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Internettelefonie Die Telekom verpasst den Anschluss

Vorstandschef René Obermann steht vor düsteren Jahren. Bis Ende seiner zweiten Amtszeit 2016 droht ein Großteil der Erlöse im angestammten Geschäft mit Mobilfunk und Festnetz wegzubrechen. Gleichzeitig fehlen überzeugende Innovationen im Boommarkt Internet. Wie lange hält der Konzern das aus?

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Telekom-Chef René Obermann Quelle: dpa

René Obermann ist stolz auf die besondere Form von Basisdemokratie, die er kurz nach seinem Amtseintritt im November 2006 eingeführt hat. Sobald die 234 000 Mitarbeiter im Konzern etwas auf dem Herzen haben oder einfach nur Dampf ablassen wollen, dann können sie sich per E-Mail direkt an der virtuellen Schulter des Telekomchefs ausheulen. Die zum Teil sehr persönlichen Anliegen und Beschwerden werden direkt mit Vor- und Nachnamen der Leidenden im konzerneigenen Intranet veröffentlicht. Das Außergewöhnliche bei der Telekom: Per Mausklick stimmen die Mitarbeiter darüber ab, welche Frage Obermann zuerst beantworten soll.

Die Abstimmung im April katapultierte eine besonders brisante Frage auf den ersten Platz. Mit der überwältigenden Mehrheit von weit über 1000 Stimmen forderten die Mitarbeiter den Konzernchef auf, die Kritik des Kollegen Jürgen H. an der "großzügigen Bonuszahlung" zu beantworten. H. hatte moniert, dass Obermann neben seinem Fixgehalt in Höhe von 1,45 Millionen Euro eine etwa gleich hohe Erfolgsprämie einstreicht. Den Bonus bekommt Obermann, obwohl das Geschäftsjahr 2011 äußerst ertragsschwach war und eine Gewinnwarnung nur mithilfe eilig aufgelegter Sparprogramme vermieden werden konnte.

Magere Bilanz trotz hohen Boni

"Wenn es nicht recht läuft im Unternehmen und sich der Chef trotzdem einen Millionenbonus zahlen lässt und zugleich den Mitarbeitern ein verfehltes Finanzziel angelastet und Geld gekürzt wird, dann charakterisiert das Maßlosigkeit und Gier", schimpft Mitarbeiter H. Seine Kritik gipfelt in der Frage: "Wie also erklären Sie den Bonus im Vergleich zum miserablen Abschneiden der Deutschen Telekom?"

Wie Obermann das Vertrauen verspielt

Die Frage werden auch T-Aktionäre auf der Hauptversammlung am 24. Mai stellen. Obermann wird sich etwas einfallen lassen müssen, um die Gemüter zu beruhigen. Denn auf dem Aktionärstreffen legt der Konzernchef auch eine Zwischenbilanz seiner ersten fünf Jahre an der Spitze der Deutschen Telekom vor. Und die fällt äußerst mager aus.

Seit Obermanns Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden im November 2006 sank der Konzernumsatz um vier Prozent auf 58,7 Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Der Gewinn stürzte im Vergleich zu 2006 sogar um 82 Prozent auf 557 Millionen Euro ab. Die T-Aktie dümpelt inzwischen bei etwa 8,80 Euro. Bei seinem Amtsantritt, am 13. November 2006, waren es noch 13,50 Euro. Obermann hatte damals versprochen, den Aktienkurs zu steigern. Jetzt schlägt ein Minus von 35 Prozent zu Buche. Selbst der Deutsche Aktienindex (Dax) entwickelte sich besser.

Furcht einflößend aus der Ferne

Handy mit SMS Quelle: dpa

Und das könnte erst der Anfang einer noch viel traurigeren Entwicklung sein. Einige Manager vergleichen den Konzern inzwischen mit einem Scheinriesen. Wie der Herr Tur Tur aus dem berühmten Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" wirkt das Unternehmen riesig und Furcht einflößend, solange man es aus großer Ferne betrachtet. Wer dagegen nah heranrückt und sich die Problemzonen genauer anguckt, spürt sehr schnell, wie klein und gefährdet der ehemalige Monopolist inzwischen geworden ist.

Weltweite Umsätze von Hardware-, Software-, Telekommunikations- und Internet-Anbietern Quelle: Booz&Company, Deutsche Telekom, eigene Schätzung

Insider bei der Telekom sprechen bereits von einer "bedrohlichen Lage". Interne Zahlen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, zeigen, wie stark die Telekom ihre Planvorgaben im vergangenen Geschäftsjahr verfehlt hat. In Deutschland erreichte die Telekom ihre Ziele im Mobilfunk- und Festnetzgeschäft zwar noch halbwegs akzeptabel zu 98 Prozent. Bei der IT- und Großkundensparte T-Systems lag die Quote aber nur bei 91 Prozent. Die Geschäfte in den europäischen Auslandsmärkten landeten noch weiter abgeschlagen bei 85 Prozent.

Lediglich die Konzernzentrale, bei der auch das von Vorstandschef Obermann persönlich gesteuerte US-Geschäft von T-Mobile verbucht wird, konnte ihre Ziele mit 102 Prozent leicht übertreffen – allerdings nur aufgrund der drei Milliarden US-Dollar, die der amerikanische Telekomriese AT&T als Entschädigung für die am Widerstand der US-Behörden gescheiterte Übernahme zahlen musste. Um das US-Problem zu lösen, sucht Obermann weiter nach einem geeigneten Kandidaten.

Einbußen während die Branche wächst

Das Verfehlen solcher Planvorgaben ist umso verwunderlicher, als sich die Deutsche Telekom im stärksten Wachstumsmarkt der Welt bewegt, dem Geschäft rund ums Internet. Web-Giganten wie Apple, Google und Amazon melden im Quartalsturnus Rekordzahlen und stehen ganz oben auf der Liste der wertvollsten Unternehmen. Die Deutsche Telekom jedoch, neben AT&T, Telefónica, Verizon, France Télécom und Vodafone einer der größten Netzbetreiber weltweit, bekommt davon wie ihre Branchenangehörigen fast nichts ab. Auch für das erste Quartal meldete die Telekom am vergangenen Donnerstag wieder Einbußen bei Umsatz und Gewinn.

Die Schwachstellen der Telekom

Der Graben zwischen den Erfolgreichen und Erfolglosen im Web wächst von Monat zu Monat. Mit dem Siegeszug der internetfähigen Smartphones zum Beispiel entstehen zwar viele neue, explosionsartig wachsende Märkte: für Geräte, Apps und Dienstleistungen allerorten. Doch nicht die Telekom mit ihrem riesigen Übertragungsnetz profitiert davon, sondern Konzerne wie Apple und Google, indem jeder von ihnen das bisher hochprofitable Geschäft mit mobiler Telefonie und Kurzmitteilungen (SMS) torpediert. Im Gegenzug schafft die Telekom auf den neuen Feldern nur einen Bruchteil der Marktanteile und Margen, die ihr im angestammten Geschäft mit Anschlussgebühren und Verbindungsentgelten verloren gehen.

Gefahr durch WhatsApp

Ein Mann tippt eine Nachricht in ein Messenger-Programm in sein iPhone. Quelle: dpa

Wenn den Telekomkonzernen keine Gegenstrategie zum Treiben der Web-Giganten einfalle, meint Alexander Dahlke, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants, "dann werden die Umsätze um 20 Prozent und die operativen Gewinne um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 einbrechen". Für die Deutsche Telekom hieße das: Sie wäre dann nur noch ein Schatten ihrer selbst mit einem Jahresumsatz von dann rund 47 Milliarden Euro und einem operativen Gewinn von zwölf Milliarden Euro. Der Börsenwert, der ohnehin schon einen historischen Tiefststand erreicht hat, würde dann um weitere 30 Prozent nach unten stürzen. Statt 8,50 Euro würde die T-Aktie dann nur noch bei 5,95 Euro notieren.

Jan Koum zeigt keine Scheu vor der Höhle des Löwen. Zum ersten Mal betritt der Gründer von Whatsapp am 27. Februar das Auditorium des Mobile World Congress in Barcelona, das mit 60 000 Teilnehmern größte Treffen der Mobilfunker weltweit. Vor einem Jahr wäre niemand auf die Idee gekommen, den damals noch weithin unbekannten Startup-Unternehmer aus dem kalifornischen Silicon Valley einzuladen. Jetzt gehört der 36-Jährige zur Riege der Shootingstars, die der hier versammelten Beletage der Telekombranche Angst und Schrecken einjagen. "Wir verschicken täglich mehr als zwei Milliarden Nachrichten", erzählt der ehemalige Manager des US-Internet-Unternehmens Yahoo. "Das sind 30 000 Mitteilungen pro Sekunde."

Kein Nischenprodukt für Freaks

Wo die Deutsche Telekom stark wachsen will Quelle: Deutsche Telekom

Whatsapp steht an der Spitze einer Armada von App-Anbietern, die das angestammte Geschäft von Mobilfunkbetreibern wie der Deutschen Telekom so massiv wie noch nie gefährden. Startups wie Viber, Pinger, Fring oder Yuilop, aber auch Web-Riesen wie Google, Facebook oder die Microsoft-Tochter Skype bauen das Smartphone zur kostenlosen Kommunikationsplattform um. Frei nach dem Motto "Text and Talk Free" bieten sie zum Herunterladen eine App – etwa für 0,79 Euro – an. Mit ihr können die Nutzer, fatal für die Telekom, in der Regel zum Nulltarif nicht nur chatten und Mitteilungen verschicken, sondern via Internet künftig verstärkt auch Gespräche und Videotelefonate führen.

Bislang tat die Telekom solche Dienste als Nischenprodukt für Technikfreaks ab. Doch die Erfolgsmeldungen von Whatsapp & Co. schrecken selbst hartgesottene Manager der Telekommunikationsbranche auf. Marktführer Whatsapp, der seit Wochen Apples Hitliste der am häufigsten heruntergeladenen Apps anführt, konnte in nur vier Monaten die Zahl der verschickten Textbotschaften verdoppeln.

Gefährlich sind diese Startups für etablierte Konzerne vor allem deshalb, weil sie mit sehr geringem finanziellen Aufwand operieren. "Over-the-top-player" nennen das die Experten. Soll heißen: Die Neulinge brauchen keine eigenen Infrastrukturen, um ihren Kunden solche Dienste anzubieten. Sie nutzen einfach die schnellen Mobilfunknetze oder WiFi-Hotspots mit ihren Smartphones, Tablett-PCs und Netbooks.

Smartphone schadet der Telekom

Mitarbeiter von Joyn Quelle: dapd

Der SMS droht damit ein baldiges Ende. Noch im vergangenen Jahr verschickten die Deutschen die Rekordsumme von 55 Milliarden Textbotschaften über ihre Handys. Etwa zehn Prozent des gesamten Umsatzes im deutschen Mobilfunkmarkt in Höhe von 26,3 Milliarden Euro stammen aus dem Versand der maximal 180 Zeichen langen Kurzmitteilungen. Der Rekord wird für alle Zeiten bestehen bleiben. Bis 2014, schätzt der ehemalige Telekom-Manager Jens Gutsche, der inzwischen Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Merseburg lehrt, wird die Zahl der verschickten SMS so stark einbrechen, dass sich der Anteil am Mobilfunkumsatz auf etwa fünf Prozent halbiert. Statt 2,6 Milliarden fließen dann nur noch 1,3 Milliarden Euro in die Kassen der vier deutschen Mobilfunkbetreiber.

Und es kommt noch schlimmer. Denn mit dem Siegeszug der Smartphones werden noch mehr Kunden die Möglichkeit nutzen, auf kostenlose Telefonie- und Mitteilungsdienste umzusteigen. Mit jedem Plus von zehn Prozentpunkten bei der Verbreitung der Smartphones, rechnet Dario Talmesio vom Marktforscher Informa, dürften die Telekomkonzerne in West- und Osteuropa Umsätze in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar (rund 1,2 Milliarden Euro) verlieren.

Konkurrenzprodukt der Telekom zu WhatsApp

Der Telekom geht damit die mit Abstand profitabelste Einnahmequelle verloren. Denn die Übertragung der wenigen Bits einer SMS kostet die Netzbetreiber fast nichts. Die Gebühren, die sie in Rechnung stellen, schlagen so gut wie zu 100 Prozent als operativer Gewinn zu Buche.

Wo altes Kerngeschäft der Telekom in Deutschland wegbricht und in welchen neuen Geschäften das Unternehmen die größten Chancen verspielt Quelle: Bundesnetzagentur, Bitkom, Deutsche Telekom, eigene Recherchen

Noch mehr fürchtet die Deutsche Telekom die komplette Integration solcher bedrohlicher Apps in die Betriebssysteme von Apple, Google und Microsoft. Der US-Softwareriese plant zum Beispiel, auf allen Windows-Phones von Nokia die Internet-Telefonie seiner Tochter Skype ganz vorne auf einer der optisch hervorgehobenen Kacheln zu platzieren. Ein Anruf über Skype baut sich dann noch leichter auf, durch ein oder zwei Berührungen des Displays mit dem Daumen.

Mit Joyn bringen die Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica bald ein Konkurrenzprodukt auf den Markt. Doch Experten räumen dem Spätstarter wenig Erfolgschancen ein. Solange sich Apple weigert, die App von Joyn in seinen App-Store aufzunehmen, wird das Produkt ein Nischendasein fristen.

Neuer Anlauf bis 2015

Ein DSL-Anschluss Quelle: AP

Die Vertreter der größten Konkurrenten im Festnetz, die voriges Jahr am 25. Mai zu einem runden Tisch in der Bonner Telekom-Zentrale zusammenkamen, wurden Zeuge einer außergewöhnlichen Präsentation. Immer wieder hatten die Technikchefs in den vergangenen Jahren darüber debattiert, wann denn wohl der ideale Zeitpunkt sei, um die alten Analog- und ISDN-Anschlüsse im Telekom-Festnetz abzuschalten und den gesamten Telefon- und Datenverkehr auf rein internetbasierte Anschlüsse mit Internet-Kennung umzustöpseln. Zum ersten Mal legte die Telekom einen genauen Zeitplan vor, wie die wohl tief greifendste Veränderung in ihrem deutschen Festnetz ablaufen könnte.

Die Charts, die ein Telekom-Manager auflegte, gaben erste Einblicke in einen bis dato streng geheimen Plan. Ab 2013 will der Konzern offenbar einen erneuten Anlauf unternehmen, die alten Anschlüsse schrittweise auf die neue Technik zu übertragen. Drei Jahre lang – bis 2015 – haben dann die Techniker Zeit, einen reibungslosen Wechsel zu organisieren. Beim Vertragswechsel oder bei Neukunden werden dann stärker als bisher ausschließlich DSL-Anschlüsse mit fester Internetverbindung installiert. 2016, also in vier Jahren, folgt dann mit der "Abschlussphase" der harte Schnitt. Die letzten Kunden werden zwangsweise umgestöpselt, damit die Telekom die alten Fernmeldenetze endgültig abschalten kann.

Umbau wäre riskantes Manöver

Seit Jahren schiebt die Telekom den unausweichlichen Umbau vor sich her. Auch für den jetzt bekannt gewordenen Zeitplan gibt es noch keinen Vorstandsbeschluss. "Zum heutigen Zeitpunkt kann keine konkrete Jahreszahl für die Einstellung des ISDN- und Analogangebots genannt werden“, heißt es offiziell bei der Telekom. „Das Angebot wird nach heutigem Stand jedoch mindestens bis zum Ende des Jahres 2016 in Deutschland aufrechterhalten werden."

Die Deutsche Telekom zögert, weil der Umbau eines der riskantesten Manöver der Konzerngeschichte ist. Denn mit dem Technikwechsel droht dem Unternehmen der Verlust ihrer wichtigsten Einnahme- und Gewinnquelle. Denn noch telefoniert der überwiegende Teil der 38 Millionen Haushalte über alte Analog- oder ISDN-Telefone. 90 Prozent der 17,5 Millionen Analog-Anschlüsse und 67 Prozent der elf Millionen ISDN-Anschlüsse in Deutschland sind nach Erhebungen der Bundesnetzagentur auf dem Telekom-Netz geschaltet.

Allein die monatlichen Grundgebühren spülten im vergangenen Geschäftsjahr knapp sechs Milliarden Euro in die Telekom-Kasse. Die Gefahr ist groß, dass viele den bevorstehenden Technikwechsel dazu nutzen, um auf die deutlich preiswerteren Angebote von Konkurrenten wie 1&1 oder Kabel Deutschland umzusteigen.

Telekom drängt auf Ablösung der Altnetze

Ein Display mit Apps Quelle: dpa

Noch mehr Abtrünnige könnten es werden, wenn – wie bei solchen Megaprojekten üblich – Technikprobleme auftreten. Denn die Übertragung der Sprach- und Datenpakete über das sogenannte Internet-Protokoll, für das die Abkürzung IP steht, ist längst nicht so ausgereift, wie die Hersteller gerne suggerieren. An den alten Analog- und ISDN-Anschlüssen hängen zum Beispiel nicht nur traditionelle Telefone, sondern auch viele Faxgeräte und Eingabe-Terminals für Kredit- und EC-Karten. "Für Faxsendungen über einen IP-Anschluss gibt es heute noch keine saubere technische Lösung", sagt Telekom-Deutschland-Chef Niek Jan van Damme. "Aber das werden wir in bewährter Manier lösen." Bei längeren Faxsendungen mit 20 und mehr Seiten könne es schon mal passieren, dass eine Seite verloren gehe.

Selbst bei der Telefonie müssen die Kunden durch die Umstellung nach heutigem Stand mit Qualitätseinbußen rechnen. So gewann das alte ISDN einen Vergleichstest der Fachzeitschrift "Connect" mit der IP-Telefonie mit großem Vorsprung. Bei allen wichtigen Kriterien wie der Zeit für den Aufbau eines Anrufs, der Sprachqualität und den Verzögerungen bei der Sprachübertragung konnte ISDN die neue Technik schlagen. "Wer in erster Linie schnell, stabil und komfortabel telefonieren will, sollte ISDN noch möglichst lange die Treue halten", lautet das für die Verfechter der IP-Technik beschämende "Connect"-Urteil.

"Die greifen nach den Sternen"

Trotzdem drängt die Telekom auf eine baldige Ablösung der Altnetze, weil sich dadurch Personal- und Betriebskosten in Milliardenhöhe einsparen lassen. "Ein Parallelbetrieb von zwei unterschiedlichen Netzen verursacht doppelte Kosten", sagt Deutschland-Chef van Damme. Auch der Energieverbrauch der alten Analog- und ISDN-Technik sei deutlich höher. "Das Abschalten würde eine riesige Einsparung bringen."

Im April tourte Telekom-Chef Obermann wieder einmal durch das Mekka aller Internet-Startups, das kalifornische Silicon Valley. Vor Ort und aus erster Hand wollte er sich informieren, wie die Firmengründer die Zukunft des mobilen Internets sehen und welche Apps auf den Smartphones von Apple, Google und Microsoft die künftigen Renner sind. Was ihn besonders beeindruckt habe, fragte der konzerneigene TV-Sender nach seiner Rückkehr. "Die Tatkraft und der Siegeswille", antwortete Obermann. "Die greifen nach den Sternen."

Solch einen Spirit sehnt Obermann auch im eigenen Haus herbei. Nur: Bislang sind die meisten Versuche fehlgeschlagen, den Mitarbeitern Unternehmergeist einzuhauchen. Während die Pioniere im Silicon Valley neue Ideen für Apps am Fließband produzieren und schon nach wenigen Tagen zum Teil halb fertig auf den Markt werfen, brauchen Produktentwickler bei der Telekom Wochen, wenn nicht gar Monate, um alle Widerstände im Konzern zu überwinden. Und wenn dann mal eine Idee bis zur Marktreife gebracht wird, dann kann es immer noch passieren, dass sie wieder in der Schublade verschwindet. Ein Controller hat dann vielleicht sein Veto eingelegt, weil die App zu stark das Kerngeschäft kannibalisiert.

Bundesliga-Rechte an Sky verloren

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Viele Innovationschefs sind in den zurückliegenden Jahren mit dem gutem Vorsatz bei dem Magenta-Konzern angetreten, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Doch bisher scheiterten alle an dieser Mammutaufgabe, zuletzt warf der Amerikaner Ed Kozel frustriert das Handtuch. "Die Telekom konnte den Behördenmief nie ganz abstreifen", sagt ein ehemaliger Telekom-Vorstand.

Vor allem die Hoffnung, dass die einstmals so agile Tochtergesellschaft T-Online nach der Verschmelzung mit der Konzernmutter im Jahr 2005 das gesamte Unternehmen befruchten und inspirieren könnte, ist wie eine Seifenblase geplatzt. Die letzte Mittelfristplanung sah vor, dass die Internet-Tochter ihre Umsätze bis zum Jahr 2015 von zwei auf acht Milliarden Euro vervierfacht. Die Hälfte des Umsatzwachstums sollen neue Unterhaltungsangebote wie Musik, Videos und Spiele aus dem Internet beisteuern. Doch von dieser Planvorgabe ist die Telekom weiter denn je entfernt. Solche Web-Angebote steuerten 2011 weniger als eine Milliarde Euro zum Umsatz bei.

Konzernchef Obermann, der nach dem vorzeitigen Abgang seines Innovations-chefs Kozel den Posten in Personalunion übernommen hat, startet nun einen neuen Anlauf, damit die Telekom stärker am Marktwachstum partizipiert. In fünf strategischen Wachstumsfeldern – dem mobilen Internet, dem vernetzten Zuhause, den Online-Diensten für Privatkunden, dem Cloud Computing für Geschäftskunden sowie den intelligenten Netzen für bestimmte Branchen wie Auto, Gesundheit und Energie – will er den Umsatz bis 2015 um insgesamt zehn Milliarden Euro steigern.

Ende für "Liga total"

Ein Jahr nach dem Start fällt die Bilanz allerdings dürftig aus. In drei der fünf Wachstumsfelder konnte die Telekom ihren Umsatz nur minimal um jeweils rund 100 Millionen Euro steigern, bei Online-Diensten für Privatkunden gingen die Einnahmen sogar leicht um 1,8 Prozent zurück. Dabei verspricht sich die Telekom ausgerechnet dort die höchsten Zuwachsraten.

Besonders bitter für die Telekom ist, dass sie ab der Saison 2013/14 auch die Live-Übertragungsrechte im Internet für die Fußballbundesliga an den Pay-TV-Sender Sky verliert. "Liga total" sollte eines der Zugpferde für den neuen Glasfaseranschluss werden, mit dem Obermann den Rückstand gegenüber den inzwischen deutlich schnelleren Kabel-TV-Gesellschaften aufholen wollte. Doch das TV-Produkt "Entertain" liegt trotz zuletzt besserer Neukundenakquise weiterhin weit hinter den ursprünglichen Planzahlen zurück. Eigentlich sollten längst weit über zwei Millionen Kunden das neue Pay-TV-Angebot der Telekom nutzen, doch bis Ende März schaffte die Telekom gerade mal den Sprung auf 1,7 Millionen.

IT



Die Zeiten, in denen der Aufsichtsrat den Versprechen der Vorstände allzu gutgläubig vertraut, sind jedenfalls vorbei. Die Kontrolleure beschlossen am 19. Juli 2011, als zusätzliches Aufsichtsorgan erstmals einen Technologie- und Innovationsausschuss bei der Deutschen Telekom einzurichten. Offiziell, so heißt es, soll das Gremium den Vorstand bei der Erschließung neuer Wachstumsfelder "beratend unterstützen".

Doch Insider sehen in der Gründung auch einen ersten Warnschuss. Obermann wird nun öfter zum Rapport antreten müssen und mit Aufsichtsratschef Ulrich Lehner die nächsten Schritte beim längst überfälligen Umbau zu einem starken Internet-Konzern abstimmen.

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