eine Zielscheibe auf dem Rücken.

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