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Internet Die geheime Macht der Vergleichsportale

Banken und Versicherungen, Energie- und Reiseanbieter müssen sich mit Online-Portalen arrangieren. Goldene Zeiten also für König Kunde? Von wegen.

Onlineportale locken mit traumhaften Angeboten, bedienen sich aber mitunter übler Tricks. Quelle: dpa

Der finale Preisvergleich kommt dezent daher. Das abgedunkelte Foto auf der Internet-Seite von bestattungsvergleich.de zeigt ein waldumrandetes Feld, der Himmel darüber ist wolkenverhangen. Nur ganz am Rand blitzen ein paar Sonnenstrahlen aus den Baumwipfeln. Über dem Bild prangt der Schriftzug: „Mit uns finden Sie den passenden Bestatter.“ Einfach die Postleitzahl eingeben, „kostenlos Preise und Leistungen vergleichen“ und nie wieder zu viel bezahlen. Versprochen!

Pietäts-Puristen mögen murren. Doch der Tarifcheck im Trauergewerbe fügt sich nahtlos ein in die neue Welt des Vergleichens. Egal, ob Taxifahrt oder Fernbusreise, Augen- oder Brust-OP – für jede erdenkliche Leistung gibt es inzwischen Online-Rechner und Smartphone-Apps, die die vermeintlich beste Offerte aus der Flut der Angebote im Netz herausfiltern. Billiger – so ihre Botschaft – geht es immer.

Billiger – das ist das Reizwort, das Deutschlands Verbraucher seit jeher elektrisiert und das nun zur Antriebskraft für die nächste Stufe der Digitalisierung im Dienstleistungssektor wird. Bisher haben die Deutschen im Netz vor allem standardisierte Angebote und Produkte verglichen. Doch inzwischen scannen immer mehr Verbraucher auch komplexe Verträge über die Portale.

Zahlen zu Vergleichsportalen von Umzugsspeditionen

Was nach einer trivialen Entwicklung klingt, ist in Wahrheit ein gewaltiger Umbruch, vergleichbar wohl nur mit der Geschäftsausweitung im klassischen E-Commerce. Die großen Online-Shops verkauften anfangs nur Bücher und CDs. Inzwischen bieten sie das komplette Warensortiment feil und walzen nebenher über den klassischen Einzelhandel hinweg.

Neue Spielregeln

Ein ähnlicher Strukturwandel könnte nun Finanz- und Touristikhäuser, Energie- und Telekomanbieter erschüttern. Durch das Erstarken der Portale werden die Spielregeln auf Milliardenmärkten neu definiert – für alle Beteiligten:

-Die Konzerne drohen den Zugang zu ihren Endkunden zu verlieren. Um gegenzusteuern, pumpen die arrivierten Anbieter zig Werbemillionen in Richtung Netz, lichten ihre Filialstrukturen aus und sortieren Vertrieb und Marketing neu.

-Die Portale kämpfen erbittert um das Geschäft der Zukunft und dehnen ihre Vergleichsleistungen auf alle Lebensbereiche aus – auch zulasten der Gewinne. Eine Konsolidierung ist daher auf Dauer unausweichlich.

-Die Verbraucher können einerseits immer mehr Konditionen und Verträge im Internet vergleichen. Andererseits erweist sich die vermeintliche Schneise der Transparenz, die die Online-Listen ins Dienstleistungsdickicht schlagen, oft als teure Maut-Trasse. Mit allen Tricks promoten die Portale ihre Kooperationspartner und pushen so vor allem die eigenen Provisionen.

Am ruppigsten geht es derzeit wohl bei der Vermittlung von Umzugsunternehmen für den Wohnungswechsel zu. Aber auch wer seinen Sommerurlaub plant, sollte allzu sonnige Versprechen der Reiseseiten mit Skepsis quittieren.

Zahlen zu Vergleichsportalen der Reiseanbieter

Ein wilder Mix aus Pantoffeln, Sneakers und Stiefeln ziert den Eingangsbereich des Büro-Lofts am Berliner Ostbahnhof. Im Hintergrund des hallenhohen Raums sitzen junge Menschen vor Bildschirmen und verrichten ihr digitales Tagwerk für das Reisevergleichsportal Kayak. Telefone klingeln, englische Gesprächsfetzen mischen sich mit dem Baulärm von draußen, wo der Umbau des alten Fabrik-Areals in vollem Gange ist. Deshalb auch die vielen Schuhe vor der Tür, sagt Deutschland-Chefin Julia Stadler Damisch: Um die frisch verlegten Dielen nicht mit grauem Baustellenschlier zu ruinieren, würden viele Mitarbeiter am Eingang ihre Fußbekleidung wechseln.

Ein globales Schwergewicht

Ein wenig passt die Sauberkeitsoffensive auch zur Mission des Unternehmens: Die Gruppe, die in Deutschland vor allem über den Flugvergleichsableger Swoodoo bekannt ist, verspricht, Durchblick zu schaffen in einem Markt, der als ähnlich transparent gilt wie ein Glas Milch.

Kayak gehört zu den globalen Schwergewichten unter den Reiseportalen. In 40 Ländern sind die Amerikaner präsent und rastern nach eigenen Angaben die Angebote von 500.000 Hotels, 550 Airlines, 36.000 Mietwagenstationen und 320 Reiseveranstaltern. Als eine Art Meta-Suchmaschine, die die Ergebnisse anderer Reiseseiten nach Preisen bündelt, sieht Kayak-Managerin Stadler ihr Unternehmen.

Heißer Kampf um die Touristik

Das tut auch not: In kaum einer anderen Branche tummeln sich so viele Vergleichs- und Vertriebsportale wie in der Touristik. Marken wie Expedia, Opodo, weg.de, Fluege.de, booking.com oder Ab-in-den-Urlaub rangeln um Kundschaft.

Dabei geht es mitunter so robust zu wie beim Handtuchkampf um die beste Liege am Pool, schließlich fließen für jede vermittelte Reise Provisionen an die Portalbetreiber. Lockmittel sind schöngerechnete Preisangaben. So werden zusätzliche Gebühren etwa für die Buchung per Kreditkarte gerne erst im letzten Schritt aufgeschlagen. Ebenfalls beliebt: Viele Anbieter versuchen, ihren Kunden teure Versicherungen aufzuschwatzen.

Als einfallsreicher Preisgestalter hat sich die Leipziger Unister-Gruppe hervorgetan. Mit zig Werbemillionen hat das Unternehmen Internet-Seiten wie Ab-in-den-Urlaub und fluege.de zu Verkaufsmaschinen gepäppelt.

Zahlen zu Mobilfunkpreisportalen

Verbraucherschützer sprachen Warnungen aus, weil fluege.de Zusatzkosten zu spät und Reiseversicherungen unzulässig darstelle. Im Januar legte die sächsische Generalstaatsanwaltschaft zudem eine Anklage gegen fünf leitende Manager des Internet-Unternehmens vor, unter ihnen Unister-Gründer Thomas Wagner. Den Leipzigern wird der unerlaubte Vertrieb von Versicherungsprodukten, Steuerhinterziehung und strafbare Werbung vorgeworfen. Die Beschuldigten wehren sich gegen die Vorwürfe, Unister will zu dem laufenden Verfahren nicht Stellung nehmen.

Pauschalreisen bleiben in der Hand der Touristikbüros

Trotz solcher Vorgänge ist der Online-Trend ungebrochen. 9729 Reisebüros zählte der Deutsche Reiseverband (DRV) im vergangenen Jahr, 2004 waren es noch 13.753. Trotzdem stieg der Gesamtumsatz der Büros im gleichen Zeitraum von 20,5 auf 22,7 Milliarden Euro.

Der Niedergang traf also nicht alle Anbieter gleichermaßen, sondern fegte vor allem die Tante-Emma-Läden unter den Reisebüros sowie Geschäftsreisespezialisten vom Markt. Kein Wunder: Bei Hotel- und Flugbuchungen wildern die Online-Dienste besonders stark. Der Verkauf klassischer Reise-Kombis, etwa für den Jahresurlaub im sonnigen Süden, ist dagegen nach wie vor eine Domäne der niedergelassenen Touristiker. 85 Prozent aller Pauschalreisen werden laut DRV über Reisebüros verkauft. TUI-Chef Friedrich Joussen erwartet, dass das auch so bleibt. Der stationäre Vertrieb werde „auf absehbare Zeit der wichtigste Absatzkanal bleiben“, sagte der Frontmann des Reisekonzerns Ende März.

Warum die Deutschen Versicherungsportale nutzen

Möglich, dass Joussen bei derlei Prognosen an seinen früheren Job als Deutschland-Chef von Vodafone denkt. Beim Vertrieb von Handyverträgen ist der Einfluss der Portale überschaubar. Kein Wunder: Wer nach einem neuen iPhone oder Samsung-Smartphone schmachtet, sucht ein Status-Symbol. Es geht um das Gerät, weniger um die Vertragsdetails. So steigt bei etlichen Mobilfunkanbietern derzeit sogar die Bedeutung des Offline-Vertriebs, zeigt eine Analyse des Frankfurter Marktforschers M&L Mauer Marketing Services.

Ausschau nach Übernahmezielen

E-Plus etwa stockte sein Filialnetz von 1051 auf 1375 Outlets auf, bei der Telekom und bei O2 blieb die Zahl weitgehend konstant. Wichtig sind die Portale indes für die weit über 50 Discounter, die ohne eigenes Filialnetz mit günstigen vorausbezahlten Karten (prepaid) auf Kundenfang gehen.

Im Reisebusiness sieht es anders aus. Wer eine dreiwöchige Fotosafari durch Afrika plane, wird sich auch weiter im Detail von Spezialisten beraten lassen. „Die Buchung des klassischen Mittelmeer-Urlaubs im Sommer wird sich dagegen zunehmend ins Netz verlagern“, ist Kayak-Managerin Stadler überzeugt.

Die Entwicklung macht den Markt auch für Vergleichsportale interessant, für die das Reisegeschäft bisher nur Nebenerwerb war. So hält Check24-Chef Henrich Blase Ausschau nach Übernahmezielen. „Sollten Teile der Unister-Gruppe auf den Markt kommen, werden wir uns das sicher ansehen“, sagt Blase, der sich bisher weniger als Reise- denn als Versicherungskönig unter Deutschlands Portalisten hervorgetan hat.

Ein Vergleich für alles

Vor der Check24-Zentrale ragt ein historischer Schornstein in den Münchner Frühjahrshimmel und kündet von der Wucht früherer Wirtschaftsumbrüche. Rauch steigt hier schon lange nicht mehr auf. Drinnen sitzt Blase an einem Besprechungstisch und übt sich in versicherungspsychologisch optimierter Gesprächsführung. Zum Warmwerden ein wenig Small Talk über die richtige Zubereitung des Espressos („richtig heißes Wasser!“). Dann die Erfolgsstory von Check24: Vor 15 Jahren ging es los. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Eckhard Juls bastelte Blase eine erste Web-Site zum Versicherungsvergleich.

Inzwischen ist Check24 zum größten deutschen Vergleichsportal aufgestiegen und vermittelt die komplette Dienstleistungsgarnitur. Egal, ob Kredit, DSL-Vertrag oder Billig-Toaster – ein paar Angaben genügen, schon dröselt das Portal die Ergebnisse der kooperierenden Anbieter auf.

Wenn ein Besucher der Seite tatsächlich einen Vertrag abschließt, erhält Check24 eine Vermittlungsgebühr. Dabei geht es nicht um Kleingeld: 2013 haben die Checker aus München ein sogenanntes Transaktionsvolumen von rund fünf Milliarden Euro vermittelt. 160 Millionen Euro verbuchte Check24 als Umsatz. Der Versicherungsvertrieb steuert den Großteil der Erlöse bei. Allein 750.000 Kfz-Policen hat Check24 im vergangenen Jahr vermittelt.

Zahlen zu Versicherungsportalen

Dieses Jahr dürften die Münchner nochmals deutlich zulegen. Denn die Gesellschafter von Transparo, des bis dato wichtigsten Rivalen, haben ihren Ausstieg aus dem Vergleichsgewerbe angekündigt. Ab Sommer übernimmt der Heidelberger Vergleicher Verivox das Kommando bei Transparo.

Jeder zweite Web-Nutzer vergleicht online

Die Wirkung auf den Markt ist kaum zu überschätzen. Transparo gehörte mehrheitlich der HUK-Coburg. Alle Hoffnungen der deutschen Versicherer, selbst im Portalgeschäft mitzumischen, sind mit dem HUK-Rückzug gescheitert. Die Assekuranz muss sich mit den Externen arrangieren. Was bleibt ihr auch übrig?

Zu viel Geschäft läuft inzwischen über die sogenannten Aggregatoren. Fast jeder zweite Web-Nutzer soll in den vergangenen zwölf Monaten einen Vergleichsrechner genutzt haben, um sich über Finanz- oder Versicherungsprodukte zu informieren, hat der Kölner Marktforscher Yougov kürzlich ermittelt.

Seit Monaten wabert gar das Gerücht durch die Szene, Google wolle einen eigenen Versicherungsvergleich in Deutschland hochziehen. Ob sich die Netz-Großmacht den Markt tatsächlich vorknöpft, ist fraglich. Doch schon die Spekulationen sorgten für Nervosität in den Strategieabteilungen der Konzerne. „Auch wenn es kein Versicherungsmanager gerne offen zugibt“, sagt Check24-Chef Blase, „haben weite Teile der Branche doch erkannt, wie stark sich der Vertrieb in Zukunft zugunsten von Online-Abschlüssen ändern wird.“

Zahlen zu Bankenvergleichsportalen

Offiziell rühmen die Konzernführer ihr weit verzweigtes Netz von Maklern und Vertretern. „Die Portale sind nur ein Vertriebsweg von vielen“, sagt etwa Klaus Driever, der bei Allianz den digitalen Verkauf leitet. Bei Verbraucherschutz und Transparenz seien die Aggregatoren anderen Informationsquellen nicht überlegen. Und die Rankings der Portale seien auch nicht besser als nicht digitale Informationsquellen, lauten die Parolen aus München.

Großer Zulauf trotz Preisdifferenzen

Das mag sogar stimmen. Jüngst offenbarte ein Test der Deutschen Gesellschaft für Verbraucherstudien mit Sitz in Berlin Preisdifferenzen von teilweise mehr als 70 Prozent zwischen den jeweils günstigsten Angeboten von Vergleichsplattformen.

Doch an der massenhaften Kundendrift ins Netz ändert das wenig. Und so steckt der Versicherungsprimus und mit ihm die gesamte Zunft in der Zwickmühle. Einerseits will die Allianz den Kanal nutzen und vertreibt über ihre Direktversicherungstochter AllSecur Kfz-Policen und Risikolebensversicherungen unter anderem über Check24. Andererseits kommen angesichts der fortschreitenden Digitalisierung des Geschäfts aus dem Betriebsrat immer drängendere Fragen zur Zukunft der Arbeitsplätze.

Suchergebnisse haben wenig Aussagekraft

Bei der Munich-Re-Tochter Ergo räumt man den Druck offen ein. Von einem „süßen Gift“ spricht Internet-Bereichsleiter Stefan Daehne. Die Düsseldorfer bieten über die Vergleichsportale Kfz-Policen, Zahnzusatz- und Risikolebensversicherungen an. Um in den Vergleichen hin und wieder auf den Top-Rängen zu landen, hat Ergo auf bestimmte, eng umrissene Zielgruppen gerichtete Produkte gestrickt und bietet diese zu Kampfpreisen an, etwa Kfz-Versicherungen für extrem wenig fahrende Garagenbesitzer oder Risikolebensversicherungen für Starkraucher.

Keine Terminvereinbarungen, kein Gefeilsche um Prozente, keine Verkaufsshow des Beraters. Zunächst reicht ein Datendreisatz für die Kreditanfrage: Gewünschter Betrag: 10.000 Euro. Laufzeit: zwei Jahre. Verwendungszweck: Sonstiges. Und Klick.

Ein paar Sekunden später wirft der Kreditrechner mehr als ein Dutzend Banknamen aus. An der Spitze das vermeintlich beste Angebot: Barclaycard, ein Ableger der britischen Barclays Bank, stellt monatliche Raten von 428,73 Euro in Aussicht. Auf den Plätzen folgen die swkbank aus Bingen am Rhein und die Postbank.

Kampfpreise mit Kleingedrucktem

Doch die Aussagekraft der Liste ist überschaubar. Zum einen handelt es sich nicht um eine Übersicht über den kompletten Markt, sondern nur um ein Konditionen-Ranking der jeweiligen Kooperationspartner des Portals. Zum anderen landen meist diejenigen Kreditinstitute oben, die mit dem niedrigsten Einstiegszinssatz locken.

Beim Barclaycard-Angebot steht etwa in großen Ziffern „2,79 Prozent“ und klein darunter „bis 6,99 %“ nebst Sternchen und dem Zusatz „bonitätsabhängig“. Im Klartext heißt das: Ob der Billigzins tatsächlich gewährt wird, hängt von der individuellen Kreditwürdigkeit ab. Erst nach etlichen weiteren Eingaben erhalten Kredit-Kandidaten ein konkretes Angebot, das dann – Überraschung! – oft deutlich oberhalb des Werbezinses liegt. Der Versuch, den besten Anbieter zu finden, gerät so schnell zur statistischen Strafarbeit.

Stromanbieterwechsel

Doch was ist die Alternative? So loten immer mehr Verbraucher Baufinanzierungen und Konsumentenkredite, Konto- und Tagesgeldkonditionen online aus.

Die Geld-Gilde reagiert darauf höchst unterschiedlich. Die niederländische Großbank ABN Amro zum Beispiel platziert in Deutschland onlinegängige Billigprodukte unter der Kunstmarke MoneYou. Tages- und Festgeldkonten des Discounters tauchen unter den Rankings der Portale oft weit vorne auf, ohne die Muttermarke ABN Amro in den Preiskampf hineinzuziehen. Die Commerzbank kopiert bei Krediten für Häuslebauer oder Wohnungskäufer das Portalprinzip und bietet ihren Kunden mehr als 250 konkurrierende Baufinanzierungen einschließlich des eigenen Produkts an. Im Zweifel bleibt so zumindest die Provision im Haus.

Hoffen auf staatliche Vergleichsportale

Weniger aggressiv reagieren die Volks- und Raiffeisenbanken. Sie verfügen gerade auf dem Land noch über viele ältere, tendenziell onlinescheuere Kunden, die lieber beim Bankberater Verträge abschließen, als im Netz Zins-Hopping zu betreiben. Parallel dazu versuchen die Lokalmatadore über das verbandsinterne Portal Genopace ihr Angebot zu erweitern. Die Berater vor Ort können darüber auf die Produkte von Volksbanken quer durch die Republik zugreifen.

Was Sie bei der Preisjagd auf Vergleichsportalen beachten sollten

Zudem hoffen die Volksbanker auf Brüssel. Die EU-Kommission hat jüngst eine Richtlinie für den Aufbau staatlicher Vergleichsportale in den Mitgliedsländern auf den Weg gebracht. Sie sollen dereinst für mehr Transparenz beim Vergleich von Girokonten sorgen. So sollen auch Faktoren wie die Verfügbarkeit von Filialen und Geldautomaten oder die Höhe des Dispo-Zinses bei Überziehungen in die staatlich administrierten Rankings einfließen.

Die Vergleichszunft gibt sich gelassen. „Pläne für staatliche Vergleichsrechner machen uns keine Kopfschmerzen“, sagt Chris Öhlund, Chef der Verivox-Holding.

Öhlund – weißes Hemd, dunkler Anzug, keine Krawatte – sitzt an einem Tisch in der Heidelberger Verivox-Zentrale. Hinter ihm leuchtet die Neckarlandschaft durchs Bürofenster, vor ihm steht ein Teller mit Keksen, die der Verivox-Chef so sorgsam inspiziert, als würde er den Stand des heimischen Stromzählers überprüfen.

Energie-Dinos werden entmachtet

Ähnlich wie Check24 zählt Verivox zu den Generalisten unter den Vergleichsmaschinen. Ein Machtfaktor ist das Portal aber auf dem deutschen Energiemarkt. „Jeder vierte Verbraucher, der seinen Stromanbieter wechselt, nutzt dabei Verivox“, sagt Öhlund. Für die Strom- und Gasversorger heißt das: Wer auf den Listen der Heidelberger nicht unter den Top Ten auftaucht, bekommt ein massives Problem, seine Kundenzahlen stabil zu halten.

Entsprechend nervös reagieren die Energie-Dinos, sobald sie zu Verivox und Co. befragt werden. E.On-Energie-Geschäftsführer Uwe Kolks lobt pflichtschuldig die Transparenz- und Verkaufsqualitäten der Portale. Die E.On-Werbeetats sollen in den kommenden zwei Jahren zugunsten der Online-Medien umgeschichtet werden.

Wenn aus Pleiten Kriminalfälle werden
TeldafaxDie Insolvenz von Flextrom weckt Erinnerungen an Teldafax. Das Unternehmen, ebenfalls Stromanabieter, das auf Vorkasse setzte, war Im Sommer 2011 pleite gegangen. Viele Kunden hatten für ihren Strom Vorauszahlungen an Teldafax geleistet, für die sie nach der Pleite keine Gegenleistung mehr erhielten. Nun müssen sich drei frühere Vorstände des Stromdiscounters wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs vor Gericht verantworten. Nach 18 Monate dauernden Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Bonn im Februar Anklage erhoben. Quelle: dpa
Jürgen SchneiderZu den wohl bekanntesten deutschen Kriminalinsolvenzen zählt der Fall des Baulöwen Jürgen Schneider. Er besaß Dutzende teils historische Immobilien, darunter die Mädlerpassage in Leipzig, die Zeilgalerie in Frankfurt oder das Bernheimer-Palais in München. Doch er hatte sein Imperium auf einem gigantischen Schuldenberg errichtet. 5,4 Milliarden Mark hatten im Banken geliehen. Erst als sein Firmenkonglomerat 1994 kollabierte, wurde offenbar, dass sich Schneider die Kredite teils mit falschen Angaben erschwindelt hatte. Die Banken hatten seine Aussagen oft ungeprüft geglaubt. Nach spektakulärer Flucht und Ergreifung wurde der ehemalige zu knapp sieben Jahren Haft verurteilt. Quelle: AP
BelugaAuch der Schiffbruch der Beluga-Reederei im Jahr 2011 hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Bremen erhob im Februar Anklage gegen Niels Stolberg wegen Kreditbetruges in mehreren Fällen. Dem Reederei-Gründer wird vorgeworfen, zwischen 2006 und 2010 bei Schiffsneubaufinanzierungen die kreditgebenden Banken belogen zu haben. Stolbergs Sprecher verwies in der Vergangenheit darauf, dass es fraglich sei, ob den Banken ein Schaden entstanden sei, Stolberg habe sich nicht persönlich bereichert. Quelle: dpa
FlowtexÜber die skandalumwitterte Ettlinger Bohrtechnik-Firma Flow-Tex wurde beim Amtsgericht Karlsruhe das Insolvenzverfahren geführt. Flowtex hatte im großen Stil Erd-Bohrgeräte vermietet, die gar nicht existierten. Die Geschäftsführer des Unternehmens, Manfred Schmider und Klaus Kleiser, wurden daher im Februar wegen des Verdachts auf Betrug, Kapitalanlagebetrugs und Steuerhinterziehung verhaftet. Die Gläubiger der Schwindelfirma, bei der sogar die Zahl der Beschäftigten gefälscht war, wurden angeblich um 2,5 Milliarden DM geprellt. Quelle: AP
HessDie börsennotierte Leuchtenfirma meldete Mitte Januar Insolvenz an und schnell geriet die Pleite zum Bilanzskandal. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Bilanzmanipulation gegen 15 Personen, darunter auch Geschäftspartner, die mutmaßliche Scheinrechnungen geschrieben haben sollen. Bislang weisen die beiden Hauptbeschuldigten, darunter der entlassene Vorstandschef und der Ex-Finanzvorstand, die Vorwürfe zurück. Quelle: dpa
Phoenix KapitaldienstVon 1992 an hatte der Finanzvertrieb Phoenix Kapitaldienst seinen Kunden Spekulationen auf den Terminmärkten angeboten. Das so eingesammelte Geld sollte in einem speziellen Produkt, dem „Phoenix Managed Account", angelegt werden. Das Geld der Kunden wurde angeblich bei dem Londoner Broker Man Financial verbucht. Doch das angebliche Konto dort gab es nie. Dennoch wies das Unternehmen phantastische Renditen teilweise von mehr als 20 Prozent pro Jahr aus. Spätestens ab 1994 sollen die Angaben reine Illusion gewesen sein. Im März 2005 brach das System zusammen, die Gesellschaft meldete Insolvenz an. Die Geschäftsführerin kam im Juni 2005 in Untersuchungshaft und wurde später wegen Untreue zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Quelle: dpa/dpaweb
SchleckerAuch die Schlecker-Pleite hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen den früheren Drogeriepatriarchen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Ermittler durchsuchten im vergangen Jahr Wohnungen und Büros und stellten umfangreiche Unterlagen und Dateien sicher. Ob das für eine Anklage reicht, bleibt abzuwarten. Quelle: dapd

Dass die Energieriesen über ihre eigene Entmachtung viel Begeisterung verspüren, darf allerdings bezweifelt werden. „Bei Online herrscht mehr Transparenz, mehr Wechselaffinität, mehr Preiskampf“, murrt etwa ein Vertriebsleiter von RWE.

Vorsicht bei Lockangeboten

Die Folge: Unter den vermeintlichen Preisstars der Energieportale finden sich oft windige Klitschen, die die Wechselbereitschaft der Kunden mit Lockangeboten ausnutzen. So werden Tarife gerne mit einmaligen Wechselprämien für das erste Jahr garniert. Die Auszahlung der Boni ist aber oft an bestimmte Stromabnahmemengen geknüpft oder wird über höhere Arbeitspreise wieder eingespielt.

Zahlen zu Strompreisportalen

Noch heikler sind Vorkasse-Modelle. So wurden Hunderttausende Verbraucher von den Insolvenzen der Energieanbieter Teldafax und Flexstrom kalt erwischt. Die Discounter rangierten in den Tarifvergleichen regelmäßig auf Spitzenplätzen, verlangten von Kunden aber die Zahlung der jährlichen Stromrechnung vorab.

Das Debakel der Billigheimer änderte zwar nichts am Geschäftsmodell, doch zumindest bauten die meisten Portale Filter ein, mit denen Verbraucher allzu windige Offerten aussortieren können. Bei Verivox und Check24 können Kunden zum Beispiel die Empfehlungen der Stiftung Warentest für die Voreinstellungen beim Strompreisvergleich übernehmen.

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Ein Image-Desaster wäre für die Heidelberger fatal: Die Energiesparte gilt als Türöffner für den Abschluss weiterer Verträge, und der Haupteigner, der britische Finanzinvestor Oakley Capital, treibt die Expansion der Plattform voran. Kurz vor der Entscheidung, das Versicherungsgeschäft auszubauen und Transparo zu übernehmen, hatte das Verivox-Management eine Immobiliensuche auf der Seite integriert. Zudem ist das Auslandsgeschäft eine Option. „Österreich und die Schweiz, aber auch Länder wie Italien und Polen sind für uns interessant“, sagt Verivox-Chef Öhlund.

Auf Wachstum und Markenpflege zu setzen scheint konsequent. Nur Vergleichsrechner, denen es gelingt, dass Kunden sie quasi automatisch ansteuern, können ihre Kosten für das Online-Marketing auf ein erträgliches Niveau drücken. Derzeit schnappen sich die Portale die besten Anzeigenplätze im Netz gegenseitig weg und treiben so die Werbekosten. Google profitiert, während vor allem Nischenplayer kämpfen müssen. „Es wird eine Konsolidierung geben“, ist Öhlund überzeugt. „Im deutschen Markt sehe ich langfristig nur zwei große Player – einer davon werden wir sein.“ Bei dem anderen dürfte Öhlund wohl an Check24 denken. Gut möglich, dass er recht behält. Die Latein-Vokabel Verivox soll auf Deutsch schließlich so viel wie „die Stimme des Wahren“ bedeuten.

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