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Intel Die Rückkehr des Chip-Veteranen?

Vor seiner Rückkehr zu Intel hatte der neue Chef, Pat Gelsinger, den Chefposten beim US-Techkonzern VMware inne. Quelle: REUTERS

Der neue Intel-Chef Pat Gelsinger macht Druck. Sein Plan, einer der größten Chip-Auftragsfertiger der Welt zu werden, ist kühn – und problematisch. Konflikte mit der Konkurrenz aus Asien sind programmiert.

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Kann der neue Intel-Chef Pat Gelsinger seinen Konzern aus seinem „Dornröschen-Schlaf“ erwecken? Wie im Märchen ist der traditionsreiche kalifornische Halbleitergigant unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten immer noch eine Schönheit – umsatzstark und profitabel, dank erhöhter Nachfrage nach Notebooks wegen Corona mit neuem Rekordumsatz.

Doch zugleich ist Intel in eine Art Dämmerschlaf versunken, träge geworden, streckt sich nicht mehr. Die schnellsten Computerprozessoren stammen heute von Konkurrent AMD. Der wertvollste Chiphersteller der Welt kommt mit dem Auftragsfertiger Taiwan Semiconductor Manufacturing aus Asien. Der zugleich in der Fertigung mindestens eine, vielleicht sogar zwei Generationen vor Intel ist, das seit Jahren von Produktionsproblemen geplagt wird.

Am Dienstagnachmittag kalifornischer Zeit hat der ehemalige VMware-Chef, der seine Karriere einst im zarten Alter von 18 Jahren bei Intel startete und dort drei Jahrzehnte arbeitete, per Video seinen Plan vorgestellt. Überschrieben mit „Intel unleashed“ – also Intel von der Leine gelassen. Eine dreißigminütige Rede, gespickt mit Superlativen und voller Enthusiasmus. „Wir feuern auf allen Zylindern“, jubiliert Gelsinger. „Intel ist wieder zurück!“ Oder: „Unsere besten Tage liegen vor uns.“ Mehr noch: „Wir wollen der Weltmarktführer in jeder Kategorie von uns sein.“ Assistiert wird er dabei von zwei zugeschalteten Schwergewichten der Branche – Microsoft-Chef Satya Nadella und IBM-CEO Arvind Krishna. Beide loben seine „kühne Strategie“. Gelsinger wirkt souverän. Man nimmt ihm ab, dass er die IT-Branche wie kaum ein anderer kennt und vor allem die Stärken und Schwächen seines neuen und alten Arbeitgebers, „in dessen Hallen ich aufgewachsen bin“. (O-Ton).



Doch markige Worte allein, das weiß auch Gelsinger, verleihen Intel nicht automatisch mehr Dynamik. Sein Plan aber ist tatsächlich ambitioniert und ergibt Sinn. Zugleich ist er problematisch. Der Kern: Intel bleibt dabei weiter Chips herzustellen und wird seine Produktionskapazität mit gleich zwei neuen Werken in Arizona ausbauen. Dafür werden zwanzig Milliarden Dollar investiert, die 15.000 neue Jobs schaffen sollen. Auch in Europa, wo Intel mehr als zehntausend Leute beschäftigt, wird ausgebaut, vor allem in Irland, aber auch in Deutschland und Polen. Die europäischen Produktionskapazitäten sollen laut Christin Eisenschmid, Geschäftsführerin von Intel Deutschland und eine von Intels Cheflobbyisten, verdoppelt werden.

Mehr noch: Intel strebt an, einer der größten Auftragsfertiger der Welt zu werden, also nicht nur eigene Prozessoren zu fertigen, sondern auch für andere tätig zu werden. Für Partner wie Microsoft, Amazon und IBM.
Vielleicht sogar für den Apple-Konzern, der die Intel-Prozessoren in seinen Macs gerade von selber entwickelten Chips auf Arm Basis austauscht und diese von Samsung und TSMC fertigen lässt. Zugleich will Intel wie bislang mit führenden Auftragsfertigern wie TSMC und Samsung zusammenarbeiten, die man wegen der gegenwärtigen Fertigungsprobleme dringend benötigt.

Aber warum sollten Kunden wie Amazon, Microsoft oder Apple Intels Dienste als Auftragsfertiger nutzen, wo der Konzern doch in der Fertigungstechnologie hinterherhinkt? Das war schließlich einer der Gründe, warum Apple sich von Intel löste, um nicht ins Hintertreffen zu geraten und sein Schicksal besser zu kontrollieren.

Gelsinger ficht das nicht an. Intel habe seine Herausforderungen mit der 7nm Fertigung in den Griff bekommen, betont er mehrfach. „Wir haben das Problem erkannt und behoben.“ Der erste 7nm Prozessor – Arbeitstitel Meteor Lake – komme im zweiten Quartal. TSMC fertigt allerdings schon 5nm, peilt 3nm an und wird dieses Jahr, getragen vom Höhenflug an der Börse, rund 28 Milliarden Dollar investieren, um seine Weltmarktführerschaft zu verteidigen.

Bleibt das Problem, dass Intel einerseits auf TSMC und Samsung setzt, um ihnen andererseits stärker Wettbewerb zu machen. Konflikte sind damit programmiert. Doch Gelsinger beschwichtigt, dass seine Branche solche Szenarien schon seit vielen Jahren kenne und durchlebe, im Fachjargon „Coopetiton“ genannt, ein Kunstwort aus Wettbewerb und Kooperation. Schließlich sei der Markt groß: „Die Welt giert nach Halbleitern.“ Etwas irritierend ist allerdings, dass er gleich mehrfach betont, welch großes Patentportfolio sein Konzern besitze. Selbst wenn das keine versteckte Drohung sein sollte, die Zusammenarbeit mit anderen Auftragsfertigern macht das nicht gerade einfach.

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